Wir werden es lernen. Wir werden es langsam und unbarmherzig lernen und nicht wahrhaben wollen, weil Wasser in unserer jüngeren europäischen Geschichte eigentlich nie ein Problem war. Außer, es kam mal zu viel davon auf einmal vom Himmel. Aber der Klimawandel verändert die Wasserkreisläufe dramatisch. Dieser Sommer hat es auch an Orten gezeigt, wo man so etwas bis jetzt nicht kannte. Der Rhein ist zum Rinnsal geworden und der Bodensee droht völlig auszutrocknen.
Dass die Elbe schon seit Jahren über Monate nicht mehr schiffbar ist, das haben die Nutzer der Wasserstraße längst begriffen. Nur die Politiker tun sich schwer damit, es zu kapieren, dass die Zeiten einer wasserreichen Elbe vorbei sind. Endgültig vorbei. Lieber schmeißen sie noch einmal Millionen Euro für Häfen, die niemand nutzen kann, und Staustufen, die dem Fluss nicht mehr Wasser bringen, zum Fenster raus.
Während auch Sachsen längst mit Rekordhitzetagen und Dürrezeiten und gestressten Wäldern zu tun hat. Der Klimawandel lässt keine Ecke auf Erden aus. Und er sorgt selbst da, wo Trinkwasser bislang nie ein Problem war, für Wasserstress, lässt Böden vertrocknen und Grundwasserspiegel sinken.
Und so überrascht es auch nicht, dass immer mehr – teilweise sogar sehr poetische Bücher – sich mit dem Wasser, den Flüssen und den Gletschern beschäftigen. Aber das geht natürlich auch großformatig mit den bewährten Karten und Grafiken des Katapult Verlages. Der hat sich für dieses informative Buch mit der entwicklungspolitischen Non-Profit-Organisation Viva con Aqua zusammengetan, die sich seit 2006 weltweit darum kümmert, dass Menschen an sauberes Trinkwasser kommen. Denn das ist für Milliarden Menschen eben nicht die Normalität.
Und gleichzeitig weiß man dort genau, wie das lebendige Nass immer mehr in Gefahr gerät und gleichzeitig zur Gefahr wird. Denn die Klimaerhitzung sorgt natürlich auch dafür, dass der Meeresspiegel steigt und weltweit die Küstenstädte von Überflutung bedroht sind.
Gleichzeitig sterben wichtige Aquakulturen in vermüllten, überhitzten und mit Abwasser verseuchten Küstenregionen ab. Die Fischbestände gehen zurück. Was für drei Milliarden Menschen eine Katastrophe ist, denn sie leben vom Meer und seinen Gaben.
Wenn die Gletscher verschwinden
Und gleichzeitig verändern sich die Niederschlagsmuster radikal, was unter anderem dazu führt, dass die Gletscher weltweit schmelzen. Das klingt wie weit weg, als spielte das für die durstigen Bewohner der Ebene keine Rolle. Aber gerade der zum Rinnsal gewordene Rhein zeigt gerade, was passiert, wenn es in den Gebirgen an Schnee und Eis zu mangeln beginnt, die im Sommer die Flüsse speisen könnten.
In gewisser Weise ist dieser Band jetzt ein Kompakt-Nachschlagewerk für alle geworden, die das Thema Wasser bisher immer verdrängt und sich auch nie Gedanken darüber gemacht haben, wie elementar Wasser für alles Leben ist. Und wo es eigentlich herkommt. Ganz zu schweigen davon, wer dafür bezahlt und wer nicht.
Denn ein verblüffender Fakt ist natürlich die Tatsache, dass zwar alle Normalbürger für ihr Trinkwasser aus der Leitung bezahlen – riesige Konzerne das Wasser aber in Millionen Litern einfach abpumpen dürfen, mal zum Kühlen von Kernkraftwerken nutzen, mal für riesige (KI-)Rechenzentren, mal für eine industrielle Bewässerung riesiger Landwirtschaftsflächen, aber eben auch für Trinkwasser in Flaschen, die zu einem Vielfachen dessen verkauft werden, was das normale Trinkwasser aus der Leitung kostet.
Und das – das ist das eigentlich Erschreckende – in Regionen, in denen sowieso oft schon Wasserstress herrscht, der Regen die zunehmenden Verluste im Grundwasser schon lange nicht mehr ausgleicht. Auch Leipzig liegt in so einer Wasserstressregion. Und zur Wahrheit gehört: Es wird nicht einmal ansatzweise versucht, die natürlichen Wasserspeicher wiederherzustellen.
Man macht einfach weiter wie bisher, pumpt ab, entblößt die Böden, versiegelt sie und tut sich unerklärlich schwer beim Anlegen neuer Wälder, Grünstreifen, Speicher und Moore. Nicht weil der Boden wirklich knapp ist, sondern weil Besitz und Eigennutz alles ignoriert, was die natürlichen Systeme stärken oder retten könnte.
Wir stecken mittendrin
Wir haben es ja. Wir schwimmen ja in Wasser. Oder? Nein. Die Fakten zeigen genau das Gegenteil. Das Buch ist auch eine Warnung, obwohl man bezweifeln darf, dass etliche Politiker überhaupt begreifen, was da gerade abläuft. Und wie das auch bei uns in Mitteldeutschland zu wirklicher Wassernot führen wird. Denn der Sommer 2026 war keine Ausnahme, auch wenn er neue Temperatur-Spitzenwerte erreichte. Er war Teil einer Entwicklung, die seit 2018 immer spürbarer wird und in den abgesunkenen Grundwasserspiegeln direkt ablesbar ist.
Es gibt zwar jede Menge Wasser auf der Erde, doch das meiste davon schwappt in den Ozeanen und ist aufgrund seines Salzgehalts untrinkbar. Auch wenn einige Länder, die es sich leisten können, Meerwasser energieaufwendig entsalzen. Während fast alle anderen Länder ihre Flüsse austrocknen lassen, eingedämmt haben, abgeschnitten von ihren Auen – so wie die Weiße Elster in Leipzig.
Das Katapult-Autor/-innen-Kollektiv hat natürlich auch wieder etliche witzige Karten eingestreut – etwa zu Pfahlstädten, öffentlichen Trinkbrunnen in Wien und Zürich, dem Wassergehalt von Babys, Greisen und Gurken, Wasser im Weltall und dem berühmten Wassermannzeitalter, in dem wir uns irgendwie seit dem 1968 lancierten Musical „Hair“ befinden.
Krieg ums Wasser
Aber die meisten Karten sind bitterer Ernst und zeigen die Dimension der Probleme, die wir heute schon mit verfügbarem – oder eben nicht mehr verfügbarem – Wasser haben, vom unbehandelten Abwasser, das nicht nur in England in die Flüsse überläuft, über die Kriege, die weltweit längst um den Zugang zu Wasser geführt werden (und die passen längst nicht mehr auf eine Karte), über die Folgen einer durch Idioten dicht gebombten Wasserstraße wie die Straße von Hormus (eins von sechs weltweiten Nadelöhren für die Seefahrt) bis zum virtuellen Wasserverbrauch, den wir Europäer haben, ohne uns dessen beim Einkauf im Supermarkt überhaupt bewusst zu sein.
Und mit einer höchst aktuellen Karte wie „Rhein gar nichts los“ machen die Grafiker/-innen anschaulich, was es bedeutet, wenn Transportschiffe auf dem zum Rinnsal gewordenen Fluss nicht mehr fahren können.
Aber weil Wasser allgegenwärtig ist, erfährt man auch was über europäische Wasserscheiden, Fahrtzeiten zum nächsten Schwimmbad und Städte, die sich inzwischen zu einer Blue Community zusammengeschlossen haben, die sich um die Sicherung des Wassers als Allgemeingut bemühen.
Eine kanadische Idee, die längst auch in deutsche Kommunen ausstrahlt, wo man begriffen hat, dass man auf die „große Politik“ nicht warten kann, sondern sich lokal um das Wasser für die Bevölkerung bemühen muss. Und sich vor allem gegen die völlig verpeilte Privatisierung von Wasser wehren muss.
Wem gehört das Wasser?
Im Grunde also ein Packen von Anregungen für die Leser, sich langsam darauf zu besinnen, dass uns die überlebensnotwendigen Güter der Natur alle zusammen gehören und wir uns darum bemühen müssen, sie aus dem gierigen Griff der Konzerne zu befreien, die damit milliardenschwere Profite machen, während sie unsere Welt in eine Müllhalde verwandeln.
Das schreiben die Autor/-innen so zwar nicht. Aber wer ist es eigentlich, der sich mit gewaltigen Lobbygruppen gegen eine Minderung der Plastikproduktion wehrt und die riesigen Mengen von gebrauchtem Plastik in die Flüsse und Meere schwemmen lässt? Wer „kauft“ den Völkern ihre Trinkwasservorräte weg? Wer betreibt die riesigen, wasserintensiven Kulturen für die exotischen Früchte in unseren Supermärkten?
Die Liste lässt sich fortsetzen. Sie ist beklemmend genug. Auch weil sie von unserer Bequemlichkeit erzählt, von unserem Schulterzucken, wenn wir diesen weltverzehrenden Konsum einfach mitmachen und nicht langsam lernen, dass wir unsere Lebensgrundlagen endlich verteidigen müssen. Und ganz vornan gehört dazu das Wasser in all seinen Formen vom (sauberen) Fluss- und Seewasser über Gletschereis, Regen und Schnee bis zum Grundwasser und unseren Umgang mit den Abwässern.
Es ist eine dahinter versteckte Botschaft, die so schwer in die Köpfe zu bekommen ist, dass wir gerade einen einmalig für das Leben geeigneten Planeten in eine Wüste verwandeln, nur weil wir nicht gelernt haben, ihn zu beschützen, zu bewahren und in seiner unersetzlichen Einmaligkeit zu begreifen. Das zeigt der Band da und dort auch mit dem bekannten Witz, den man von Katapult kennt.
Aber dahinter lodert ein großer, unerbittlicher Ernst.
Viva con Aqua, „100 Karten über Wasser“ Katapult Verlag, Greifswald 2026, 28 Euro.
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