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Chronik einer angekündigten Flucht: Günter Knoblauchs Bericht von seiner Haft und der Flucht aus der DDR

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    Die „Chronik einer angekündigten Flucht“ ist eine auf fast 500 Seiten durchweg spannende Publikation, vollkommen außerhalb der bisher bekannten oder verfilmten Fluchtgeschichten. Die nächste Generation müsste das Buch eigentlich als Pflichtliteratur gratis erhalten zwecks Stabilisierung unserer Demokratie, die jetzt immer stärker gefährdet ist.

    Das Buch beginnt völlig unerwartet mit Reisen und Erlebnissen in und aus den damaligen sozialistischen Bruderländern. Schon da merkte der Autor, dass einiges nicht mit den offiziell von staatlichen Stellen vermittelten Bildern zusammenpasste.Während seiner Tätigkeit als Reiseleiter für die damalige Reiseagentur „Jugendtourist“ des Reisebüros der DDR wird er bereits zu einem kleinen Teil des Systems und erfährt, wie und mit welchen Mitteln ausländische Touristen aus dem Ostblock und dem Westen in der DDR „betreut“ werden.

    Auf dem Weg zum Studium sind weitere Hürden zu nehmen. Ohne Anpassung geht es nicht, wie er lernen muss. Er muss sich damit auseinandersetzen, wie weit er bereit ist, sich zu verbiegen. Mit kleinen Tricks schafft er es, die Zwänge des Systems zu unterlaufen – was nicht ohne Risiko geschieht.

    Als der Bruder seiner Freundin 1965 in den Westen flüchtet, beginnt eine verhängnisvolle Entwicklung, die 1966 zu seiner Verhaftung durch das MfS führt. Angebote des MfS, Freunde zu belasten, lehnt er ab und so wird er nach neun Monaten Untersuchungshaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt und wandert in das berüchtigte Gelbe Elend – die Haftanstalt in Bautzen.

    Der Autor schildert, wie er in der Untersuchungshaft – im Stasi-Gefängnis – nach Wegen und Mitteln sucht, die Freunde draußen zu warnen, wie das MfS Gespräche abhört, Freunde und Verwandte unter Druck gesetzt werden und wie er auch in Bautzen auf Schritt und Tritt überwacht wird.

    Nach seiner Entlassung aus der Haft stellt er Ausreiseanträge. Als seine Ausreiseanträge bei seinem Arbeitgeber bekannt werden, wird er fristlos entlassen und sein akademischer Grad wird ihm von der TU Dresden aberkannt.

    Die Situation eskaliert. Er informiert den Generalstaatsanwalt der DDR über seine geplante und bevorstehende Flucht.

    Dann beginnt, als Ultima Ratio, eine filmreife abenteuerliche Flucht über mehrere Ostblockländer bis er schließlich nach 14 Tagen die Bundesrepublik erreicht. Hier stellt er überraschend fest, dass er gar nicht so unbekannt bei den Behörden der Bundesrepublik ist, wie er in Dresden in seiner Isolierung angenommen hatte.

    Der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR ermöglicht ihm, schon ein Jahr nach seiner Flucht wieder in die DDR zu reisen. Seine Verlobte und sein kleiner Sohn waren in der DDR zurückgeblieben.

    Was er damals nicht wusste: Jeder seiner Schritte in der Bundesrepublik und bei seinen Einreisen wird vom Ministerium für Staatssicherheit „minutiös“ überwacht.

    Was das Buch von anderen Publikationen unterscheidet und Spannung aufbaut: Erlebnisse und spannende Schilderungen werden aus tausenden Dokumenten des MfS mit kleinen Schnipseln dokumentarisch belegt. Auch die Sicht- und Arbeitsweisen des MfS werden eingeblendet. Der Leser steht – wie der Autor es nennt – „über allem als Zuschauer“.

    Interessant sind die Hintergrundinformationen, wie der Menschenhandel – für den deutschen Normalbürger unsichtbar – hinter den Kulissen damals ablief.

    Der Fall seiner in der DDR zurückgebliebenen Familie wird gelöst – aber anders, als es sich das MfS in Dresden vorgestellt hat. Ein Dokument auch über die sinnlose Vergeudung von Ressourcen in der damaligen DDR.

    Kritische Hinterfragungen der DDR und des politischen Systems als auch der Vorgänge nach 1989 bis zum Ende der DDR bilden ein abschließendes Kapitel. Bräuchten wir eine „humane Diktatur“? Aber wer garantiert deren Grenzen?

    Auf den ersten Blick völlig unabhängige Erlebensphasen fließen logisch ineinander über.
    Absolutes Lob dem Autor und riesiger Respekt vor dem „jungen Knoblauch“, der das alles durchgezogen hat. Ein sehr gutes Geschichtsbuch und überdies ein echter Krimi. Das muss in die deutschen Geschichtsarchive!

    Günter Knoblauch Chronik einer angekündigten Flucht, 2. Auflage, Books on Demand, Norderstedt 2021, 15,90 Euro.

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