Das Jahr, in dem Johann Sebastian Bach vor 300 Jahren seine neue Dienststelle in Leipzig antrat, neigt sich dem Ende zu. Doch zu Ende ist es noch längst nicht. In seinem Ausstellungs-Kabinett zeigt das Buch-Museum in diesem Jahr, welche Wirkung nicht nur dieser Bach auf die komponierende Nachwelt hatte, sondern auch, welche Rolle dabei gerade dieser Wechsel von der Köthener Hofkapelle ins Kantorenamt an der Thomaskirche spielte. Das hört man selbst in modernen Rocksongs.

Das Bach-Museum Leipzig präsentiert zum Jubiläum „Bach300 – 300 Jahre Bach in Leipzig“ eine Sonderausstellung in drei Akten. Der finale Akt geht ab dem heutigen Donnerstag, dem 16. November, der zeit- und grenzenlosen Wirkung von Bachs Musik nach: Sie wurde zum Modell für Generationen von Komponistinnen und Komponisten und inspiriert Jazz-Legenden ebenso wie Popstars. Über 70 Klangbeispiele und musikalische Spiele verwandeln die Ausstellung in ein interaktives Hörkabinett.

Zum Jubiläum „Bach300“ hat das Bach-Museum Leipzig ein besonderes Ausstellungsformat entwickelt: eine Ausstellungsserie, die in drei Akten Bachs musikalischen Kosmos und seine Bedeutung bis in die Gegenwart entfaltet. Unter dem Titel „Bühne frei für J. S. Bach“ lädt sie dazu ein, tief in die Geheimnisse von Bachs Musik einzutauchen.

Eine Musik mit anhaltender Wirkung

Der finale dritte Akt widmet sich der Frage, wie Bachs Musik zum Modell wurde. Schon Zeitgenossen erkannten das Besondere an Bachs Kompositionskunst: die Vollstimmigkeit seiner Werke, ihre ausdrucksstarke Harmonik oder die Originalität seiner Melodien. Ausgehend von diesen Würdigungen beleuchtet die Ausstellung charakteristische Merkmale von Bachs Kompositionsweise und ihre Wirkung bis in die Gegenwart.

„Es ist faszinierend, wie sehr Bachs Werk Künstlerinnen und Künstler seit 300 Jahren zu kreativen Schöpfungen anregt – von Ludwig van Beethoven über Eduardo Chillida bis hin zu Lady Gaga. Im finalen Akt unserer Jubiläumsausstellung spannen wir einen Bogen vom Barock bis in die Gegenwart“, erläutert Kerstin Wiese, Leiterin des Bach-Museums Leipzig.

„Dass wir die Sonderausstellung mit vielen Hörbeispielen, Exponaten, interaktiven Stationen und Spielen ausstatten konnten, wäre ohne unsere Förderer nicht möglich gewesen. Mein herzlicher Dank gilt der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Sparkasse Leipzig, der Kulturstiftung der Länder sowie dem Freistaat Sachsen, der das Projekt im Rahmen des Programms ‚Kulturland Sachsen‘ unterstützt hat.“

Neben Kerstin Wiese lag die Gestaltung der Ausstellung in den Händen von Henrike Rucker, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bach-Museum. Eine Ausstellung, die nicht nur durch Bilder und Texte einführt in die Welt von Bachs Musik und dem, was spätere Komponisten draus gemacht haben – und zwar nicht nur die großen Romantiker wie Mendelssohn Bartholdy oder Liszt, sondern auch moderne Rockmusikerinnen und Rockmusiker.

Bachs Welt ist wie ein riesiger Steinbruch, aus dem man immer neue Schätze heben kann. Manchmal sind es nur markante Melodien aus seinen bekanntesten Werken, die Künstler zu immer neuen Variationen und Zitaten anregen.

Und weil das nicht theoretisch bleiben soll, beinhaltet die kleine Ausstellung insgesamt 78 Klangstücke, die man sich mit Kopfhörer anhören kann. Auch im Vergleich zwischen dem Bachschen Original und dem, was kongeniale Kollegen späterer Epochen draus gemacht haben.

Frau Henrike Rucker erläutert die neue Ausstellung im Kabinett des Bach-Museums. Foto: Ralf Julke
Henrike Rucker erläutert die neue Ausstellung im Kabinett des Bach-Museums. Foto: Ralf Julke

Was sicher selbst für Freunde der modernen Rockmusik eine Überraschung sein wird, denn dass die Stars auf der Bühne bei ihren Kompositionen direkte Anleihen bei Bach genommen haben, ist ihnen oft gar nicht bewusst. Oft sind es die mitreißendsten Stellen in ihren Songs, die ein Bach-Motiv aufgreifen.

Gut vorstellbar, dass gerade die Hörinsel mit den Pop-Hits in der Mitte des Ausstellungsraumes besonders viele Musikliebhaber anziehen wird.

Im Kurztext des Bach-Museums: „Viele Popstars ließen sich von Bachs Musik inspirieren. Auf welche Bach-Werke die Beatles, Sting oder Lady Gaga zurückgriffen und wie sie sie in ihren Hits verarbeiteten, macht eine zentrale interaktive Station erlebbar. Die Museumsgäste können zudem ihre eigenen Bach-Charts aufstellen oder von Bach inspirierte Musikstücke auf einer Weltkarte den Entstehungsländern zuordnen.“

Und wer es nicht wusste, erfährt dort eben auch, warum der Beatles-Song „Penny Lane“ so ein schönes Trompeten-Solo hat. Bach lässt grüßen.

The Beatles – Penny Lane

David Mason Penny Lane Trumpeter

Aber zur Rezeption von Bachs Kompositionen gehört ja auch vor allem jenes zutiefst romantische 19. Jahrhundert, in dem die besten Komponisten Bachs Musik für sich entdeckten und seine Arbeiten als Anregung für eigenes Komponieren nutzten – von Beethoven angefangen bis hin zu Mahler. Auf einmal wurde die Musik Bachs nicht mehr als antiquiert empfunden.

Im Gegenteil: Jetzt wurde seine Art zu komponieren als befeuernd erlebt. Und natürlich Maßstäbe setzend.

Das kann man in eigenen Kapiteln (samt entsprechender Klangbeispiele) in der Ausstellung für sich entdecken. Und natürlich anhand ausgewählter Ausstellungsstücke: Zu sehen sind Handschriften von Gustav Mahler und Max Reger, Erstausgaben von Werken Felix Mendelssohn Bartholdys, die erste Bach-Biografie von Johann Nikolaus Forkel und vieles mehr.

Die Siebdruckfolge „Hommage à Johann Sebastian Bach“ des spanischen Künstlers Eduardo Chillida zeigt – als Installation an der Wand – eindrucksvoll, wie Johann Sebastian Bach die Kunst über alle Gattungsgrenzen hinweg beflügelte.

Die einzelnen Kapitel der Ausstellung

Starke Vollstimmigkeit: Ludwig van Beethoven fand in Bachs Kompositionen Modelle für die Verarbeitung musikalischer Themen und den Umgang mit Harmonik: Seine „Große Fuge“ op. 133 – ein höchst unkonventionelles Werk für Streichquartett – wurde maßgeblich durch Bachs Zyklus „Die Kunst der Fuge“ beeinflusst. Felix Mendelssohn Bartholdy wiederum spornte die Beschäftigung mit Bachs Musik zur Erneuerung der Kirchenmusik im 19. Jahrhundert an.

Bachs Einfluss ist in vielen seiner Oratorien, Chor- und Orgelwerken spürbar. Durch seine Aufführungen rückte er Bachs Oratorien zudem in den Fokus der Öffentlichkeit.

Zahlreiche Komponistinnen und Komponisten drückten ihre Bach-Verehrung durch Bearbeitungen aus: darunter Johannes Brahms, Franz Liszt, Camille Saint-Saëns, Ferruccio Busoni, Max Reger, Percy Grainger, Sergej Rachmaninow, Bela Bartók oder Myra Hess. Die Vertreter der „Zweiten Wiener Schule“ – Arnold Schönberg und sein Schüler Anton Webern – nutzen Bachs Kontrapunktik als Inspiration für ihre eigene Kompositionsweise, die Zwölftontechnik. S

ie wollten die komplexen Strukturen der Bachschen Werke verständlich machen: „erwecken, was hier noch in der Verborgenheit dieser abstrakten Darstellung durch Bach selbst schläft und für fast alle Menschen … gar nicht da oder mindestens völlig unfassbar ist.“ (Zitat: Anton Webern)

Geheimnisse der Harmonien: Zukunftsweisend waren Bachs farbig harmonisierten Choräle und seine Kunst, Akkorde und Melodien mit Tönen fremder Tonarten anzureichern. Alban Berg verschmolz Bachs berühmten Choral „Es ist genug“ (BWV 60) in seinem Violinkonzert kongenial mit der Zwölftontechnik.

Kaum zu überschätzen ist der Einfluss, den Bachs Wohltemperiertes Klavier auf nachfolgende Generationen hatte: Es wurde zum zeitlosen Lehrwerk und inspirierte u.a. Frédéric Chopin, Paul Hindemith und Dmitri Schostakowitsch zu eigenen Werkzyklen.

Mannigfaltigster Rhythmus: Rhythmus und Taktmaß spielen in Bachs Musik eine wichtige Rolle. Seine Vorliebe, regelmäßige Metren mit gegenläufigen Betonungen oder Rhythmen zu kombinieren, erinnert an den Jazz. Kein Wunder, dass berühmte Vertreter des Genres wie Jacques Loussier, Bobby McFerrin und Till Brönner Bachs Musik für sich entdeckt haben.

In einer einzigen Stimme: In seinen Solowerken gelang es Bach, auf einem einzigen Melodieinstrument den ganzen Reichtum seiner Kunst zu verwirklichen. Wo Doppelgriffe und Bogentechnik an Grenzen stießen, deutete Bach kunstvollste Stimmen und Harmonien so geschickt an, dass sie in der Fantasie der Zuhörenden ihr vielgestaltiges Klanggewebe entfalteten. Auf das Konzertpublikum des 19. Jahrhundert wirkten diese Meisterwerke zunächst ungewohnt.

Robert Schumann schuf daher Klavierbegleitungen zu den sechs Sonaten und Partiten für Violine solo. Die berühmte Chaconne aus der Partita d-Moll verwandelte Ferrucio Busoni in ein opulentes Klavierwerk. Camille Saint-Saëns arrangierte die Gavotte aus der Partita e-Moll für Klavier. Aber keine Bearbeitung kann sich mit dem Original messen.

Erfindungsvolle Gedanken: Bachs Erfindungskraft war überragend: Kunstvollsten Fugen und Kanons verlieh er größte Ausdruckstiefe. Choräle verarbeitete er fantasievoll zu Kantaten und Choralvorspielen. Der Variantenreichtum seiner Präludien und Fugen, Variationen, Suiten, Konzerte, Arien und Chöre ist schier unerschöpflich. Wie Bach die Verarbeitung musikalischen Materials in alle Richtungen erforschte, wirkte unvergleichlich anregend auf spätere Komponisten.

Felix Mendelssohn Bartholdy knüpfte an Johann Sebastian Bach an und begründete eine neue Epoche der Orgelmusik: In seinen Sechs Sonaten op. 65 entwickelte er Techniken der Fuge und Choralverarbeitung weiter und schuf den Typ der romantischen Orgelsonate.

Bühne frei für Johann Sebastian Bach – Akt 3: Bachs Musik wird zum Modell. Sonderausstellung im Bach-Museum Leipzig vom 16. November 2023 bis 24. März 2024

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