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Neues sächsisches Demokratie-Institut

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 83, seit 25. September im HandelElse-Frenkel-Brunswik-Institut – so heißt die neue Forschungsstelle, die zukünftig demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen in Sachsen genauer unter die Lupe nehmen soll. Das Institut wird als eigenständige Forschungseinheit im interdisziplinären Zentrum der Universität „Leipzig Research Centre Global Dynamics“ etabliert und administrativ angebunden.

    Oliver Decker ist der Projektleiter des neuen Instituts. Er ist unter anderem durch die Leipziger Autoritarismus-Studien bekannt. Gefördert wird das Institut vom Freistaat Sachsen und einem Eigenanteil der Universität Leipzig von zehn Prozent.

    „Das Else-Frenkel-Brunswik-Institut wird der sächsischen Gesellschaft für die Auseinandersetzung mit demokratiefeindlichen Einstellungen und Bestrebungen Wissen bereitstellen, das die Demokratiearbeit zielgenauer und wirksamer machen wird“, sagte Katja Meier (Grüne), sächsische Demokratieministerin, auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, den 17. September.

    Gerade in Bezug auf das Thema Rechtsextremismus in Ostdeutschland könne mit dem neuen Institut ein besseres Verständnis für die Motive und Bedingungen antidemokratischer Tendenzen geschaffen werden. Nicht zuletzt werde mit dem neuen Institut auch ein langjähriges Vorhaben der sächsischen Koalitionsparteien umgesetzt.

    „Für mich ist heute an der Universität ein besonderer Freudentag, da das neue Institut bei uns eingerichtet wird“, ergänzte Universitätsrektorin Beate Schücking. Die Themen des neuen Instituts lägen – passend zum Profil der Hochschule – mitten im Zentrum der Erforschung von Globalisierungs-Prozessen, dem Austausch von Weltreligionen und Entwicklung menschlicher Ordnungen. Die Universität biete dem Projekt mit seinen bereits bestehenden Kompetenzen also ein sehr gutes Umfeld.

    Namensgeberin des neuen Instituts ist die österreichisch-US-amerikanische Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik. Sie wurde 1908 in Lemberg, im heutigen Lwiw in der Ukraine geboren und floh 1914 infolge von Pogromen und Antisemitismus mit ihrer jüdischen Familie nach Wien. Dort studierte sie Mathematik, Physik, und später Psychologie. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete sie am Institut für Psychologie im Forschungsbereich „Autobiografische Forschung“.

    Als 1938 die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten, floh Frenkel-Brunswik erneut – diesmal in die USA, wo sie an der University of California in Berkeley als Senior Lecturer beschäftigt war. Ihr Forschungsschwerpunkt lag auf dem Antisemitismus. Ab 1944 war Frenkel-Brunswik maßgeblich an den in Berkeley durchgeführten „Studies of Prejudice“ beteiligt. Gemeinsam mit dem Sozialphilosophen Theodor W. Adorno leitete sie die Studien „The Authorian Personality“.

    „Wir möchten an diese Tradition der qualitativen, sozialpsychologischen Vorurteilsforschung anschließen und mit dem Namen eine der vergessenen Pionierinnen der Sozialforschung ehren“, so Decker.

    Am neuen Institut wollen die Wissenschaftler/-innen sowohl demokratiefeindliche Strategien und Akteure als auch die Kommunikationskanäle, in denen sich Anhänger der Szene organisieren, erforschen. Anschließend sollen Beratungsangebote für Kommunen und die Zivilgesellschaft entwickelt werden. Hierfür wollen die Forschenden mit Beratungsorganisationen zusammenarbeiten. Die Forschung des neuen Instituts stützt sich auf drei Säulen: Monitoring, also Dokumentation demokratiefeindlicher Tendenzen, Einstellungsforschung und partizipative Forschung.

    Einmal im Jahr wollen die Forschenden die Einstellungen der Sachsen und Sächsinnen neu erheben. Außerdem schließen sie an bereits bestehende Daten der alle zwei Jahre durchgeführten Autoritarismus-Studie und des Sachsen-Monitors der Landesregierung an. Im Gegensatz zum ebenfalls in Leipzig angesiedelten Kompetenzzentrum Rechtsextremismus soll der Fokus allein auf Sachsen liegen. Noch dieses Jahr wollen die aktuell vier bis fünf Wissenschaftler/-innen mit der Forschung beginnen.

    „Wir leben in einer Zeit starker Polarisierung, die begleitet ist von der Radikalisierung extremer Positionen“, so Projektleiter Decker. Im ersten Forschungsprojekt soll es deshalb um geteilte Erfahrungen in Bereichen gehen, in denen es eine starke, extrem rechte Mobilisierung gibt. Besonders aktuell sei das Thema bei der Mobilisierung zu Corona-Demos. „Wir sehen hier eine deutliche Vermischung der politischen Kategoriensysteme. Denn Verschwörungstheorien und Antisemitismus sind nicht auf eine politische Richtung beschränkt.“ Diese Themen haben laut Decker bestimmte „Brückenfunktionen“.

    Außerdem wollen sich die Forschenden mit dem Thema antifeministische Mobilisierung beschäftigen. Neben dem Antisemitismus sei auch das Bekenntnis zum Antifeminismus eine Möglichkeit, sich in der Szene zu erkennen zu geben und Anschluss zu finden. Als Extrembeispiel nannte Decker den Attentäter vom Halle-Anschlag am 9. Oktober letzten Jahres. Demokratiefeindliche Einstellungen innerhalb sächsischer Institutionen wie der Polizei zu erforschen, sei noch nicht in Planung, so Decker. Er könne sich aber vorstellen, dass sie zu diesem Thema in Zukunft auch tätig werden.

    Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 83: Zwischen Ich und Wir

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