„Bilderbande“ hat der E. A. Seemann Verlag seine Reihe benannt, in der lauter spannende Themen für Kinder in großen, groß bebilderten Büchern erzählt werden. Dieses Buch aus der Reihe ist etwas kleiner und könnte eigentlich unter „Wissensbande“ laufen. Denn hier geht es hinein in eins der aufregendsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. So ein Kapitel, bei dem ein guter Lehrer in der Schule es richtig knistern lässt und die Kinder mitnimmt in eine Zeit, als die meisten Menschen tatsächlich noch glaubten, alles hätte mit Adam und Eva angefangen.
Selbst an Universitäten galt damals – mitten im 19. Jahrhundert – oft noch die Vorstellung, die Erde sei nur ein paar tausend Jahre alt und alles, was darauf kreucht und fleucht, sei – wie es in der Bibel steht – auf einen Wusch genau so entstanden, wie man es vor sich sah. Da mussten erst kluge Leute wie Charles Darwin und Thomas H. Huxley kommen, um diese biblische Denkweise aufzubrechen und den Menschen den Gedanken nahezubringen, dass alles viel, viel älter war. Und alles sich immerfort verändert. Und ganz bestimmt nicht in 4.000 Jahre passt. Eher in Hundertausende. Oder Millionen. Oder …
Das war in diesem Jahr 1856 alles noch neu, eigentlich nur Thema in akademischen Diskussionen. So war ganz und gar nicht klar, was für Knochen die beiden italienischen Arbeiter Giovanni und Massimo da gefunden hatten, als sie im Auftrag von Willi Beckershoff den Lehm aus einer Kalkhöhle im Neandertal hacken sollten. Die Knochen ließen sie eigentlich schon über die Klippe gehen.
Fürs Knochensammeln waren sie ja nicht angestellt. Aber Beckershof war nicht nur ein gewiefter Unternehmer, der mit dem Kalk aus dem Neandertal gute Geschäfte machte. Denn Kalk wurde auf einmal massenhaft gebraucht, um Eisen herzustellen. Keine Chance für das schöne Neandertal.
Eine Idee nimmt Gestalt an
Aber Beckershoff war skeptisch. Und – zum Glück für die Forschung – ließ er Giovanni und Massimo die Knochen einsammeln und holte den für seinen Wissensdrang bekannten Lehrer Johann Carl Fuhlrott mit ins Boot und wenig später auch den Professor Hermann Schaaffhausen.
Die dann dafür sorgten, dass aus einem Verdacht eine echte Geschichte wurde. Und aus den Knochen aus dem Neandertal das Bild eines Menschen der Vorzeit. Ein Bild, gegen das die wissenschaftliche Welt noch ein halbes Jahrhundert lang ankämpfte. Bis sich um 1900 dann tatsächlich das Wissen darum durchsetzte, dass es im Lauf der Menschheitsgeschichte nicht nur eine Menschenart gab. Sondern mindestens zwei.
Und dass die Neandertaler schon im von Eiszeiten geprägten Europa lebten, als der moderne Mensch noch im warmen Afrika zu Hause war.
Silky Vry und Marie Geissler belassen es natürlich nicht bei der Entdeckungsgeschichte des Neandertalers. Sie erzählen auch, was man seitdem alles über die Neandertaler herausgefunden hat. Und auch, warum ein Stück Neandertaler auch in uns heutigen Europäern steckt. Denn natürlich sind sich Neandertaler und moderne Menschen irgendwann begegnet. Sodass die Neandertaler im Grunde gar nicht richtig ausgestorben sind. Nur halt verschwunden.
Wenn man ein Mammut jagen will
Wir erfahren, wo sie überall lebten, wie sie aussahen, welche Tiere sie jagten. Und das Mammut gehörte ganz bestimmt zu ihrer Beute. Um aber ein Mammut zu jagen, muss man gute Waffen haben, clever zusammenarbeiten und das Tier regelrecht überlisten.
Was natürlich erzählt werden muss, weil sich im 19. Jahrhundert auch jede Menge Leute, die es eigentlich besser wissen mussten, Mühe gaben, den Neandertaler für plump und ein bisschen doof zu erklären. So wie das auch honorige Herren mit Nickelbrille bis heute gern tun, wenn ihnen eine Wahrheit unbequem ist und nicht in ihr biblisches Weltbild passt.
Und so wird auch dieses Buch zu einem Baustein der Reihe „Bilderwelten“. Auch wenn diese Bilder etwas kleiner sind, sind sie dafür sehr witzig. Da dürfen eingebildete Wissenschaftler selbst schon mal aussehen wie verirrte Neandertaler. So ist die Welt. Und jedes Kind, das den Kopf voller Fragen hat, wird glücklich eintauchen in diese Finde-Geschichte, in der sich letztlich ein ganzes Zeitalter auftut – mit Mammuts und Eis.
Und zwei neugierigen kleinen Dusty Diggers, die den Forschern die ganze Zeit eifrig über die Schultern schauen.
Silke Vry, Marie Geissler „Der rätselhafte Verwandte aus der Eiszeit“ E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2026, 16.95 Euro.
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