Es ist nicht abschätzig gemeint, wenn Thomas Kramer ausgerechnet das bis heute erfolgreiche und viel gelesene „Mosaik von Hannes Hegen“ als Trivialepos bezeichnet. Denn Vorbild für diese Bezeichnung ist eine noch viel berühmtere Comic-Reihe: Das sind die Asterix-Hefte, bei denen selbst die Franzosen nicht abstreiten würden, dass in diesen Comics die Seele der Nation steckt. Auch wenn sie die französische Geschichte gegen den Strich bürstet und ein kleines gallisches Dorf den gottgleichen Cäsar besiegt. Und ein kleines gallisches Dorf war ja in gewisser Weise auch die DDR.

Und wie fast jede „große Nation“ litt die DDR an einer wirklich überzeugenden Gründungsgeschichte. Geschichte nimmt ja auf die Völker, denen sie passiert, für gewöhnlich keine Rücksicht. Sie landen in einem Land, das unfertig ist, noch qualmend vom Backvorgang im Ofen, irgendwie hineingeworfen in chaotische Ereignisse (oder brüderliche Vormundschaft mit strengen Grüßen aus Moskau), mehr oder weniger dilettantisch verwaltet und mit Konflikten konfrontiert, die auch die schönste Planwirtschaft ins Straucheln bringen können.

So, wie es 1953 der Fall war, als der Volksaufstand die SED-Führung in Ostberlin derart erschreckte, dass sie in den nächsten zwei Jahren lauter Zeitschriftenprojekte ins Leben rief, die sie vorher nie und nimmer genehmigt hätte.

Aber wenn die Truppe um Ulbricht 1953 etwas begriffen hatte, dann war es wenigstens die Erkenntnis, dass man die Bürger des Landes mit Parteiparolen allein nicht gewinnen konnte. Es brauchte bessere Geschichten, funktionierende Narrative. Also ein ganzes Bündel anderer Medien, die tatsächlich gelesen wurden.

Zu diesen aus dem Boden gestampften Medien gehörten damals die „Wochenpost“ (1953), der „Eulenspiegel“ (1954), „Das Magazin“ (1954) und das „Mosaik“, das 1955 das Licht der Welt erblickte. 20 Jahre lang mit dem Hinweis auf dessen Initiator Hannes Hegen (1925–2014) auf dem Cover und bis heute eine Legende.

Die Seele des Ostens

Eine Legende, die auch tief blicken lässt in die seelische Verfasstheit des Ostens. Und nicht nur der jungen Leser, auf die die Gründung dieses Comics eigentlich zielte. Denn zur Millionenauflage gelangte diese „Bilderzeitschrift“ auch, weil sie die Träume, Wünsche und Sehnsüchte der Leser in der DDR ansprach. Und damit eine Vorstellung davon, was dieses kleine Drei-Buchstaben-Land hätte sein können.

Eine Utopie mit Wurzeln tief in der Vergangenheit. Eigentlich ein Unding im Lande Walter Ulbrichts. Und mehrmals stellten die kontrollierenden Funktionäre die Weiterexistenz des bunten Magazins auch tatsächlich infrage, waren mit der Fabel und der Linientreue des Heftes unzufrieden. Und trotzdem wagten sie es nicht, das Heft tatsächlich zu verbieten. Es hätte ein Millionenpublikum aufgeschreckt.

Auch 1975, als sich der Verlag Junge Welt mit Hannes Hegen über die Ausrichtung des Comics stritt und Hannes Hegen zum Aufgeben zwang, wurde das Heft nicht eingestellt, sondern fand wenig später eine Fortsetzung mit neuem Personal: An die Stelle der Digedags, die Hannes Hegen zum Leben erweckt hatte, traten die Abrafaxe.

Und ein wichtiger Mann, der auch schon zu Hegens Zeit die Texte schrieb, blieb dem Verlag weiter erhalten: Lothar Dräger, der eigentliche spiritus rector hinter den Abenteuern in Rom, Amerika und Venedig.

Und genau hier setzt Dr. Thomas Kramer an. Schon in den 1990er Jahren veröffentlichte er Arbeiten, in denen er sich intensiv mit den Quellen all der verrückten Geschichten beschäftigte, in die Hegen und Träger die Digedags schickten. Die Leser in der DDR wird das meist gar nicht interessiert haben. Sie tauchten einfach voller Begeisterung ein in die wilde Abenteuerwelt, ohne die Bücher kennen zu müssen, aus denen vor allem Lothar Dräger die Ideen für Handlung und Bildwitz schöpfte.

Für sie war damit auch nicht sichtbar, dass hinter vielen der aufregenden Abenteuer ein zutiefst bürgerlicher Bildungskanon und die Jugendliteratur eines Mannes steckten, der 1927 geboren wurde und mit Autoren wie Karl May, Victor von Scheffel, Robert Kraft und Wilhelm Hauff aufgewachsen war. Der als Opernsänger aber auch seinen Wagner kannte und seinen Offenbach.

Ein bürgerlicher Bildungskosmos

Wer diese Bücher und Bühnenwerke kennt, findet die Reminiszenzen in den Digedag-Abenteuer alle wieder. Aber auch Spuren jener (Abenteuer)-Bücher, die damals auch in der DDR erschienen – von Edgar Allan Poe über Jules Verne bis Mark Twain. Geradezu akribisch zeigt Kramer anhand der Mosaik-Hefte, wo welcher Einfluss zu finden ist, selbst in den Bildgestaltungen, bei denen das Mosaik-Kollektiv – wohl auch durch Drägers Anregung – auf populäre Nachschlagewerke aus dem Westen zurückgriff, die damals oft nur an der Berliner Staatsbibliothek greifbar waren. Aber dort fand sie Dräger auch, der im Grunde mit Kramers Buch ganz zentral als der Geschichtenerzähler der berühmten Digedag-Abenteuer gewürdigt wird.

Er findet aber auch – bis in ähnliche Bildgestaltungen hinein – Vorbilder in westdeutschen Comics und Magazinen. Was Gründe hat, die direkt mit dem gesetzten Bildungsauftrag des „Mosaik“ zu tun hatten. Denn die Funktionäre erwarteten von diesem „sozialistischen“ Comic-Projekt natürlich, dass es die jungen Leser im Osten bildete. Nur: In welcher Art und Weise eigentlich?

Denn was sich in den Heften nicht finden lässt, ist die billige Bildungspropaganda der allmächtigen Partei. Dafür beweist Serie um Serie, dass sowohl Degen als auch Dräger ein zutiefst bürgerliches Bildungsideal vertraten. Eines, das zwar – oberflächlich betrachtet – nicht zum Bildungsideal der SED passte. Aber irgendwie doch Kern dessen war, was die in der DDR Aufwachsenden als Bildungsansporn mitbekamen.

Was kein Zufall ist, denn gerade die Begeisterung für Technik und Fortschritt gehörte ja auch zum Repertoire „sozialistischer“ Bildung. Man wollte ja bekanntlich den Klassenfeind nicht einholen, sondern überholen. Sogenannte „Utopische Romane“, die den Sieg des Sozialismus mit Begeisterung für die Technik der Zukunft verknüpften, wurden schon in den 1950er Jahren auch in der DDR zu Bestsellern.

Kramer geht zum Beispiel auf Eberhard del’Antonios Roman „Gigantum“ ein. Er erwähnt aber auch die seinerzeit ebenso erfolgreichen historischen Romane eines Willy Meinck und die erfolgreichen „Indianer“-Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich. Auch sie fanden sich motivisch in diversen Digedag-Abenteuern wieder.

Don Quijote und Filmindianer

Selbst beim Film nahmen Dräger und Hegen Anleihen – seien es die opulenten Ägypten-Filme aus Hollywood, die damals in die Kinos kamen, oder die legendären Piraten-Filme, die den Sehnsuchtsort Karibik bedienten. Und es war auch kein Zufall, dass die Legende „Mosaik“ zeitlich zusammenfiel mit einer anderen bis heute lebendigen DDR-Legende: den „Indianer“-Filmen der DEFA mit dem „einzigen wirklichen Star des DDR-Kinos“ Gojko Mitic.

Natürlich sind damit nicht alle Quellen benannt, aus denen insbesondere Lothar Dräger als Texter seit 1957 schöpfte und fortlaufende Abenteuer wie die um den Ritter Runkel (der nicht zufällig immer wieder auch an Don Quijote erinnert) erfand. Die Leser der Comics mussten alle diese Quellen nicht kennen, um ihren Spaß mit den Digedags zu haben.

Eine Frage aber betrachtet Thomas Kramer sehr kritisch: Warum das „Mosaik“ grafisch im Stil der 1950er verhaftet blieb, während die Comics im Westen, was Stil und Modernität anbelangt, ganz andere Welten erschlossen. Und warum dieser Stil bis heute die Lesergemeinde des „Mosaik“ anspricht, als hätte es die Explosion der Moderne gar nicht gegeben.

Fakt scheint auch zu sein, dass das „Mosaik“ bis heute seine Leser vor allem im Osten findet. Hat das mit einer besonderen Prägung zu tun? Das könnte man eigentlich bejahen. Und zwar aus gutem Grund. Denn natürlich hat das mit den Narrativen zu tun, die ein Land entwickelt, wenn es nach seiner Identität sucht. Und wahrscheinlich spricht es sich irgendwann auch im Westen herum, dass man diese Narrative nicht in den Programmen der SED findet, nicht im Lehrplan der Schulen und auch nicht in den westlichen Fremd-Erzählungen über die DDR und ihre Bewohner.

Man findet diese Narrative, mit denen sich vor allem die Heranwachsenden identifizierten, in den erfolgreichen Filmen und Büchern. Und natürlich im „Mosaik“. Gerade weil Dräger und Hegen auf einen bürgerlichen Lese-Kanon zurückgriffen, in dem das Abenteuer, die Exotik und der Erfindergeist im Mittelpunkt standen.

Die „großen Männer“ und die kleinen Leute

Man hat hier im Grunde eines der großen positiven Narrative der DDR vor sich, in dem sich die Sehnsucht nach fernen Ländern (welche die Normalsterblichen ja bekanntlich nicht bereisen durften) mit Begeisterung für die Technikträume der Zukunft paarte, verbunden mit einem durchaus modernen Menschenbild, in dem nicht der einsame Held die Hauptrolle spielte. Selbst der gewünschte Internationalismus spiegelt sich in den Heften wider – wenn auch da und dort mit Spuren des alten Rassismus bzw. der plakativen Bilder von Afrikanern und „edlen Rothäuten“. Karl May lässt grüßen.

Aber das fällt vor allem deshalb auf, weil wir mit den Erfahrungen von 50, 60 Jahren, die seitdem vergangen sind, auf die Geschichten schauen. Damals werden diese Stereotypen kaum aufgefallen sein, weil sie noch überall üblich waren. Man denke nur an die heutigen Diskussionen um Karl May oder selbst Astrid Lindgren, die zeigen, wie sehr sich die Sicht auf die „Anderen“ seitdem verändert hat.

Ist das „Mosaik“ heute also völlig aus der Zeit gefallen? Irgendwie nicht. Genauso wenig wie das Trivialepos der Franzosen. Immer neue Generationen entdecken ihre Begeisterung für die Abenteuer der Digedags. Die Sammelbände werden noch heute verkauft.

Auch weil die Geschichten um Dig, Dag und Digedag eine Grundhaltung bedienen, die man so in den einsamen Helden-Geschichten des Westens nicht findet (außer eben in den Asterix-Geschichten): dass die „großen Männer“ gar nichts zustande bringen, wenn ihnen die kleinen Leute nicht mit Witz und Einfallsreichtum zur Seite stehen. Was ja das zentrale Motiv in den Ritter-Runkel-Geschichten ist..

Ein nicht zu übersehendes Grundmotiv

Und da muss man nicht lange überlegen, um darin auch heutige ostdeutsche Mentalitäten wiederzuerkennen. Und damit Erwartungen, die eine auf rücksichtslosen Individualismus getrimmte Gesellschaft nicht erfüllen kann. Oha, sagt man sich da: War an der DDR doch nicht alles schlecht?

Doch gerade das „Mosaik“ zeigt ja mit diesem sich durch alle Hefte ziehenden Grundmotiv, dass sich jenseits der Postulate der allwaltenden SED ein Selbstverständnis gerade unter den jungen DDR-Bürgern entwickelte, das in diesem Punkt zwar die Idee vom gelebten „Kollektivismus“ zu bedienen schien, aber eigentlich etwas anderes zum Tragen brachte: die Überzeugung, dass „die da oben“ sich alle ihre Lorbeeren nur einbilden und ohne die „kleinen Leute“ (und die Digedags stehen ja geradezu symptomatisch für kleine Leute) gar nichts auf die Reihe bekommen.

So trivial ist dieses Epos nicht, weil es auf diese Weise auch eine Art Selbsterzählung für alle wurde, die sich in der Zeit von Hannes Hegen für das „Mosaik“ begeisterten. Und sich selbst wiederfanden in all diesen skurrilen, wilden und oft auch richtig krachenden Geschichten, in denen allerlei Bösewichte ihr blaues Wunder erlebten.

Und in der letzten Story, die dann in Byzanz spielte, wurde auch noch „Horch und Guck“ persifliert, wie Kramer feststellt. Sehr wahrscheinlich haben das die Argusaugen der Partei auch genau so verstanden und es wäre eine mögliche Erklärung dafür, warum Hannes Hegen sein Lebensprojekt verlassen musste. Was dann auch das Ende für die Digedags bedeutete. Auch wenn sie dann mit den Abrafaxen ganz ähnlich quirlige Nachfolger fanden.

Thomas Kramer „Das Trivialepos der DDR“ Christian A. Bachmann Verlag, Berlin 2026, 29,90 Euro.

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