Man kann dem Kosmos ganz wissenschaftlich und rational begegnen. Das ist spannend, voller Aufregung und Entdeckungen. Voller Faszination ohnehin. Und seit Jahrtausenden versuchten ja die Menschen, die Welt der Sterne und Planeten zu begreifen, ihre Kalender danach zu justieren und sich selbst in diesem gewaltigen Universum zu verorten.

Aber bevor sie dafür die wissenschaftlichen Instrumente entwickelten, blieb ihnen nur die Beobachtung des Sternenhimmels. Und der Versuch, sich über Geschichten darin zurechtzufinden. Alle Völker erzählten sie sich in verschiedener Form.

Darin kommen ihre Götter vor, aber auch die Opfer der Götter, die dann als „Wiedergutmachung“ in den Himmel versetzt wurden, aber auch die Legenden zur Entstehung der Welt. Legenden, die ganz und gar nicht verschwunden sind, seit die Astronomie sich von der Astrologie losgelöst hat. Kein seriöser Wissenschaftler wird heute noch versuchen, das Universum mit den Geschichten und Mythen der Astrologie zu erklären oder gar aus den Sternen das Schicksal der Menschen vorherzusagen.

Aber Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen identifizieren sich bis heute mit „ihrem“ Sternbild, unter dem sie geboren wurden, leiten daraus Vorstellungen über ihre eigenen Stärken und ihre täglichen Entscheidungen ab. Manche ganz besessen davon, ihr tägliches Horoskop zu studieren. Andere eher beiläufig, als wäre es gar nicht mehr so wichtig. Und trotzdem fühlen sich viele angesprochen, wenn von „ihrem“ Sternbild die Rede ist.

Die Götter im Sternenhimmel

Aber die eigentliche Faszination der Sternbilder, die wir am Himmel identifizieren können, liegt in ihren Entstehungsgeschichten. Jedes Volk auf der Erde hat solche. Und darum geht es letztlich in diesem opulent gezeichneten Buch, in dem Suki Ferguson den jungen Lesern die Ursprünge der Astrologie in den frühen Menschheitszivilisationen erklärt.

Dabei bleibt sie nicht bei den europäischen – vor allem griechisch-römischen – Erzählungen von den Göttern im Sternenhimmel, sondern erzählt auch mehrere Götter- und Schöpfungslegenden aus anderen Erdregionen von China bis Südamerika.

Denn den Sternenhimmel beobachteten alle Menschen. Und sie verbanden die auffälligen Sterngruppen, die für sie zu Sternbildern wurden, alle mit eigenen Ursprungsmythen und Göttererzählungen. Und sie schufen auf der Grundlage des beobachteten Sternenhimmels ihre Kalender, Uhren und Landkarten, in denen oft der Himmel Spiegel dessen wurde, was auf der Erde geschah.

Aber Suki Ferguson erzählt auch die Götterlegenden, die hinter „unseren“ europäischen Tierkreiszeichen stecken, was es mit Widder, Stier, Jungfrau und Skorpion auf sich hat und welche – meist griechischen – Göttererzählungen dahinterstecken. All das farbenfroh illustriert von Camelia Pham, mit Bildern, denen man anmerkt, wie auch die Fantasie der Illustratorin befeuert wurde von den oft genug herzerweichenden griechischen Legenden.

Denn heil und friedlich geht es in diesen Geschichten größtenteils nicht zu. Verständlicherweise, denn auch die Griechen versuchten ja das, was sie auf Erden an Unverständlichem und Heillosem erlebten, irgendwie in fantasievollen Göttersagen zu verarbeiten. Sagen, die nicht nur den Kreislauf des Lebens erklärten, sondern auch die eigenen, oft schwer zu verstehenden Ereignisse im Leben.

Sternennamen voller Geschichten

Und die beiden belassen es nicht bei den bekannten Tierkreiszeichen, sondern erzählen auch Geschichten über die Sternbilder, die nicht zum Tierkreis gehören. Und sie erzählen die Geschichten, die hinter den Namen der Planeten in unserem Sonnensystem stecken.

Denn auch das sind Götternamen, hinter denen sich alte griechische (und römische) Göttersagen verstecken. Manchmal haben sie – wie beim roten Mars – mit den damals tatsächlich möglichen Himmelsbeobachtungen zu tun. Der rote Marsstaub erinnerte an den wütenden Kriegsgott Mars.

Alle diese Geschichten sind natürlich eine echte Anregung, sich wirklich einmal mit den griechischen und römischen Göttererzählungen zu beschäftigen. Die sich auch mit vielen anderen von der Erde aus sichtbaren Sternen verbinden – wie mit Sirius, Orion oder den Sternen der Plejaden. Auch so kann man – mit geradezu kindlichem Blick – einen Zugang zum Sternenhimmel bekommen.

Nicht zum ganzen, das erwähnen die beiden ja nicht zufällig mit einer gewissen Traurigkeit. Denn in unseren mit Licht überfluteten Städten sehen wir nur noch die allerhellsten Sterne. Die grandiose Schönheit der Milchstraße kann man heutzutage nur noch beobachten, wenn man sich in wirklich abgelegene Regionen der Erde begibt, wo der Himmel nicht durch Dauerlicht verschmutzt ist.

Ist es ein Bär?

Und um die europäische Sicht aufzulösen, laden Ferguson und Pham die jungen Leser im Kapitel „Astrologie rund um den Globus“ ein, die Himmelslegenden anderer Völker kennenzulernen. Und damit die Faszination, die der blinkende Sternenhimmel seit Jahrtausenden auf alle Menschen rund um den Globus ausgeübt hat.

So wird das Buch ein regelrechter Augenöffner für alle jungen Leser, die die Schönheit des bestirnten Himmels entdecken und dabei auch die ersten Sternbilder erkennen, an denen sich die Fantasie entzünden kann. Ist es nun eine Waage? Ein großer Wagen? Ein Bär? Oder gar ein Drachen, was man da sieht? Und wie heißen die Sterne, die diese beeindruckenden Konstellationen am Himmel bilden?

Dass dann bald richtige astronomische Fragen folgen, ist naheliegend. Zum Beispiel die, wie weit es ist bis zum Jupiter, zur Sonne oder zur Kassiopeia. Und ob man hinfliegen könnte? Und wann? Die Astronomie gibt darauf eine Antwort. Die Astrologie erzählt Geschichten. Farbenfrohe, traurige und lustige. Sodass man, wenn man sie kennengelernt hat, den Himmel voller Geschichten sieht. Und damit ein wenig ahnt, wie die Menschen vor Jahrtausenden in diesen Himmel schauten – überwältigt, begeistert, aber auch verängstigt.

Denn ein Rätsel ist der Himmel immer geblieben. So wie das eigene Leben auf dem Planeten, das bis zu einem gewissen Grad verständlicher wurde, wenn man sich Geschichten über wütende und ungebändigte Götter am Himmel erzählen konnte.

Suki Ferguson, Camelia Pham „Astrologica“, E. A. Seemann, Leipzig 2026, 24 Euro.

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