Medien machen in Fakenews-Zeiten, Teil 37

Ein kleines Plädoyer für aufmerksame Entschleunigung

Für alle LeserSchon im Dezember veröffentlichte die „Süddeutsche“ einen schönen Artikel, der sich mit der Frage beschäftigte, wie das Gelbwesten-Phänomen in Frankreich derart schnell an Aufmerksamkeit gewinnen konnte und was das mit den Anfang 2018 von Facebook geänderten Algorithmen zu tun hat. Nach den massiven Missbrauchsaffären im Präsidentschaftswahlkampf hatte Facebook die Timeline radikal verändert. Im Unternehmenssprech: back to the roots.

Was es nicht wirklich war. Dazu ist dieser Riesenkonzern längst zu groß, hat viel zu viele Nutzer, für die Facebook regelrecht das „Tor zur Welt“ ist, die Hauptinformationsquelle. Was Facebook zu Beginn, als es wirklich mal als ein Netzwerk für soziale Beziehungen begann, nicht war. Doch dazwischen liegen über zehn Jahre immer neuer Angebote und Übergriffe.

Die Nachrichten, die die Nutzer angezeigt bekamen, wurden immer mehr angereichert mit Werbung, aber auch mit Nachrichten der großen Medien. Die Nutzer von Facebook durften tatsächlich eine Zeit lang das Gefühl haben, über Facebook alle relevanten Informationen zu bekommen, die sie brauchten. Facebook wurde zum „gatekeeper“. Die Algorithmen des IT-Konzerns entschieden, was als wichtig erachtet und dem Nutzer eingeblendet wurde.

Und weil das eh schon viel zu viel war, wurde in den Folgejahren immer wieder an den Algorithmen herumgebastelt.

In Wirklichkeit bekamen die Nutzer schon seit Jahren nicht mehr alles ausgespielt, was wichtig war. Die Algorithmen strickten für jeden Nutzer eine ganz eigene Blase aus Informationen, die die Erwartungen des Nutzers bestätigten. Dazu wurden massenhaft persönliche Daten abgefischt, jeder Klick, jede besuchte Homepage gespeichert, bis immer mehr Menschen in einer Facebook-Wohlfühl-Welt verschwanden, die ihnen das Gefühl gab, mit sich in der umgebenden Welt in völliger Übereinstimmung zu sein.

Und aus den Medien bekamen sie nur noch ausgespielt, was zu ihrer Wohlfühlwelt passte. Schon da wurden die Warnungen jener viel zu wenigen laut, die merkten, was so etwas mit unserer Gesellschaft anrichtet. Denn damit bestimmten die Algorithmen eines riesigen Konzerns, was seine Nutzer noch zu sehen bekamen. Und was nicht. Die berühmte „filter bubble“ war das Ergebnis.

Und wer in seinem Alltag aufmerksam war merkte, wie schon das das Miteinander radikal veränderte.

Die Manipulierbarkeit steigt

Denn Menschen, die aus so einer Filterblase kommen, haben kein Gespür mehr für die Vielfalt von Denkweisen, Ansichten, Lebenswelten in ihrer Gesellschaft. Sie haben das immer wieder bestätigte Gefühl, die Mitglieder ihrer Filterblase seien nicht nur das typische Volk, sondern sie seien auch in der Mehrheit, da sie ja die komplette Diskussion dominieren – in der Blase.

Wie leicht man diese Blasen benutzen und manipulieren kann, bewies dann 2016 nicht nur Donald Trump. Diverse amerikanische und nicht-amerikanische Interessengruppen nutzen die Möglichkeiten, die öffentliche Meinungsbildung über Facebook zu manipulieren, so massiv, dass Mark Zuckerberg, als er vorm Kongress Rede und Antwort stehen sollte, nichts dazu zu sagen hatte. Lieber las er, was er sich zu sagen getraute, vom Blatt ab. Denn es war wohl wirklich so: Zum ersten Mal begriff er, wie manipulierbar sein Netzwerk war. Und dass er keine firewall besaß (und besitzt), die so etwas verhindern könnte.

Das Ergebnis war dann die obskure Änderung in den Algorithmen, die in den großen Medienhäusern der westlichen Staaten Anfang 2018 für reines Entsetzen sorgte, denn damit schmiss er die Nachrichten der seriösen Medien einfach aus der Timeline, weil er meinte, die Rückkehr zu einem Netzwerk, in dem wieder die persönlichen Beziehungen die Hauptrolle spielen, sei der Weg der Rettung.

Doch das hat etwas erzeugt, was der „Süddeutsche“-Artikel am Beispiel der Gelbwesten sehr schön erläutert. Denn wenn die eigenen Beziehungsgruppen wieder die Timeline dominieren, ist das die ideale Basis nicht nur zur Entstehung von Blasen, sondern auch von einer schnellen Aktivierung von Gleichgesinnten für so etwas, wie es Frankreich dann am Jahresende erlebte. Auf einmal brauchte es nur einen Klick, und aus einem persönlichen Protest wurde eine scheinbar durch nichts und niemanden gesteuerte landesweite Straßenaktion.

Das Ende der „langsamen“ Medien?

Wobei der Artikel noch einen anderen Dreh hat. Denn indem Zuckerberg in seiner Weisheit die alten, ach so schwerfälligen Medien rausschmiss, schaffte er reinen Tisch für all das, was mit Journalismus nichts mehr zu tun hatte: schnelle „news“, Bilder, Falschmeldungen, Sensationen, … alles, was irgendwer irgendwo postete, kommentierte, auflud und emotionalisierte.

Kaum ein Ereignis passiert noch, das in den Netzwerken nicht schon heißgekocht und zur gewaltigen Welle wird, bevor auch nur der erste Journalist die Möglichkeit hatte, die Fakten zu prüfen, verlässliche Quellen zu finden und die Nachricht auf das abzuklopfen, was daran wirklich belegt und wichtig ist.

Medien filtern und sieben und prüfen. Und das aus gutem Grund. Medien brauchen Zeit, weil man nicht einfach einen Algorithmus über die Ereignisse laufen lassen kann, der in Sekundenschnelle feststellt, was wirklich belastbar daran ist.

Medien sind – verglichen mit dem Hexenfeuerwerk bei Facebook, Twitter & Co. – langsam.

Manch ein Deuter der Zukunft behauptet ja schon, das sei ihr Ende, weil sie einfach nicht mithalten können, wenn sich das Tempo immer mehr erhöht. Und dafür steht ja auch Facebook. Die Algorithmen sind ja dazu da, die Nachrichten in Blitzeseile zu verteilen. Zuckerberg wird wahrscheinlich nie zugeben, dass die rasende Eile, „immer der Erste“ sein zu wollen, geradezu der Fehler im System ist.

Reale Wirkungen in der „Erregungs-Demokratie“

Denn wenn es das Grundprinzip von Information sein sollte, bedeutet das, dass falsche, reißerische, verdrehte Nachrichten die Weltsicht der Nutzer bestimmen. Alle anderen dringen nicht mehr durch, die klassischen Medien hat Zuckerberg ja ausblenden lassen und damit erst so richtig gezeigt, was er von klassischer Medienarbeit hält.

Für ihn geht es nur um Geschwindigkeit, Wendigkeit, Reichweite und damit verbundene wachsende Werbeerlöse. Wer der Erste ist, hat die Nase vorn, beherrscht den Markt und bestimmt, was wahrgenommen wird und was nicht. Der sorgt also auch dafür, dass ganze alte Medienfelder verwüstet werden, andere Medienunternehmen vom Markt gedrängt werden. Die Branche wird aufgeräumt. Ein neuer Platzhirsch bestimmt die Regeln. Ganz allein. Jedenfalls sieht Zuckerberg das so.

Aber das hat mit alter, mühseliger Medienarbeit nicht mehr viel zu tun. Jeder, so wird erzählt, könne jetzt Medien machen. Könne einfach raushauen, was er will und damit selbst zum Journalisten werden.

Mit bekanntem Ergebnis: einer Welt von schnellen, rasenden, falschen und halbwahren Nachrichten, die Millionen Menschen für bare Münze nehmen und weiterverbreiten. Man muss nur die richtigen Stichworte und Emotionen benutzen – und los rollt der Ball. Wir bekamen so das, was wir heute erleben: eine Erregungs-Demokratie, in der über völlig abwegige Themen fortwährend palavert wird und in der die Aggressionen massiv zugenommen haben.

Auch das hat mit dem Ausschalten einer seriösen Informationsbasis zu tun. Denn wenn einige Menschen glauben, mit ihrer Sicht auf die Welt ganz allein und immer recht zu haben, beginnt nicht nur die unerbittliche Rechthaberei. Dann werden die anderen und Andersdenkenden auf einmal aggressiv angepöbelt, beleidigt und erniedrigt. Und wer die Facebook-Wellen kennt weiß, dass genau diese Emotionen dort eben nicht ausgefiltert werden. Im Gegenteil: Sie befeuern die Aufmerksamkeit in diesem nicht wirklich sozialen Netzwerk.

Der Wert der Entschleunigung oder „Checks and Balances“

Auch weil Leute wie Zuckerberg ein erstaunlich simples Vorstellungsvermögen von genau dem haben, was sie glauben kraft ihrer Algorithmen einfach ersetzen zu können

Jan Füchtjohann schrieb in der „Süddeutschen“: „Und genau hier liegen die Schwierigkeiten. Viele alte Institutionen wussten das und enthielten darum ‚innere Bremsen‘: Redaktionen mussten Fakten prüfen, bevor sie veröffentlicht wurden; Autos hatten Elchtests zu bestehen; in Parlamenten wurde ausgiebig diskutiert; vor Gericht gab es auch eine Verteidigung usw. In all diesen Fällen wurde bewusst nicht der kürzeste, schnellste und reibungsloseste Weg gewählt.

Im Gegenteil: Das Verfahren sollte rumpeln, stottern und immer wieder innehalten, es waren Konflikte und diverse ‚Checks and Balances‘ vorgesehen. Genau das war mal ein Wettbewerbsvorteil: Verfahren dieser Art sind zutiefst demokratisch – sie lassen mehrere, oft widerstreitende Perspektiven zu Wort kommen, führen dadurch aber auch zu besser informierten Ergebnissen. Dass sie länger brauchen, wurde lange als notwendiges Übel akzeptiert.“

In Wirklichkeit ist es ein Geschenk, denn es zwingt alle Beteiligten zum Nachdenken, Prüfen und Einander-Zuhören. Etwas, was es im Facebook-Kosmos kaum noch gibt. Facebook kennt keine „Checks and Balances“. Algorithmen ersetzen nicht die notwendige Komplexität menschlichen Gesprächs.

Und dann sieht man sich um und sieht, wie immer mehr klassische Medien versuchen, irgendwie mit diesem wahnsinnigen Facebook-Twitter-Tempo Schritt zu halten und „news“ raushauen, ohne dass einer auch nur prüft und wichtet. Man jagt einer Reichweite hinterher, die man irgendwie „vermarkten“ kann, obwohl der schnelle Fresser Facebook fast nichts übrig gelassen hat vom großen Werbekuchen.

Man ahnt nur, was für eine irre Gesellschaft das wird, wenn sich die Mehrheit der Menschen nur noch so informiert, also eigentlich von allem nichts wirklich wissen, emotional gejagt und getrieben ist – selbst von ihrer eigenen Sucht, bei dieser wilden Hatz nicht abgehängt zu werden.

Was werden aber solche Menschen mit unserer Welt anrichten?

Was werden sie überhaupt noch davon verstehen? Oder passiert noch Schlimmeres: Verlieren sie nicht ihre Fähigkeit, überhaupt noch mehr zu verstehen, als was in Überschriften und 140 Zeichen Platz findet? Welche Ängste müssen sie ausstehen, wenn sie Menschen außerhalb ihrer Blase begegnen?

Ich habe das dumme Gefühl, dass die alten, klassischen Medien ganz und gar nicht überfällig sind. Denn das, was die technokratischen Besserwisser bei Facebook gerade demolieren, muss ja irgendjemand wieder reparieren und kitten, also wieder wie ein Medium arbeiten, Brücken bauen, den Lesern helfen, die eigene Blase gedanklich zu verlassen und sich wieder auf das Ganze einzulassen, die ganze Gesellschaft, die nun einmal die „Anderen“ nicht ausschließt. Es geht nicht ohne Konflikte, Kompromisse und – nun ja – Geduld und Sitzfleisch. Entschleunigung, um Dinge wieder nach bestem Wissen zu erzählen, einzuordnen, zu hinterfragen. Und auch auszusortieren, wenn sie falsch sind oder verdreht oder rücksichtslos gegen andere Menschen gewendet.

Es läuft also irgendwie auf das Wörtchen Sorgfalt hinaus. Wir müssen uns wieder sorgen um das Gemeinsame. Dazu sind Medien als Vermittler irgendwie grundständig da. Sie stellen die Verständigungsbrücken her, die einer Gesellschaft das Sprechen miteinander erleichtern – faktenbasiert, realitätsnah, so nah am wirklich Geschehenden wie möglich. Oder auch erst ermöglichen.

Jeder Artikel ein Ansatz, wieder ein Stück Wirklichkeit besser zu erfassen. Sichtbarer zu machen und (be-)greifbarer. Das ist unser Job. Das macht richtig Arbeit. Es kostet Zeit, ist aber mit „schnell, schnell“ und „husch, husch“ à la Facebook nicht zu ersetzen.

Die Serie „Medien machen in Fakenews-Zeiten“.

Was der „Fall Relotius“ mit Bequemlichkeit, Vorurteilen und blinden Flecken in Redaktionen zu tun hat

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