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Griff nach den Sternen: Wie die berühmte Himmelsscheibe das Universum der Bronzezeit sichtbar macht

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    Seit 20 Jahren begeistert die Himmelsscheibe von Nebra die Archäologen und ganz besonders Harald Meller, den Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt. 2018 schon brachte er zusammen mit dem Historiker Kai Michel seine Begeisterung in Buchform und erzählte die Geschichte eines bis dato unbekannten Reiches. Aber das Thema lässt ihn nicht los. Denn am Horizont der Himmelsscheibe taucht eine komplette Bronzezeitwelt auf, ein Europa, das es so bislang in den Geschichtsbüchern nicht gab.

    Schon in ihrem ersten gemeinsamen Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ stellten sie den spektakulären Fund vom Mittelberg bei Nebra in einen größeren Zusammenhang. Immerhin lagen inzwischen auch jede Menge Daten vor, die mithilfe modernster Methoden der Materialuntersuchung gewonnen wurden. So stammte das Kupfer wohl aus einer Mine am Mitterberg im heutigen Österreich, Gold und Zinn aber aus Cornwall, also direkt von der berühmten Zinninsel England.Und auf einmal gerieten auch viele Funde aus den Grabhügeln Mitteldeutschlands in einen neuen Zusammenhang, denn auch dort gefundene Waffen und Schmuckstücke wiesen Materialien auf, die auf genau dieselben Herkunftsorte und damit Handelswege verwiesen. Gleichzeitig erzählten sie von einer Welt, die über mehrere Jahrhunderte stabil blieb, mit klar ablesbaren Hierarchien und dem Rang der Bestatteten anhand entsprechender Grabbeigaben. Und da sich die Befunde aus mehreren dieser einst gewaltigen Grabhügel ähnelten, kann man wohl zu Recht davon ausgehen, dass hier in der frühen Bronzezeit ein Reich existierte, auch wenn wir keinerlei schriftliche Nachweise darüber haben.

    Aber mit den damaligen Kulturen in England, Frankreich und Spanien geht es uns genauso. In ihrem neuen Buch erinnern die beiden daran, was es für eine Sensation war, als vor über 100 Jahren die Archäologen der Generation Schliemann überhaupt erst einmal die legendären Orte der frühantiken Überlieferung ausgruben. Denn wirklich sichtbar waren ja Jahrtausende lang eher nur die Ruinen Roms und Griechenlands und die Pyramiden Ägyptens.

    Babylon war eine biblische Legende, genauso wie Troja und der sagenhafte Palast des Minos. Erst die Archäologie brachte wieder ans Tageslicht, dass all diese Orte tatsächlich Realität waren. Und die spektakulären Funde in Mesopotamien, auf Kreta, in Troja und Griechenland prägen bis heute unser Bild von der Bronzezeit. Die historischen Museen präsentieren den Glanz dieser Kulturen. Auch in den Schulbüchern dominieren sie und verstärken den Eindruck, als hätte es damals nur die Hochkulturen im östlichen Mittelmeerraum gegeben.

    Doch gerade die Himmelsscheibe hat eine ganze Reihe von neueren Forschungen angestoßen, die in den vergangenen Jahren immer mehr Puzzlesteine dazu beigetragen haben, ein Bild von jenem Europa der Bronzezeit zu zeichnen, das damals neben und mit den berühmten Reichen im Süden existierte. Damals: Das ist die Zeit vor über 3.600 Jahren. Da man auch die Deponierung der Himmelsscheibe auf dem Mittelberg um das Jahr 1600 vor unserer Zeitrechnung recht genau bestimmen konnte, fällt dieses Ereignis zeitlich mit dem verheerenden Ausbruch jenes Vulkans zusammen, der damals die Insel Thera (das heutige Santorin) zerstörte und einer der gewaltigsten Vulkanausbrüche der jüngeren Geschichte der Menschheit war.

    Mit ihm begann nicht nur der Niedergang der minoischen Kultur (und der Aufstieg Mykenes), sondern wahrscheinlich auch das Ende mehrerer europäischer Kulturen, zu denen wohl auch das Reich von Nebra gehörte. Denn wie jeder dieser gewaltigen Vulkanausbrüche brachte wohl auch dieser die bekannten „Jahre ohne Sonne“ mit sich, ausfallende Ernten, Hungersnöte und Seuchen.

    Wie stark solche Naturereignisse die Geschichte der Menschheit beeinflussten, ist ja auch erst seit einigen Jahren Thema der archäologischen Forschungen. Mitsamt der Tatsache, wie sehr solche Naturkatastrophen die Stabilität und Legitimität von Herrschaft infrage stellten. Ein Thema, auf das Meller und Michel auch eingehen – nicht nur in Bezug auf die möglichen Herrscher an Saale und Elbe, sondern auch in Bezug auf die ganz und gar nicht „ewigen“ Herrscherreihen in Mesopotamien, Ägypten und Kreta.

    Was eine Menge mit der Botschaft der Himmelsscheibe zu tun hat, bei der sich die Forschung mittlerweile recht sicher ist, dass sie astronomisches Wissen enthält, das so nur im Zweistromland gesammelt werden konnte.

    Es sind eine Menge Indizien, mit denen die beiden Autoren die Spur eines oder mehrerer möglicher Reisender aus dem Reich an der Elbe in die faszinierende Welt des östlichen Mittelmeers und nach Assur nachzeichnen. Glasperlen aus dem Süden und Bernstein aus dem Norden erzählen von diesen Handels- und Wanderbeziehungen genauso wie die Übernahme von Waffenformen und Bildmotiven wie den Kampfwagen und Sonnenschiffen, die aus dem Mittelmeerraum bis hinauf nach Skandinavien gelangten.

    Wo es keine überlieferten Mythen und Legenden gibt, müssen die archäologischen Funde selber sprechen. Und dass vieles noch spekulativ sein muss, betonen die beiden auch. Sie wissen genau, dass sie eigentlich mitten aus einem noch jungen Forschungsgebiet berichten, für dessen Aufblühen letztlich gerade die Himmelsscheibe von Nebra gesorgt hat, die im Jahr 2000 durchaus noch wie ein unpassendes Fundstück wirken mochte, vielleicht ein irgendwie auf Abwege geratenes Artefakt aus dem Fruchtbaren Halbmond mit seiner hochentwickelten Schmiedekunst.

    Aber je länger sich Forscher unterschiedlichster Disziplinen mit der Scheibe und ihren Veränderungen beschäftigt haben, umso mehr fand sie ihren Platz genau hier in Mitteleuropa, mitten in einer Kultur, die von den Archäologen traditionell als Aunjetitzer Kultur bezeichnet wird nach dem ersten Fundort der typischen Tongefäße in einer Fundstelle nahe Prag. Und Meller und Michel erzählen natürlich auch, wie weit diese Kultur reichte und wie die diversen Fundstellen aus Polen, Tschechien, Österreich und Deutschland davon erzählen, dass diese Menschen sehr intensive Handelsbeziehungen miteinander hatten.

    Und gerade die Herkunft der Metalle deutet auf viel weiterreichende Handelsbeziehungen hin. Erst schemenhaft zeichnet sich das Bild eines Europas, das zur Zeit von Hammurapi und des Königs Minos ganz und gar nicht abgeschnitten von den Entwicklungen im östlichen Mittelmeer war. Immer detaillierter wird das Bild der Wessex-Kultur, in deren Zentrum ja das berühmte Stonehenge stand, einer von vielen Orten eines Sonnenkultes, der damals praktisch alle bronzezeitlichen Gesellschaften prägte.

    Für das Reich von Nebra steht ja nicht nur die Himmelsscheibe, sondern davon erzählen mittlerweile auch die systematisch untersuchten Holzkreise von Pömmelte und Schönebeck. Die beiden Autoren versuchen sehr akribisch herauszuarbeiten, warum der Sonnenkult so wichtig war zur Legitimation von Macht, und welche Rolle der Abgleich von Sonnen- und Mondkalender dabei spielte. Sonnenkult und Herrschaftswissen werden zur Stütze von Herrschaft, auch wenn die beiden Autoren zu Recht bedauern, dass man aus den Funden leider nicht rekonstruieren kann, wie der Kult tatsächlich zelebriert wurde.

    Andererseits erzählte ja ihr erstes Buch schon, wie selbst die Archäologen staunten, als mit den zunehmenden Funden und Erkenntnissen die bronzezeitliche Welt in Mitteleuropa immer mehr Kontur annahm, eine Welt, die in früheren Geschichtsbüchern meist nur sehr trocken und ungreifbar mit schönen Tongefäßen abgebildet wurde, ohne dass sichtbar wurde, wie diese Menschen wirklich lebten oder woher sie kamen.

    Das wissen wir ja auch erst seit kurzer Zeit, seit auch genetische Untersuchungen möglich sind. Man vergisst ja geradezu, dass diese Einwanderer heute im Erbgut der meisten Europäer stecken. Es sind unsere Vorfahren, auch wenn sie keine Städte aus Stein bauten. Von ihren legendären Langhäusern sind ja meist nur die Pfostenlöcher im Erdboden erhalten. Was übrigens – neben dem Bornhöck – der einzige Punkt ist, an dem Meller und Michel auch mal in die sächsischen Fundräume hinüberspringen.

    Denn auch im Tagebaugebiet von Zwenkau wurden ja diese typischen Langhäuser ausgegraben. Und mit einiger Sicherheit gehörten auch große Teile Sachsens zur Welt der Fürsten von Nebra. Der Bornhöck zwischen Döllnitz und Großkugel war womöglich sogar mal der größte Grabhügel, in dem einer der Fürsten begraben wurde. Leider wie so viele diese einst imposanten Grabhügel im 19. Jahrhundert abgetragen und geplündert.

    In wirklich reich und lebendig bebilderten Kapiteln rekonstruieren die beiden Autoren in diesem Buch jene Welt, die bislang nicht einmal das Stiefkind der bronzezeitlichen Forschung gewesen war. Alte Palastmauern, Pyramiden und steinerne Grabanlagen sind nun einmal spektakulärer als die oft kaum noch sichtbaren Überreste einer Kultur, deren wichtigste Baustoffe Holz, Lehm, Stroh und Schilf waren. Alles vergängliche Materialien.

    Erst wenn Artefakte aus Metall oder Tongefäße gefunden werden (und die Fundorte nicht zerstört wurden), können Archäologen auch aus dieser schriftlosen Zeit nach und nach eine Welt rekonstruieren, die in manchem durchaus verblüffend vertraut wird, auch wenn es wohl eher nur die Söhne der Mächtigen waren, die sich damals auf die Reise Richtung Kreta, Byblos, Assur oder Ägypten auf den Weg machen konnten.

    In ersten Indizien können Meller und Michel die möglichen Reiserouten nachzeichnen, die möglicherweise auch schon mit frühen Handelsrouten identisch sind. Denn inzwischen gibt es ja auch aus dem Mittelmeer etliche Schiffsfunde, die die regen Handelsbeziehungen zwischen den damals blühenden Reichen und Kulturen bezeugen.

    Das Buch ist die wohl derzeit ambitionierteste und umfangreichste Rekonstruktion einer Welt, die viel zu lange zu den Leerstellen der Geschichte gehörte. Wahrscheinlich mussten wirklich erst viele der heute möglichen Untersuchungsmethoden entwickelt werden, um mit geradezu detektivistischer Spurensuche zu versuchen, die Rätsel der zum Teil spektakulären Fundstücke zu lösen und ein erstes Bild zu schaffen von einer Welt, in der es ganz bestimmt nicht hinterwäldlerisch zuging.

    Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass man in Mittel- und Westeuropa nicht nur recht genau wusste, was im Süden vor sich ging. Man war mit der Welt im Süden augenscheinlich auch schon gut vernetzt in einer Form der ganz frühen Globalisierung.

    Was dabei entsteht, wenn man all diese Verbindungen (wenn auch erst nur fragmentarisch) rekonstruiert, ist das „Universum der Himmelsscheibe“. Und das im doppelten Sinn, denn es zeichnet einerseits die Weltsicht der damaligen Bewohner dieser Welt, andererseits auch ihre intensive Beziehung zum Kosmos, dessen Rätsel sie versuchten zu ergründen.

    Mit diesem Bild entlassen die beiden Autoren ihre Leser, quasi an der Schwelle eines fast unmöglichen Versuchs, sich wirklich hineinzuversetzen in die Menschen dieser Zeit und ihr Gefühl, in einer Welt zu leben, die von kosmischen Mächten dirigiert wird. In der die kosmische Ordnung die irdische Ordnung bestimmt – oder ins Wanken bringt, wenn der kosmische Kreislauf scheinbar völlig aus den Fugen gerät wie vor 3.600 Jahren, als der Vulkan von Thera ausbrach und die Himmelsscheibe auf dem Mittelberg deponiert wurde.

    Das Buch zeigt sehr anschaulich, wie die Forschungen zur Bronzezeit durch den Fund der Himmelsscheibe geradezu revolutioniert wurden. Und mit sehr viel Erzählfreude passen die beiden Autoren jene Nebra-Welt, die sie im ersten Buch beschrieben haben, jetzt ein in ein bronzezeitliches Universum, in dem all die berühmten Orte der frühen Antike gemeinsam mit den Reichen von Nebra, Essex oder El Agar in Spanien existierten, alle miteinander verbunden in Kontakt, auch wenn wohl nur die wenigsten Menschen aus Mitteleuropa jemals die Reise machen konnten in die faszinierenden Reiche des Südens. Aber einige haben sie gemacht und dabei auch Wissen mitgebracht, das sich unter anderem in der Himmelsscheibe niedergeschlagen hat.

    Harald Meller; Kai Michel Griff nach den Sternen, Propyläen Verlag, Berlin 2021, 39 Euro.

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