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Walzerfahrt zum Mond: Lauter Geschichten aus einer Kindheit im Lindenau der 1960er Jahre

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    Kinders, wie die Zeit vergeht. Aber irgendwie ist es wohl so: Jetzt gehen auch die um 1955 Geborenen in Rente. Da hat man auf einmal Zeit. Und auf einmal merkt man, dass man ja ein ganz schön seltsames Leben erlebt hat. Mit Erinnerungen, die schon die Kinder nicht mehr teilen, weil sie in einer völlig anderen Welt aufgewachsen sind. Der in Leipzig geborene Journalist und Schriftsteller Eberhard Schröter hat jetzt seine Kindheitsgeschichten in Lindenau in diesem Buch versammelt.

    „Wer dabeigewesen ist, wird sich wieder erinnern, und wer zu spät geboren wurde, ahnt, was verloren ging“, lockt der Klappentext ins Buch. Und deutet damit zumindest schon einmal an, dass es hier nicht nur um die üblichen romantischen Kindheitserinnerungen und die Verklärungen des Damals geht. Auch wenn der Titel ein wenig so klingt. Aber der ist einer der einst berühmten Attraktionen der Leipziger Kleinmesse entlehnt, die Schröter selbst noch erlebt hat.Das riesige Karussell lag – wenn es nicht auf der Kleinmesse stand – in Einzelteilen in der Garage auf dem Hof des Hauses in der Rietschelstraße, in dem Schröter seine Kindheit erlebte. Und Kindheit besteht aus lauter Geschichten, die wir nie wieder vergessen, die auch Patina annehmen und einen gewissen musealen Glanz, spätestens, wenn wir merken, dass all die Dinge, die wir einst als selbstverständlich erlebten, verschwunden sind.

    Manchmal über Nacht, manchmal so, dass wir ihr Verschwinden gar nicht bemerkten, bis uns ein Fund auf dem Dachboden oder in einer alten Grabbelkiste darauf stößt. Als Kind hält man ja die Welt für gegeben und unveränderlich. Es passiert zwar ständig was, aber die Menschen, die einen begleiten, sind immer da, die vielen Ladengeschäfte auf der Rietschelstraße, die Hühner und Tauben des Nachbarn, der nahe Auwald.

    Man entdeckt und erobert eine Welt, die scheinbar ewig schon so dagewesen ist. Jahre sind noch unheimlich lang und es passen jede Menge Abenteuer hinein. Oder Geschichten, diese Dinger, die man auf einmal den Enkeln erzählt, und die schauen einen mit großen Augen an und glauben nichts davon.

    Ein Schatz für Historiker: Erinnerungsliteratur

    Weil sie sich natürlich auch nicht vorstellen können, wie sehr sich die Welt schon in einem Menschenleben verändern kann. Und sie hat sich verändert. Das Buch kann man mit gutem Gewissen zwischen jene anderen Bücher stellen, in denen Leipziger Autoren versuchen, ihr Leben historisch möglichst genau zu beschreiben. Als Augenzeuge. Aber sich immer auch dessen bewusst, dass der eigene Blick immer nur einen Teil vom Ganzen sichtbar macht.

    Ganz dicht dran an Schröters Welt ist zum Beispiel Gerhard Pötzschs „Taschentuchdiele“. Auch der vier Jahre ältere Pötzsch erzählt eine Kindheit und Jugend in Lindenau. Daneben kann man Hartmut Zwahrs „Leipzig. Studentenroman“ legen, der Zwahrs Studentenzeit in den 1950er Jahren schildert, als Schröter noch ein kleiner Steppke war. Und auch Dieter Zimmers „Für’n Groschen Brause“.

    Und so weiter. Wer alle diese Kindheitserinnerungen sammelt, kann ganze Zeithorizonte der Stadt und ihrer Bewohner rekonstruieren, vielschichtiger, lebendiger und farbenreicher als jede historische Studie. Und damit ist das meist genau jener Stoff, den spätere Historiker verzweifelt vermissen und dann mühsam ausgraben müssen – Alltagsgeschichte.

    Das, was Menschen wirklich erlebt haben, Menschen, die zu Recht irritiert sind von dem, was selbst die deutungsmächtigen großen Medien immerzu aus ihrer Geschichte machen. Man erkennt sich und sein Leben nicht wieder.

    Erinnerungen dürfen unpassend sein

    Deswegen sind solche Bücher wichtig. Auch wenn sie sich – wenn sie wie hier gut erzählt sind – so leichthin lesen. Es stimmt ja, was der Klappentext andeutet: Wer diese Zeit als Kind erlebt hat, wird Dingen begegnen, die auch für andere Kinder in dieser Zeit prägend waren und die alle verschwunden sind. Oder fast alle. Denn einige dieser prägenden Dinge haben ja auch spätere Jahrgänge noch begeistert, aufgeregt, zum Jubeln und Träumen gebracht.

    Angefangen mit der bis heute faszinierenden Wirkung der Digedags über die Begeisterung für die westliche Rockmusik (die man ja auch bei Pötzsch wiederfindet) und die letztlich unvergesslichen Erlebnisse auf der Kleinmesse, im Kino Capitol, auf der Messe, im Intershop und am Kanal, der in DDR-Zeiten das große Badeparadies der Leipziger war.

    Kindheitserinnerungen verklären zwar manches. Man sieht als Kind eben noch nicht hinter die Kulissen. Aber es ist auch ein Fehler vieler Autobiographien, dass ihre Autoren versuchen, die Vergangenheit politisch korrekt zu interpretieren, als müsste man sich immerzu gegenüber einer Jury rechtfertigen, die einen haftbar macht für das, was man in der Kindheit erlebt hat.  Und wo man sie erlebt hat.

    Diese Jurys gibt es ja tatsächlich. Sie sind – um es mal deutlich zu sagen– schädlich, dumm, selbstgerecht und blind. Denn diese Blindheit ist es, die die Vielschichtigkeit von Leben ignoriert. Die Menschen auch ihr ganz besonderes Menschsein abspricht und sie zu Schablonen und Pappfiguren macht. Und sie nicht gelten lässt, wenn sie nicht in das Richtig-Schema passen.

    Wobei 99 Prozent der Menschen in kein Richtig-Schema passen. Was eigentlich jeder weiß, der seine Kindheitserinnerungen nicht mutwillig zurechtstutzt und den Erwartungen der Selbstgerechten anpasst.

    Denn – zumindest für Jungen weiß ich das – in all den Erinnerungen steckt auch jede Menge Bockmist, stecken missglückte Experimente, jede Menge zerdepperter Fensterscheiben, heftiger Unfälle aus Geigelei oder Unachtsamkeit, schamvolle Minuten, weil einem die blödesten Worte oder auch die unverblümte Wahrheit rausgerutscht sind, Abenteuer in Ramschkisten, in überschwemmten Innenhöfen, und natürlich auch solche schrecklichen Momente des Ertapptwerdens, wenn Oma einen zur Schwindelbrücke führte und man ganz genau wusste, dass man schon so schrecklich oft gelogen hatte. Es aber niemals zugeben darf.

    Die handfeste Welt der frühen 1960er

    Solche Momente fügen sich wie selbstverständlich in die über 80 kleinen Geschichten, die Schröter hier versammelt hat. Manche dieser Geschichten schilderten eine Zeit, an die sich unsere heutigen Vorgestrigen ganz bestimmt nicht erinnern, sonst würden sie sich fürchten, und zwar richtig: eine Zeit, in der der Haushalt wirklich noch von jeder Menge Arbeit geprägt war.

    Ausführlich schildert Schröter den riesigen Kraftaufwand einer Wäsche mit Waschküche und Bottich unterm Dach, damals, als noch kein Lindenauer Haushalt eine automatische Waschmaschine besaß.

    Er zeigt seinen Vater beim Feuermachen, denn geheizt wurde in der Lehrerwohnung mit sieben alten Kachelöfen. Und auch das Badewasser wurde in einem kohlebeheizten Badeofen heiß gemacht.

    Und nicht nur die Kohlen wurden noch in Säcken angeliefert und im Keller eingelagert, auch die Kartoffeln. Milch, Käse und Butter gab es im Milchladen – und zwar im Originalzustand und nicht abgepackt. Ein Telefon war eine Seltenheit und musste sich oft mit anderen Anschlüssen geteilt werden. Gläser, Lumpen und Altpapier brachte der kleine Eberhard noch zum Rumpelmännchen, erlebte aber auch mit, wie das Fernsehen auf die Füße kam und die große weite Welt mit den besten Filmen ihrer Zeit in die Leipziger Kinos.

    Natürlich tauchen auch allerlei Marken auf, die damals zum Alltag im Osten gehörten, die es längst nicht mehr gibt, die Abenteuerplätze der damaligen Kinder und die Messegäste aus dem Westen, die bei den Schröters nicht einfach nur als die viel beschriebenen „Messeonkel“ auftauchten, sondern als alte Bekanntschaften des Vaters aus dem Krieg und der folgenden russischen Gefangenschaft.

    Es ist so ein kleiner Moment, der stutzen lässt und eine Ahnung davon gibt, dass es eben nicht die Ost- und die Westdeutschen waren, die eine Mauer gebaut und einen Kalten Krieg betrieben haben, sondern von Macht berauschte Politiker, deren Sicht auf die deutsche Teilung bis heute das Musterbild der Jury bestimmen. Und die ziemlich vielen Ostdeutschen immer noch das Gefühl gibt, nicht im gleichen Land gelebt zu haben, sondern im falschen. Als hätte nur der eine Teil Anrecht auf die Wahrheit.

    Hineingeboren

    Es ist so ganz nebenbei und ganz bestimmt auch ohne Absicht eines jener Bücher geworden, die die Erinnerung an das Leben im Osten bereichern, ergänzen und verdichten. Und die damit zeigen, dass diesseits der Mauer genauso ein menschliches und erinnerungswertes Leben passierte wie auf der anderen Seite. Schröter ist gerade einmal zwei Jahre älter als der ostdeutsche Dichter Uwe Kolbe, der mit seinem 1980 erschienenen Gedichtband den Begriff „Hineingeboren“ platzierte.

    Auch Schröter ist hineingeboren in dieses östliche Deutschland, das in seiner Kindheit noch in vielem an das Vorkriegs-Deutschland erinnerte. An eine Stelle zählt er auf, wie viele kleine Händler und Dienstleister es damals allein in der Rietschelstraße noch gab. Heute schlicht nicht mehr vorstellbar, was für eine komplette Welt so eine scheinbar abgelegene Straße im Leipziger Westen damals noch war.

    Von den vielen Kindern selbst im Mietshaus ganz zu schweigen. Eine Welt, in der die Exerzitien des Sozialismus irgendwie dazugehörten, auch von der neuen Zeit kündeten, die im Nachhinein genauso abgewertet wird, obwohl selbst diese immer prekäre DDR einen Fortschritt erlebte, der durchaus greifbar war.

    Man darf daran erinnern, dass der allmächtige Parteichef Ulbricht sehr wohl noch ernsthaft daran dachte, im Wettbewerb mit dem Westen bestehen zu können und auch noch überholen zu können, ohne einzuholen.

    In Schröters Haushalt tauchte also irgendwann nicht nur die erste Waschmaschine auf, sondern auch ein Diaprojektor und die ersten Fernseher, später auch der erste Wartburg, Kassettenrekorder und Transistorradio. Erst die 1970er Jahre machten sichtbar, dass die östliche Wirtschaft immer mehr hinter der technischen Entwicklung des Westens zurückblieb.

    Aufschreiben, bevor die Erinnerungen verschwinden

    Und man staunt durchaus. Immerhin ist es der Haushalt eines Russischlehrers, in dem Schröter mit seinen Geschwistern aufwächst. Aber Westpakete, Westfernsehen und Intershopbesuche gehörten genauso dazu wie später Jeans und Rockmusik. Selbst Kindheit und Jugend der „Hineingeborenen“ waren vielschichtiger und bunter, als es in den drögen FDJ- und Diktatur-Geschichten über den Osten sichtbar wird.

    Wobei Schröter sich im Abspann „Leipzig gestern – heute – morgen“ dennoch froh zeigt, dass die großen Planer der DDR in den 1970er Jahren nicht mehr umsetzen konnten, was sie sich auf ihren Reißbrettern alles ausgedacht hatten. Der Generalbebauungsplan für Leipzig wurde zum Glück nicht mehr umgesetzt. Nur das neue Gewandhaus wurde noch gebaut, das ja mittlerweile auch schon wieder in einer regelrechten Generalsanierung steckt. Es ist ja auch schon 40 Jahre alt.

    Und der Autor steht vor dem Haus Rietschelstraße 49 und vergegenwärtigt sich, dass von den Erwachsenen seiner Kindheit niemand mehr lebt. All die Menschen, die einem als Kind als unersetzlich erschienen – verschwunden. Nur in der Erinnerung sind ihre Geschichten, Gesichter, Eigenarten noch bewahrt. Und nun – für einige dieser Menschen – auch in diesem Buch.

    Man schreibt ja solche Erinnerungen auch auf, weil man genau weiß, dass sonst tatsächlich jede Erinnerung an diese Menschen verschwunden sein wird. Selbst dann, wenn auf dem Speicher vielleicht noch die ganzen alten Fotos, Dias und Filme liegen, mit denen man einst heimelige Abende mit Familie oder Westbesuch gestaltet hat.

    Was alles verschwindet …

    Und jede dieser kleinen Geschichten erzählt damit eben auch, dass es sich lohnt, all das einfach mal aufzuschreiben. Denn die Stadt bleibt ja – oft auch ihre geradezu mit sentimentalem Kitsch aufgeladenen Symbole wie der Goethe auf dem Dach mit seinem „Mein Leipzig lob‘ ich mir“. Aber während die Symbole mit jeder Menge Gelärme erhalten werden, verschwinden die Erinnerungen an das alltägliche Leben, werden wegsaniert und abmontiert.

    Verschwunden ist der Antennenwald, mit dem die Leipziger vor 50 Jahren das Westfernsehen ins Haus holten, verschwunden der Schornsteinwald einer Stadt, die bis in die 1990er Jahre hinein mit Kohlen beheizt wurde. Verschwunden sind die alten Aufschriften an den Häusern, die oft noch aus der Kaiserzeit stammten, die vielen kleinen Ladengeschäfte und ihre Inhaber sowieso.

    Die „Walzerfahrt zum Mond“ wurde schon in Schröters Kindheit verschrottet. Kaum noch vorstellbar, dass jemand lebendige Erinnerungen an längst Vergangenes haben könnte, wenn er in diese sanierte Straße seiner Kindheit zurückkehrt. Aber wahrscheinlich geht es allen so, auch dann, wenn einer wie Schröter heute in Weimar lebt und in Lindenau keiner mehr wohnt, mit dem er die Erinnerungen an die Kindheit teilen könnte.

    Aber vielleicht liest doch jemand diese Geschichten und stolpert über lauter Dinge, die fast schon vergessen waren. Und auf einmal ist alles wieder da, weil ein Wort, eine Stimmung, eine Szene genügen, und die lange nicht geöffneten Schubladen der Erinnerung öffnen sich. Und man hat das Gefühl, unverhofft und verbotenerweise hinter einen Vorhang geschaut zu haben, hinter den man schon lange nicht mehr geschaut hat.

    Weil ein Tabu drüber lag, so ein snobistisches „War doch alles nichts wert“. Und dann schaut man und merkt: Doch. Es hat genau den Wert, den wir ihm geben. Weil es ein realer Ort war in einer tatsächlich erlebten Zeit, die natürlich in ihrer ganzen Unfertigkeit alle Hineingeborenen geprägt hat. Und immer prägen wird.

    Auch wenn die Enkel zweifeln werden, dass der Opa das damals wirklich so alles erlebt hat. Aber auch nur, weil ihnen Opas Geschichten erst so richtig zeigen, was alles sich ändert in der Lebensspanne eines Menschen. Und man merkt es erst hinterher, wenn man zurückschaut und staunt: Donnerwetter! Das muss jetzt aber mal aufgeschrieben werden.

    Eberhard Schröter Walzerfahrt zum Mond, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2021, 20 Euro.

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