Wie bekommt man unser modernes Drama im Umgang mit einer sterbenden Natur zu fassen? Sollte man Bäume umarmen, mit Tieren tanzen, sich von indigenen Völkern in alte Riten einführen lassen? Es ist eine Suche, die der Darmstädter Journalistik-Professor und Wildnispädagoge Torsten Schäfer in diesem Essay beschreibt. Eine Suche noch ohne Ende. Was auch nicht zu erwarten war. Denn heile Landschaften gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr, das, was man Wildnis nennen könnte. Nur: Was genau ist Wildnis?

Und was hat das mit uns zu tun, den Bewohnern einer „zivilisierten“ Welt, in der wir praktisch keinen Kontakt mehr haben zur ungezähmten Natur, wo Flüsse zu lebensarmen Kanälen verbaut wurden, Wälder durch Plantagen ersetzt wurden, Gewerbegebiete und Eigenheimsiedlungen die Wiesen und Auen verschlingen und die Artenvielfalt dramatisch zurückgegangen ist? Die lebendige Welt stirbt leise neben uns.

Und der Klimawandel verschärft dieses Verschwinden. Schäfer benutzt dafür ein anderes Wort, weil es verständlicher beschreibt, was wir da gerade erleben: Klimanot.

Eine Sprache für das Lebendige

Schäfers Lehrthemen sind Klimajournalismus, mediale Nachhaltigkeit, nature writing und Sprachökologie. Denn wenn wir nicht fähig sind zu benennen, was wir in der lebendigen Welt sehen, riechen, spüren, erleben, können wir uns auch nicht darüber verständigen, was wir unternehmen können, um zu retten, was noch zu retten ist. Dazu reist Schäfer mehrfach in den hohen Norden, zu den Sami in Schweden, Norwegen und Finnland. Dem letzten noch naturnahen Volk in Europa.

Er will wissen, wie sie mit der Natur im Einklang leben, wie sie mit den lebendigen Kreaturen umgehen, mit Rentieren und Lachsen. Und wie sie mit den Bedrückungen einer Zivilisation umgehen, die über Tourismus, Staudamm- und Eisenbahnbau immer weiter in die Tundra vordringt und die alten Urwälder, Buchten und Moore gefährdet.

Manchmal braucht man diesen Spiegel, die Sicht Anderer auf die Welt, um deutlicher zu sehen, wie wir selbst darunter leiden, wenn die lebendige Welt vor unserer Haustür zerstört wird. Langsam, systematisch, rücksichtslos. Schäfer lebt in Hessen. Eigentlich mit Wald und Flüsschen vor der Tür, der Modau, einem 44 Kilometer langen Nebenfluss des Rheins. So wie fast alle diese kleinen Flüsse in Deutschland mit Wehren und Dämmen verbaut, in Steinbetten und Betonmauern gefangen.

Und immer wieder bedrängt von neuen Parkplätzen und Wohngebieten, die mitten in die Aue gebaut werden. Der Fluss leidet, die Fische leiden. Schäfer selbst ist mit Anderen aktiv, dem Flüsschen zu helfen, Eingriffe zu verhindern, Müll aus dem Fluss zu holen, die Fischpopulationen zu stärken.

Aber er leidet auch. Denn all die Zerstörungen am Fluss gehen ihm zu Herzen. Er fühlt sich hinein in das Leben der Tiere am und im Fluss. Aber auch in die bedrohte Welt der Bäume vor der Haustür, denn Dürre und Trockenheit machen auch den Wäldern in Hessen zu schaffen. Uralte Baumriesen sind in den Dürrejahren seit 2018 gestorben.

Das berührt auch die Menschen, die sonst in den Wald gehen, um sich zu erholen, wieder aufzutanken in einer von Leben erfüllten Welt. Man muss gar nicht so weit gehen wie Schäfer, um wieder den Kontakt zu suchen mit den Lebewesen um uns. Wir spüren es alle. Denn wir sind – trotz all unseres schönen, naturfernen Wohlstands – Teil der lebendigen Welt.

Sprachlose Zerstörung

Und wir leiden darunter, wenn das Leben vor unseren Augen stirbt. Es ist ein flaues Gefühl, gepaart mit Ängsten. Ein riesiger Verlust, den wir aber vor uns verstecken. Hinter falschen, bürokratischen Worten wie Flächenverbrauch. Ein Unwort, mit dem naturferne Bürokraten verbrämen, dass dabei jedes Mal lebendige Wiesen, Felder, Wälder, Moore zerstört werden, unter Beton begraben. Oft unwiederbringlich artenreiche Biotope.

Und nur wenige Menschen protestieren, versuchen, die Bulldozer aufzuhalten. Als wären wir alle schon müde, überfordert der sturen Gewalt eines Flächenfraßes ausgeliefert, der sich als Fortschritt und Wohlstand verkauft, obwohl er all das zerstört, was tatsächlich unseren Reichtum ausmacht.

Natürlich schreibt auch Schäfer über diesen Reichtum, den so viele von uns suchen, wenn sie in die abgelegensten Regionen reisen, wo sie hoffen, das noch zu erleben, was man so landläufig unberührte Natur nennen könnte. Obwohl es solche Orte kaum noch gibt.

Und obwohl die dort lebenden indigenen Menschen meist selbst in oft aussichtlose Kämpfe verstrickt sind, weil Bergbaukonzerne ihr Land erworben haben, um dort die Berge abzutragen, jahrzehntealte Staudammpläne rücksichtslos durchgesetzt werden und uralte Wohn- und Weidegründe verloren gehen.

Schäfer berührt auch die Fragen, die Robert MacFarlane in seinem Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ angetippt hat. Denn wer kämpft eigentlich für die bedrohten Flüsse, Seen und Buchten mit ihrem Artenreichtum, wenn gnadenlose Konzerne sie für ihre Profite zerstören wollen? Sollten sie nicht zur juristischen Person werden, deren Rechte vor Gericht eingeklagt werden können?

Die kranken Flüsse Europas

Aus europäischer Sicht ein scheinbar obskurer Gedanke, weil wir kaum noch lebendige Flüsse mit ihrem ursprünglichen Artenreichtum kennen. Nur noch die kanalisierten Kloaken, in denen alles fehlt, was einst ihren Reichtum ausgemacht hat. Die Weiße Elster gehört genauso dazu. Wir wissen nicht mehr, was da alles verloren gegangen ist. Aber wir spüren es. Auch was weiter verloren geht.

Auch im hohen Norden, wo sich das Leben und die Kultur der Sami verändern, weil auf einmal Stauseen gebaut werden, wo sie früher lebten, die Lachse aus dem Atlantik verschwinden, was mit der Meereserwärmung genauso zu tun haben könnte wie mit den Fischfabriken direkt vor der Küste. Aber auch die Weidezyklen der Rentiere ändern sich, weil sich das Klima verändert, statt Schnee Eisregen auf die Futtergründe fällt.

Die Sami passen sich an, soweit das geht und sofern nicht die Regierung in Oslo oder Stockholm Gesetze erlässt, die mit dem Leben der indigenen Einwohner nichts zu tun haben. Sie wurden gar nicht erst gefragt.

Und da ahnt man, dass das bei uns – egal ob in Hessen oder Sachsen – schon lange normal ist. Mit katastrophalen Folgen. Die Erinnerungen an die „Ahnen“ sind nicht nur gute. Auch wenn Schäfer noch Spuren findet eines Lebens, in dem die Menschen mit der Natur relativ im Einklang lebten, weil sie auf ihre Ressourcen angewiesen waren – das Holz aus den Wäldern, die Kräuter, Beeren.

Oder selbst die Apfelbaumplantage des Großvaters, die Schäfer nicht übernommen hat, weil er Zeit und Kraft dafür nicht hatte. Obwohl er weiß, wie wertvoll diese alten Obstplantagen für die Biodiversität sind. Ein Wort, das er nicht benutzt. Wahrscheinlich bewusst vermeidet, weil er weiß, dass man über die lebendige Mitwelt konkret sprechen muss.

Das Lebendige in unserer Sprache

Unsere Sprache bietet dafür einen unerhört großen Schatz, den Schäfer in seinen Kursen zu heben versucht. Und die Teilnehmer sind oft selbst überrascht, wie viele Worte im Deutschen vom Leben erzählen. Vor allem lebendige Verben, die Bilder aus Wald und Fluss ins menschliche Dasein übersetzen. Unsere Sprache formte sich, als ihre Sprecher noch wussten, wie sehr wir selbst Teil des großen Lebendigseins sind. Angewiesen darauf, dass uns Flüsse, Seen und Wälder Nahrung und Schutz geben.

Achtsamkeit spricht sich darin aus, und Sorge. Fast verschwunden, weil die meisten von uns heute fernab der lebendigen Welt in betonierten Städten leben. Nicht mehr sehen, wie das Leben da draußen vor der Stadt karger wird, stiller, leerer.

Und so wird Schäfers Essay, der zwischen den Besuchen bei den Sami im Norden und den Wegen an der heimischen Modau hin und her springt, zu einer Suche nach dem Gespür in uns, das uns mit allem Leben ringsum verbindet. Und froh machen kann, wenn wir durch einen gesunden Wald laufen. Uns aber in Trauer versetzt, wenn der Wald verdorrt und die Baumriesen fallen. Uns mitleiden lässt, wenn wir sehen, wie wieder ein Stück lebendige Welt von Baggern zerstört wird.

Und es wird ja nicht besser, wenn die Klimaveränderungen immer mehr lebendige Landschaften unter Druck bringen und zur Wüste werden lassen. Das Gefühl, dass unser lebendiger Planet gerade vor die Hunde geht, teilen viele Menschen. Und sie leiden darunter, weil es sie daran erinnert, wie sehr wir als Menschen tatsächlich Teil allen Lebens sind. Und wie sehr wir diese Lebewesen in unserem Leben brauchen. Die Leere macht uns müde und stürzt uns in tiefe Trauer.

Wir müssen uns nicht einmal – wie Schäfer es versucht – in Lachse und Forellen hineinversetzen, um diesen Verlust selbst zu spüren. Aber sein Buch ist auch wie eine Einladung, dieses Verlustempfinden nicht immer weiter zu verdrängen, sondern zu artikulieren. Denn wer die Sprache bestimmt und formt, der bestimmt auch, was gesehen wird und was nicht.

Und nicht zufällig kommt er auch auf die Amtssprache zu sprechen, die die Natur und alles Leben zum verwalteten und beherrschten Objekt degradiert. Und damit schon auf der emotionalen Ebene das fatale Gefühl erzeugt, wir könnten alles beherrschen, benutzen, bebauen und beseitigen, ohne dabei all das zu verlieren, was unser Leben auf diesem Planeten tatsächlich einzigartig und reich macht.

Torsten Schäfer „Die Wildnis in uns“, Oekom Verlag, München 2026, 19 Euro.

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