Hannes Bohn hat Talent. Aber keinen Charakter. Und er lügt sich sein Leben zurecht, versucht sich besser darzustellen, als er sich verhalten hat – seiner Schwester gegenüber, den Frauen gegenüber, die sich mit ihm eingelassen haben. Seinen Leidensgefährten im Knast und in der Psychiatrie. Es ist keine neue Eulenspiegel-Geschichte, mit der die Weimarer Autorin Anke Engelmann versucht, die menschlichen Abgründe eines Lebens in der DDR auszuloten. Denn Hannes ist kein Eulenspiegel. Das Format hat er nicht. Und damit ist er typisch.

Typisch für so viele Gestrandete eines verschwundenen Landes, die so gern ein Held gewesen wären. Und doch keiner waren.

Und die auch diese Rezension nicht lesen werden. Weil sie an diesem Selbstbild nie kratzen würden. So wie Hannes, der sich ganz am Ende des Romans sein eigenes Leben zurechtschreibt. Ob die Geschichte stimmt, wird er selbst nicht sagen können nach seinen vielen Erlebnissen mit Drogen, mit der Stasi, mit all den Fluchten und unerzählbaren Abstürzen, die ihn in die geschlossene Anstalt brachten.

Und dabei hatte er ein Talent. Ein großes. Er konnte malen, eignete sich mithilfe einer kompetenten Kunsthistorikerin alle Fähigkeiten an, die ihm ermöglichten, die wertvollsten Gemälde der Sammlung auf Schloss Friedenstein bei Gotha zu fälschen.

Vor allem das sogenannte „Gothaer Liebespaar“, das – wie so viele wertvolle Museumsbestände in der DDR – zur Beute des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (BKK), dem Imperium jenes gewissen Alexander Schalck-Golodkowski, zu werden droht, der zur Devisenbeschaffung für das finanzschwache Land wertvolle Kulturgüter in den Westen verscherbelt.

Als schattenhafte Gestalt taucht dieser KoKo-Chef auf der Burg auf, wo die Stasi für Hannes ein Atelier eingerichtet hat, in dem er ihre Aufträge abarbeiten soll. Im Grunde ist sein Leben schon kaputt, bevor er es überhaupt richtig anpacken kann. Vielleicht hat es mit seinem Vater zu tun, dem Mann, den er nur seinen Nennvater nennt, weil er viel lieber der Sohn eines Herrn namens Bloch gewesen wäre, den der Junge versucht, nach seiner ersten Flucht aus dem Elternhaus im fernen Tübingen zu besuchen. Und dabei natürlich erwischt wird. Gar nicht zufällig.

In inniger Betreuung

Denn die Stasi hat seine Familie schon seit Langem in innigster Umarmung betreut. Man kennt sich. Und als Hannes von der Trapo am Grenzübergang erwischt wird, sitzt er bald vor einem alten Bekannten der Familie, der ihn fortan immer wieder begleiten wird.

Die innige Begleitung wird Hannes nie wieder los, auch wenn es ein paar Momente der Rebellion in seinem Leben gibt, die auch Daten im nicht ganz so offiziellen Geschichtskalender der DDR geworden sind – der 27. und 28. Mai 1978 etwa, als die Volkspolizei brutal auf jugendliche Blues- und Rockfans auf dem Gelände der Erfurter IGA einschlug. Oder die Stasi-Besetzung am 5. Dezember 1989 in Dresden.

Manche bauen sich aus solchen Ereignissen ganze Heldengeschichten. Aber Hannes gehört nicht wirklich dazu. Ihn interessieren eher Alkohol, Mädchen und Drogen. Und nach Phasen, in denen er sich stabilisiert und wieder eigenes Geld verdient hat, stürzt er abermals ab, lässt sich gehen. Und liefert seinen ewigen Betreuern immer neue Vorwände, ihm mit radikalen Maßnahmen zu drohen, wenn er nicht gefällig ist.

Erpressung und Nötigung machen Hannes zum Spielball. Er weiß es. Und sucht sogar den Absprung. Aber das beschert ihm, als er mit Dani im stillen Pfafferode endlich so etwas wie eine Künstlerexistenz aufbaut, seinen tiefsten Absturz. Er wird sich nie einen Namen als Künstler erarbeiten, niemand wird seine Bilder ausstellen, die er in einem Akt der Verzweiflung vernichtet.

Das haben seine allgegenwärtigen Betreuer jedenfalls geschafft: dass er aus seinem Talent nie einen Erfolg machen kann. In Tübkes Panorama-Projekt in Bad Frankenhausen hätte er als begnadeter Kopierer bestens gepasst. Vielleicht war er ja tatsächlich dabei und hat dort auch die bezaubernde Olga kennengelernt, mit der er später … Aber auch das bleibt Episode. Sein Leben ist wie zerhackstückt. Ob durch die Drogenexzesse, die immer neuen Eingriffe der Stasi und den ewigen Schatten Lutz – oder durch eigenes Verschulden.

Spielball im eigenen Leben

Denn das Nicht-eulenspiegelhafte an seiner Geschichte ist die Realität eines fragmentierten Lebens, wie es so viele erlebt haben. Die einen taten es verklärend und verkaufen sich Jahre später noch als Helden der Rebellion. Andere hadern mit den Verlusten. Und mit dem eigenen Versagen.

Denn nicht nur die gescheiterten Beziehungen von Hannes zu den Frauen erzählen von nicht gelebten Lebenswegen, vom fehlenden Mut, das eigene Leben nun tatsächlich zu gestalten. Denn das scheint dieser Bursche am Ende doch zu spüren: Dass er sein Leben lang eigentlich nur Spielball war und immer dann, wenn es wirklich ernst geworden ist, lieber davongelaufen ist.

So lebt man natürlich nicht sein eigenes Leben. Und so ein flaues Gefühl kommt nebenbei auf: Stürzen sich deshalb so viele Männer in Alkohol und Drogen, versuchen ein Bild von Mann zu spielen, der sie gar nicht sind? Nicht sein können, weil es nichts mit ihnen zu tun hat?

Nur ein übliches, öffentlich zelebriertes Bild von Mannsein, hinter dem nichts als Leere lauert. Das, was sie tatsächlich nie gelebt haben? Eine offene Frage. Die Anke Engelmann noch zusätzlich durch diesen Lutz spiegelt, der eigentlich von Kindheit an zum Quälgeist für Hannes wurde und dann so gar nicht überraschend als Stasi-Mann immer wieder seinen Weg kreuzt und seine Lebensträume zerplatzen lässt.

Einer, der eigentlich nur die Lust am Quälen und Einschüchtern auslebt. Und von dem sich Hannes erst lösen kann, als er stirbt.

So ganz passt das Wort Blender nicht auf Hannes, denn er beherrscht ja seine Kunst. Aber er scheint es selbst verinnerlicht zu haben. Fühlt sich so. Klein gemacht auch durch seine ach so einfühlsamen Stasi-Betreuer. Auch so kann man Menschen manipulieren. Und darum geht’s eigentlich in dieser Geschichte, in der ihr Held erst ganz am Ende die Kraft findet, sein eigenes Leben zu erzählen.

Vielleicht die richtige Version diesmal. Vielleicht auch wieder nur eine zusammengestückelte aus den Resten der Erinnerung, aus denen am Ende so ein Stück Leben besteht.

Anke Engelmann „Blender“, Voland & Quist, Berlin und Dresden 2025, 23 Euro.

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