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Buchmesse-Eröffnung im Gewandhaus: Über Anders Breivik, einen nachdenklichen Ministerpräsidenten und den demokratischen Diskurs mit Rechtsextremen + Video

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    Während sich an diesem 14. März gegen 19:30 Uhr vor dem Gewandhaus die letzten Teilnehmer der Demonstration der „Verlage gegen Rechts“ langsam aber sicher in alle Winde verstreuten, hatte im Saal drinnen doch noch jeder einen der rar gewordenen Plätze gefunden. Wenig überraschend schon angesichts der diesjährigen Preisträgerin für Europäische Verständigung, Asne Seierstad und ihrem Buch „Einer von uns“ über den norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik. Denn so fand sich drinnen das gleiche Thema wie draußen auf dem Platz: Radikalisierung, Entmenschlichung und Angst.

    Das Thema des Abends durfte nach einer kleinen Einstimmung durch das Gewandhausorchester mit Mozart Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke setzen. „Wir dürfen keine Angst haben vor der Kontroverse, der offenen Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut“, so die Linkenpolitikerin zum Einstieg.

    Es gäbe in Leipzig zum Glück genügend Menschen, die ihre Angst überwinden und genau dies täten. „Wie Sie vielleicht gesehen haben, gibt es vor dem Gewandhaus offenen Protest und Widerstand – verbal, friedlich, zivilgesellschaftlich. In die Aktion `Verlage gegen Rechts` haben sich Bürger mit Büchern eingebracht, die Menschlichkeit und Mitgefühl zeigen und gegen Rassismus angehen.“, so Jennicke in einem indirekten Gruß aus dem Gewandhaus auf den Augustusplatz hinaus.

    Thematisch war schon das die erste Klammer zur Würdigung der diesjährigen Buchmesse-Preisträgerin Asne Seierstad.

    Sie habe ein für sie erschütterndes, ja unerträgliches Buch vorgelegt. In „Einer von uns“ werden einerseits die Einzelschicksale der Opfer beschrieben und dabei greifbar, was den Menschen durch Anders Breivik im Jahr 2011 durch seine Serie aus Bombenattentat und Geiselnahmen genommen wurde.

    Doch auch der Täter und seine Motive werden anhand von Vernehmungsprotokollen dargestellt. Je mehr sich die Autorin, welche selbst von ihrem schwersten Buch überhaupt spricht, den Motiven des Täters nähere, umso unfassbarer werde es, so Skadi Jennicke in ihrer Rede.

    2011 und 2018

    Michael Kretschmer hingegen war zwar ebenfalls beim Thema Rechtsextremismus, aber dabei ganz auf das Bundesland fixiert, dem er seit Neuerem als Ministerpräsident vorangehen darf. Und fand nun auch einordnende Worte abseits von schnellen „Social Media“-Reaktionen zur skurrilen Debatte, welche am 8. März 2018 im Dresdner Kulturpalast zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein stattgefunden hatte. Konnte man da noch auf Twitter flott eingeworfen von ihm lesen, er schätze den kritischen Geist Tellkamps, hielt Kretschmer nun am Abend im Gewandhaus fest: „Fake-News fallen nicht unter die künstlerische Freiheit.“.

    Die Behauptung Tellkamps, Flüchtlinge fliehen „ … nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“, war schlicht falsch und bildete dennoch eine der Grundlagenthesen des Schriftstellers in der Debatte mit einem sichtlich überraschten Weltenbummler Grünbein (Video).

    Obwohl Kretschmer der Meinung sei, dass die Leipziger Buchmesse „zusätzliches Renomée“ durch das Streitgespräch bekommen habe, so war er doch verwundert über die „Aufgeregtheit und Hilflosigkeit der Debatte“. Den „letzten zwei Jahren der Spaltung der Gesellschaft“ attestierte Kretschmer eher ein Zuwenig an Diskussion, als ein Zuviel. Vor allem in Sachsen wohl kein falsches Attest, angesichts der von Kretschmer ebenfalls angesprochenen NSU-Täter, welche sich lange im CDU-regierten Freistaat verstecken konnten, dem Erstarken der AfD bis in den Landtag hinein (hier eher als „NPD-Debatte“ vergangener Tage und Erfahrungen) und dem jüngst mit hohen Haftstrafen in erster Instanz geendeten Prozess rings um die Freitaler Terroristen.

    Dennoch mahnte Michael Kretschmer an, sich dem „Krebsgeschwür Rechtsextremismus“ selbstbewusst entgegenzustellen und nahm ein Zahlenverhältnis ins Visier: angesichts der „gerade einmal vier rechtsradikalen Verlage“ und den 3.600 anderen Buchmesse-Ausstellern bliebe fraglich, wie viel Gewicht man diesen beimesse. In der Tat darf man festhalten, dass sich der rechtsextreme Rand auf der Leipziger Buchmesse zahlenmäßig eben da befindet, wo es der Begriff „Rand“ richtig beschreibt.

    Gesamteuropäisch gesehen, wird die Sache dann jedoch schon komplizierter. Und auch Anders Breivik ist wohl eher ein Mensch welcher ganz allein Familien zerriss und mordete, gerade weil er aus einer rechtsextremen, entmenschlichten Minderheitsposition kam.

    Post am Abend

    Mit der Buchmesse-Preisverleihung an Asne Seierstad schloss der Eröffnungsabend 2018 und im E-Mail-Postfach der L-IZ.de landete fast zeitgleich eine zum Thema passende Nachricht.

    Jürgen Gansel (NPD) teilte wortreich mit, dass er sich auf den diesjährigen „Schulterschluss der Patrioten“ in der Halle 3 des Messegeländes freue. Dort werden sich in diesem Jahr die NPD-Parteizeitung „Deutsche Stimme“, das „Compact Magazin“ und der „Antaios“ Verlag nebeneinander aufgereiht präsentieren. Und mancher zum Beispiel bei einem Besuch von Martin Sellner von der vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“ auf radikalisierbare oder bereits radikalisierte Zuhörer hoffen.

    Und wohl auch darauf, dass sie irgendwer körperlich angreift, damit sie sich als die Verfolgten der heutigen Tage inszenieren können. Was zum nun preisgekrönten Buch Asne Seierstads passt. Spricht doch gerade die „Identitäre Bewegung“ Menschen wie Breivik an, die an einen Kampf der weißen Rasse gegen alle anderen glauben.

    Kreise, in denen der weiße Christ Anders Breivik trotz seiner schrecklichen Taten eher weniger als Problem gesehen wird. Und zu denen längst nicht mehr jeder gezählt werden will, der sonst gern publizistisch am „rechts-konservativen“ Rand fischt. Die „Junge Freiheit“ hat ihren Stand vor wenigen Tagen abgesagt und überlegt, die Buchmesse auf Schadenersatz wegen der Zuordnung zur Halle 3 zu verklagen.

    Oder wie es Michael Kretschmer mit Blick auf eben diese Halle am Abend in Leipzig sagte: „Der fünfte Verlag will gerade klagen, dass er kein rechter Verlag ist. Oder so.“. Die Debatte um Fakten, Fakenews und Wissen auf der Leipziger Buchmesse 2018 hat damit wohl endgültig begonnen.

    Auszüge der Rede von Michael Kretschmer am 14. März 2018 im Gewandhaus Leipzig

     

    Buchmesse eröffnet mit Protest gegen rechte Verlage + Audios


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      1 KOMMENTAR

      1. „Wer schreibt, hat etwas durchdacht“, sagt der Herr Kretschmer im Video. Das nehme ich für mich gerne an, auch wenn manchmal der Zeitdruck groß ist und verhindert, dass ich ein Thema gleich beim ersten Artikel komplett durchdenke. Oder man kriegt nicht gleich alle Ansprechpartner ans Telefon, etc.
        Ob alle die etwas publizieren, das auch durchdacht haben, wage ich schwer zu bezweifeln. Dazu gibt es zu viele Veröffentlichungen mit argumentatorischen Lücken groß wie das vereinte Europa. Eine schöne Idealvorstellung also, aber ein Problem der CDU – nämlich nur Teile der Realität wahr zu nehmen – spricht für mich auch aus diesem Satz. Dies ist meine private Meinung, somit schreibe ich hier als Mensch und nicht als Redakteur dieses Mediums. Und ja, ich habe es durchdacht.

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