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Montag, 18. Januar 2021

Die „goldenen 20er“ in Leipzig (Teil 5): Weil das heute noch so ist, weil das immer schon so war

Von Marko Hofmann & Michael Freitag

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus Ausgabe 43Wir leben in supermodernen Zeiten. Meinen wir ja gern. Schaut man sich jedoch so manchen „Megatrend“, also eine langlebige gesellschaftliche Gewohnheit an, stellt man leicht fest, wie 90 Jahre im Rückblick zusammenschnurren. Noch heute trinken wir unseren Kaffee, um ein wenig heller durch den Tag zu hasten, der politische Streit ist uns auch geblieben, das Vermietungsgeschäft an Messegäste läuft und in so mancher Ehe soll es noch so sein, wie in diesem ominösen „Früher“, wo „alles besser war“. Nur die „schlüpfrigen Filme“ schauen wir wohl nun endgültig eher im Heimkino und eine „Auswanderungsberatung“ gehört nicht mehr zum nachgefragten Angebot Leipzigs.

    Beim Blättern in den Ausgaben der „Neuen Leipziger Zeitung“ (NLZ) aus dem März 1927 finden sich auch viele Mitteilungen, Artikel und Werbung, die neben den politischen Streitthemen der damaligen Zeit ein ganz flottes Bild von den gesellschaftlichen Normen und Sitten zeigen. Manche kommen uns angestaubt, andere ziemlich heutig vor.

    Wie zum Beispiel der wachsende Drang, immer fit und wach zu sein. Damals kaute man eher auf etwas herum, wie die Werbeanzeige von der Firma Dallmann & Co. zeigt „Müdigkeit zu ungelegener Zeit hat schon Manchen um Erfolg und Ansehen gebracht. Kola Dallmann bewahrt vor plötzlicher Nervenabspannung, beseitigt binnen 10 Minuten jegliches Schlafgefühl und verleiht Gedankenstärke, Initiative, erhöhte Aktivität … Kola Dallmann in Apotheken und Drogerien erhältlich. In vielen Geschäften Proben kostenlos.“ Und das immerhin bis 1998.

    Den Hauptwirkstoff der Kolanuss, weit über Kaffeegehalt liegendes Koffein, findet man übrigens in der Red Bull Cola. In die Apotheke muss man dafür aber nicht mehr – na dann mal Prost.

    Unterdessen hat das Leipziger Gewerbeamt eine bahnbrechende Idee

    „Die Arbeitslosigkeit gebietet, die Beschäftigung von Kindern weitmöglichst einzuschränken. Mit gleichem Recht ist dies zum Wohl der Kinder erforderlich. Die gesetzlichen Vorschriften über den Kinderschutz besagen, daß in gewerblichen Betrieben mit zehn und mehr Arbeitern in Werkstätten mit Kraftbetrieb, in Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion, […] Kinder nicht beschäftigt werden dürfen.“ Klingt hart, ist aber so: erst die immer weiter zunehmende Industrialisierung und die zunehmend nötigen Kenntnisse am Arbeitsplatz trugen endgültig zum vollständigen Verbot von Kinderarbeit in Deutschland bei.

    Dass da so mancher von fremden Ländern träumte, ist eigentlich kein Wunder. 1927 gibt es in Mitteldeutschland noch eine Auswandererberatung. Im Vorjahr haben sich laut NLZ aus Sachsen 3.610 Menschen zum Thema Auswanderung beraten lassen. Besonders gefragte Zielländer der gesamten 6.691 Auskunftssuchenden waren die Vereinigten Staaten, Brasilien, Argentinien, Mexiko und natürlich auch die ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

    Übrigens wollen bei diesen Beratungen vor allem Arbeitskräfte der Industrie und des Bankwesens über Risiken und Chancen bei einem Neustart im Land der Träume aufgeklärt werden.

    Konsum, Konsum, Konsum

    Nur noch wenige Tage bis zur Frühjahrsmesse. Und wer kommt so im Jahr 1927? Es geht bunt durcheinander, anders als bei den heutigen Fachmessen. Vor allem Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Lederwaren, Uhren, Kino, Photo, Optik, Glas und Keramik, Spielwaren, Sportartikel und Musikinstrumente sind zu bestaunen. Aber auch Textilwaren, das Buchgewerbe ist vor Ort, von Wohnungseinrichtungen bis Haushaltsartikel reicht das Angebot ebenfalls und als größte Branche ist neueste Industrie-Technik zu besichtigen. Die NLZ zur Statistik: „Im Vergleich zum Jahre 1914 als 4.253 Aussteller zugegen waren, sind es nun über 6.000 mehr, genau 10.667 Aussteller.“

    Der Schatten der 30er Jahre ist schon sichtbar. Wahlwerbung der NSDAP in den späten 20er Jahren. Quelle: Cigarettenbilder-Sammlung, Privat
    Der Schatten der 30er Jahre ist schon sichtbar. Wahlwerbung der NSDAP in den späten 20er Jahren. Quelle: Cigarettenbilder-Sammlung, Privat

    Zeit, ein paar Regeln anzupassen, damit auch das Geschäft der Leipziger selbst florieren kann. Der Rat fordert – anders kann man es wohl gar nicht ausdrücken – dass die Läden „am ersten Sonntag der Messe von 1 bis 6 Uhr nachmittags geöffnet sind.“ Auch die Bäckereien dürfen von halb 8 bis halb 9 (am Abend) ihre Waren verkaufen. Und auch die Polizei gibt sich gütig. Die damals noch geltenden Polizeistunde, wird für die Nacht von Samstag auf Sonntag auf drei Uhr nachts – oder wie es im Bericht heißt, drei Uhr „vormittags“ – nach hinten verlegt.

    Und auch der Hausfrauen-Verein will noch etwas via NLZ loswerden. Die Zimmerpreise bleiben stabil, sind dieselben wie zur Herbstmesse 1926. Demnächst kostet ein Zimmer in der Sonderklasse 7,50 Mark, 1. Klasse 6 Mark, 2. Klasse 4,50 Mark, 3. Klasse 3 Mark und Arbeiterklasse 1,50 Mark. Und man bekommt ordentlich was für sein Geld bei den rührigen Leipziger Mädels: „Normale Beleuchtung ist inbegriffen, ebenso die ortsübliche Bedienung. Sonderleistungen können nach der Arbeitszeit berechnet werden. (Hausfrauenstunde 50 Pf.). Für Heizung des Zimmers sind 40 Pf. als angemessen zu betrachteten (ca. 8 Briketts).“

    Auch die Regeln des Frühstücks sind genauestens geregelt und haben natürlich ihren Preis. „Das sind 2-3 Tassen Bohnenkaffee oder Tee oder Kakao einschließlich Milch und Zucker für 1,30 Mark. Für ein gekochtes Ei werden Einkaufspreis und 10 Pf. berechnet.“

    Und warum zur Messe nicht auch mal abends ins Kino?

    Frivoles und schlüpfriges haben die Leipziger jedenfalls vorbereitet, man freut sich – eingebettet ins offizielle Messeprogramm – im „Welt-Theater“ im Barfußgäßchen 12 auf Besucher. Man biete etwas „wie es an Güte und Reichhaltigkeit nicht mehr überboten werden kann“. Das „reizendste Filmwerk, das jemals über die Leinwand ging“, wird unter dem sensationellen Titel „Ein Höschen war der Scheidungsgrund (Mit der Ehe spielt man nicht)“ gezeigt.

    Frivol verkündet das Plakat „Was doch ein solch kleines, reizendes Hemdhöschen alles anrichten kann. 7 kapriziöse Akte von Parul Morgan.“ Außerdem im Programm: „Die Sünde am Kinde.“ Eine erschütternde Tragödie und ermahnende Anklage an alle Mütter, eine tief zu Herzen gehende Handlung in 6 Akten, die viele wieder zur Erkenntnis bringen sollen. „Wiederholt wurde dieser Film verboten und wurde jetzt doch von der Oberfilmprüfstelle freigegeben. Für Jugendliche verboten.“

    So ist das: arbeiten dürfen die Jugendlichen früh in dieser Zeit. Alles andere ist schon so wie heute.

    Und auch das ist Leipziger Messe, die Gauner sind längst in der Stadt: „Unter dem Vorwande, vom Meßamt geschickt worden zu sein, mieten sich hier zwei angeblich Meßfremde aus Wien ein, um in Abwesenheit der Wohnungsinhaber Diebstähle auszuführen. Sie treten unter verschiedenen Namen auf, sind etwa 40 Jahre alt und 1,65 groß.“ Organisierte Kriminalität also, alles wie ehedem auch heute. Herzliche Grüße demnach an die Polizeidirektion Leipzig, das Gerenne zwischen Ede und Schutzmann ist ein sehr altes Spiel.

    Apropos altes Spiel

    Eheleben im Jahre 1927. Eine Leserin wendet sich an die NLZ mit der Frage, ob es in Ordnung sei, dass ihr Mann ihren Hausschlüssel einbehalten hat, weil sie sich mit Freundinnen am Abend traf. Gleich fünf Zuschriften landen im Redaktionsbüro. Hier können leider nur Auszüge wiedergegeben werden. „Gehen Sie nur einmal in der Woche aus, dann kann ich Ihren Mann bezüglich der Entziehung der Hausschlüsselgewalt nicht recht verstehen, denn Sie sind ja – das sollte er nicht vergessen – seine Frau und nicht sein Dienstmädchen. Ist jedoch die Wohnung mehrmals in der Woche leer, so fühlt er sich mit der Zeit vereinsamt und schließlich vernachlässigt. Den Abendbrottisch vorzubereiten ist z. B. immer noch Pflicht einer rechtschaffenen Hausfrau und nicht des Mannes.“, bekundet A.S.

    Eine Frau meint hingegen pragmatisch: „Machen Sie es Ihrem Mann, der müde von der Tagesarbeit ist, abends gemütlich und laden Sie Ihre Freundinnen zu Ihnen ein. Wenn Sie doch mal ausgehen, dann lassen Sie sich von Ihrem Gatten begleiten oder zu einer bestimmten Zeit abholen. Es wird gewiß niemand etwas dagegen haben.“

    Luise K. meint dagegen: „Ganz abgesehen davon, daß es keinen guten Eindruck macht, wenn eine verheiratete Frau bis in die Nachtstunden hinein allein aus dem Hause geht, hat sie mit dem Eingehen der Ehe die Pflicht übernommen, dem Mann das Heim durch ihre Anwesenheit zu verschönen und wert zu machen. Ich stelle es mir recht traurig vor, wenn der Mann nach mühevollem Tagewerk allein in der verwaisten Wohnung sitzen muß.“ Es kommen einem fast die Tränen.

    Die Politik schläft auch damals nie

    Und ein Untoter ist wieder da. Im März 1927, also 36 Jahre nach seiner Projektierung und Diskussion, wird er erneut Thema: Der Elster-Saale-Kanal. Diesmal streiten sich Leipzig und Sachsen um das liebe Geld. In einem Staatsvertrag ist schon 1926 festgehalten worden, dass alle Anliegerstaaten des Mittellandkanals ihren Anteil am Bau leisten sollen. Der Elster-Saale-Kanal wurde als Südflügel des Mittellandkanals in Projektplanung und -ausführung einbezogen. Die Voraussetzung ist nun, dass Sachsen wie die anderen Länder seinen Anteil leistet.

    Die Finanzierung sieht demnach vor, dass das Reich sowieso 2/3 der Gesamtkosten tragen soll und das restliche Drittel unter den Kanal-Anrainern aufgeteilt wird.

    Das Land Sachsen machte es sich bei der Finanzierung einfach, forderte von der Stadt Leipzig 40 Prozent der Gesamtkosten, die Sachsen zu tragen hatte. Empört ob dieser brüsken Forderung einigen sich die Stadtverordneten Leipzigs darauf, nur 35 Prozent zu zahlen. Das nimmt man in Dresden zur Kenntnis und gibt gleichzeitig lakonisch zu verstehen, „man habe von Leipzig mehr, nämlich 40 Prozent erwartet.“

    Der Elster-Saale-Kanalverein hat daraufhin noch einmal 2,5 Prozent von der Amtshauptmannschaft eingeworben und weitere 2,5 Prozent von der Industrie, um die 40 Prozent vollzumachen. Nun stehen 1.500 Erwerbslose bereit, die für den Bau als Arbeitskräfte eingeplant waren. Doch aus Dresden folgt der nächste Schlag, eine weitere Forderung über 500.000 Reichsmark.

    Zahlt Leipzig nicht, scheitert das Projekt, eine klassische Erpressung. Leipzig zahlt, wer weiß, was da für ein weiterer Nebendeal gelaufen ist. Denn kurioserweise hätte auch das Land Sachsen nichts von einem geplatzten Projekt. Laut Staatsvertrag müsste sich das Land trotzdem an den restlichen Kosten für den Mittellandkanal beteiligen und lediglich die 5 Prozent der Gesamtkosten sparen, die auf den Bau des Elster-Saale-Kanals entfallen wären.

    Fertig wird er dennoch nicht. Bis heute.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Westlich von Leipzig 1891

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Die „goldenen 20er“ in Leipzig (Teil 1): Verdammt lang her?

    https://www.l-iz.de/bildung/zeitreise/2017/03/Die-%e2%80%9egoldenen-20er%e2%80%9c-in-Leipzig-Teil-1-Verdammt-lang-her-172769

    Zeitreisen erscheinen regelmäßig auch in der LZ, hier Ausgabe 43, Mai 2017

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