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AfD-Wähler sind nicht nur oft rassistisch und chauvinistisch, sondern glauben auch besonders oft an Verschwörungstheorien

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    Eigentlich ist all das, was wir derzeit beobachten an zunehmender Radikalisierung, auch für den Leipziger Demokratieforscher Oliver Decker keine Überraschung. Dass es dieses rechtsorientierte Potenzial in Deutschland gibt, haben die vielen „Autoritarismus“-Studien ja schon gezeigt, an denen er mitgewirkt hat. Und wer sich wirklich mit dem Thema seit Jahren beschäftigt, der ist auch nicht überrascht darüber, dass besonders viele AfD-Wähler „Verschwörungsmentalität und antidemokratische Einstellungen“ teilen.

    Eine neue Studie der Universität Leipzig belegt jetzt einmal mehr das hohe Maß an rechtsextremen und antisemitischen Einstellungen unter AfD-Wählern. Rechtsextremismus, Gewaltbereitschaft, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und Verschwörungsmentalität – Wähler der AfD zeigen in allen Bereichen antidemokratischer Einstellungen deutlich höhere Zustimmungswerte als die Anhänger anderer Parteien. Das geht aus einer am Dienstag, 25. Februar, veröffentlichten, repräsentativen Studie des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig hervor.

    AfD: Neue Heimat für Chauvinisten, Antisemiten und Diktaturbefürworter

    Im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studien befragten die Forscher von Mai bis Juli 2018 insgesamt 2.344 Personen im Alter zwischen 18 und 91 Jahren zu ihren politischen Einstellungen. Sie fanden unter anderem heraus, dass bei Wählern der AfD ein höherer tradierter Antisemitismus zu finden ist. Zudem seien in keiner anderen Wählergruppe rechtsextreme Einstellungen und Muslimfeindschaft weiter verbreitet als unter den Wählern dieser Partei, sagt der Leiter der Studie, PD Dr. Oliver Decker.

    Aus den Ergebnissen lasse sich ableiten, dass ein Großteil der Anhänger die AfD nicht trotz, sondern wegen ihrer antidemokratischen Positionen wähle, ergänzt die an der Studie beteiligte Wissenschaftlerin Julia Schuler. Jene Bundesbürger, die zwar schon lange extrem rechte Einstellungen teilten – sei es Chauvinismus, Befürwortung einer Diktatur, Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit – aber bis 2014 SPD oder CDU wählten, stimmten jetzt für eine Partei, die eine Programmatik entsprechend ihrer Einstellung umsetzt. Sie hätten in der AfD eine politische Heimat gefunden, so Decker.

    „Vor dem Hintergrund der Ereignisse der letzten Monate ist diese klare Positionierung gegen den demokratischen Zusammenhalt mit Sorge zu betrachten“, betont der Rechtsextremismusforscher. Die Ermordung des hessischen Politikers Walter Lübcke, das Attentat auf die Synagoge in Halle und die anschließenden Morde, wie auch der jüngste rassistische Terroranschlag in Hanau mit zehn Ermordeten seien durch dieselbe rechtsextreme Ideologie der Ungleichwertigkeit motiviert gewesen.

    Der Sozialdarwinismus war nie wirklich verschwunden

    Konkret fanden die Forscher heraus, dass AfD-Anhänger nicht nur mehrheitlich chauvinistischen und ausländerfeindlichen Aussagen zustimmten, sondern viele von ihnen auch eine rechtsautoritäre Diktatur bevorzugten und Demokratie ablehnten. Die Wissenschaftler, unter ihnen auch ein Forscher der Universität Siegen, bescheinigten ihnen zudem ein hohes Maß an Antisemitismus, Sozialdarwinismus sowie einen „ausgeprägten Hang zur Verharmlosung des Nationalsozialismus“.

    80,6 Prozent der AfD-Wähler hätten angegeben, sich durch „die vielen Muslime“ fremd im eigenen Land zu fühlen. Mehr als 70 Prozent finden, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. Ein Großteil stellte triftige Asylgründe wie Verfolgung im Heimatland infrage. Zudem war der Umfrage zufolge jeder fünfte AfD-Anhänger bereit zur Anwendung körperlicher Gewalt, um eigene Interessen durchzusetzen. Mehr als die Hälfte der AfD-Wähler findet Ressentiments gegen Juden mindestens teilweise verständlich.

    Und da wird ein weiterer Topos des Rechtsextremismus deutlich. Denn verführbar sind vor allem Menschen, die sich in ihrem eigenen Leben nicht souverän fühlen und sich von der Komplexität der modernen Welt und auch der Demokratie überfordert fühlen. Ein Gefühl, das freilich in den neuen „social media“ bestärkt wird, denn die dort herrschenden Algorithmen sorgen nicht nur für „Echokammern“ und die Radikalisierung der aufgerufenen Inhalte, sondern sie halten auch den Stoff parat, der die Verschwörungsphantasien von Menschen, die von geheimnisvollen verborgenen Mächten fabulieren, bestärkt.

    Flucht in den Glauben an geheime Verschwörungen

    Was wir heute erleben, ist im Grunde das Zutagetreten von Haltungen, die im vor-digitalen Zeitalter meist auf den privaten Raum oder die lokale Umgebung beschränkt blieben. In dem Sinn ist die AfD in den Augen einiger Forscher eine echte Internet-Partei, die davon profitiert, dass Rassismus, Chauvinismus und Verschwörungstheorien in den (a)sozialen Netzwerk unfiltriert verbreitet werden können und sich immer Menschen dort radikalisieren. Und gleichzeitig darin bestätigt werden, dass man eine demokratiefeindliche Partei wie die AfD ohne Gewissensbisse auch wählen kann.

    Und natürlich sehen sie dort ihre diffusen Ängste befeuert, denn dort überbieten sich die Verschwörungstheoretiker geradezu, ohne dass sie durch eine sachliche Redaktion gebremst werden. Im Gegenteil: Mit Facebook & Co. haben die Verschwörungsapologeten direkten Zugang zu einer Klientel, die nur zu bereit ist, alle Miseren in ihrem Leben auf geheimnisvolle Mächte im Hintergrund zu projizieren.

    „Bei keiner anderen Partei nutzen die Anhänger so offen die Möglichkeit, ihren Antisemitismus zu äußern“, erläutert der ebenfalls an der Auswertung beteiligte Soziologe Dr. Johannes Kiess von der Universität Siegen. Über ein Drittel der AfD-Wähler befürchteten, dass hinter politischen und sozialen Ereignissen in der Welt geheime Organisationen mit großem Einfluss stecken. Decker betont, dass „erschreckend viele Wähler der AfD diese Verschwörungsmentalität und antidemokratische Einstellungen teilen“.

    „Dass diese Motive in einigen Teilen der Bevölkerung geteilt werden, diese eine parlamentarische Repräsentanz haben und damit auch als legitim erfahren werden, macht das Risiko weiterer rassistischer Terroranschläge groß“, warnt Decker. Er und seine Kollegen sehen die Vertreter der AfD in der Verantwortung, sich sowohl inhaltlich, als auch in der Rhetorik für den demokratischen Zusammenhalt in einer pluralen und liberalen Demokratie einzusetzen.

    Vielleicht aber ist der Blick auf die „social media“ und die (demokratische) Bildung der Bürger wichtiger. Denn Chauvinismus wächst auf dem Nährboden von empfundener Hilflosigkeit und der Sehnsucht danach, dass die Welt wieder einfach und überschaubar wird. Diese Sehnsucht bedienen rechtsradikale Parteien ja in aller Konsequenz.

    Und deswegen funktioniert ihre Taktik, den Menschen eine große Verschwörung einzureden. Die sich natürlich nie beweisen lässt. Und gerade weil sich so etwas nicht beweisen lässt, weil es ja nun einmal erfunden ist, blühen immer neuen Legenden über das, von dem seltsamerweise nur die Verschwörungstheoretiker etwas zu wissen behaupten.

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