Die „Parrhesia“ (griech.: παρρησία) ist die „offene Rede“ und zielt auf eine Form der Wahrheit, die das Wahrsprechen betrifft. Das Wahrsprechen verlangt den Mut zur Wahrheit. Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand diesen Mut aufbringt, es besteht nur in Ausnahmefällen. Die meisten sprechen nicht offen das Wahre und wollen es auch nicht hören.

Somit ist die Wahrheit selbst ein Ausnahmefall. Die Parrhesia ist verknüpft mit der Selbstbestimmung. Sich selbst zu bestimmen, verlangt den Mut zum Risiko. Die Wahrheit zu sprechen, auch wenn sie unangenehm ist, steht dem bloßen Geschwätz, dem inhaltlosen Gerede gegenüber.

Parrhesia – ist die Voraussetzung für die freie Rede nicht allein im Privaten, auch vor dem Gesetz. Damit Demokratie möglich ist, ist das Wahrsprechen notwendig. Demokratie hat zur Bedingung das offene Sprechen im Sinne der Gleichheit aller vor dem Gesetz.

„Das schließt natürlich die Freiheit der Rede aller ein. Jeder, der zum „demos“ gehört, hat das Recht, das Wort zu ergreifen, seine Meinung zu sagen. Das war schon die Stärke der antiken Demokratie. Ein jeder (Vollbürger) hatte das Recht zu sagen, was man nicht hören will. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jeder, der reden kann, auch die Wahrheit sagt.“ (Volker Caysa)

Demokratie zielt auf eine Gesellschaftsform, die dem Einzelnen das Recht eines frei gestalteten Lebens gibt und er hat auch die Pflicht, selbstverantwortlich im Grunde zu handeln und zu denken.

Das Individuum ist damit frei in doppeltem Sinne: Es ist befreit von allen gesellschaftlichen Umständen, die es daran hindern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und hat die Pflicht, den Möglichkeitsraum, der ihm gegeben ist, zur Verwirklichung seiner Freiheit per Arbeit an sich selbst zu gestalten. Freie, selbstbestimmt denkende und handelnde Individuen sind die Voraussetzung für eine gemeinsam in Freiheit zu gestaltende Gemeinschaft, Gesellschaft, Menschheit.

Das LZ Titelblatt vom Monat Juli 2022. VÖ. 29.07.2022. Foto: LZ

Im Sinne des existenziellen Selbstdenkens und Wahrredens, vor allem sich selbst gegenüber „echt“ zu sein, werden diese Interviews als Technik des Wahrsprechens geführt. Seiner eigenen Selbstwahrnehmung, die das Selbstdenken existenziell begründet, aufrichtig und mutig zu begegnen, ist immer schwierig. Deshalb sind die Gespräche auch anonymisiert.

Dieses Interview-Gespräch führte ich mit Maximilian G. Er ist 20 Jahre alt und hat im letzten Sommer sein Abitur sehr gut bestanden und schildert an dieser Stelle, wie er sich in dieser für ihn besonderen Zeit, in die er ins Erwachsen-Werden gestoßen wird, fühlt. Grundfrage ist ihm für sein weiteres Leben v.a.: Wer trifft eine Art Vorauswahl der für ihn zukünftig infrage kommenden beruflichen Aussichten?

Es geht Maximilian nicht darum, (noch) mehr Freiheiten zu haben in seinem momentanen Leben, wie er etwas schüchtern zugibt: „Witzigerweise habe ich gerade die letzten Monate Lust, nicht sehr frei zu sein. Mein Hauptproblem gerade ist, dass es gefühlt (um mal eine Zahl zu nennen) 19.000 Studiengänge gibt und die freie Selbstbestimmung bedeutet in dem Kontext, dass ich zwischen ungefähr 19.000 Studiengängen wählen kann. Dann stehe ich auf der Schwelle und bin unentschlossen und bin jetzt noch unentschlossener, denn wenn ich zu einem allein JA sage, sage ich zu allen anderen 18.999 Studiengängen: NEIN!

Das macht einen so wahnsinnig … es wäre einfach toll, wenn ich so eine Auswahl zwischen fünf Studienbereichen hätte und ich mich erst einmal unter diesen entscheiden könnte. Was wirklich sehr helfen würde, wäre eine Vor-Strukturierung.“

Maximilian, wie geht es Ihnen?

Schön – gleich die schwierigste Frage zu Anfang … (lacht). Witzigerweise ist das wirklich schwer zu beantworten, denn die Zeit ist für mich – und es geht ja um meine Wahrnehmung – ein bisschen gefühllos oder gefühlsmonoton, eingeebnet. Es bleibt stimmungsmäßig bei mir seit einiger Zeit auf einer Linie und es ist nicht etwas total traurig und schrecklich oder im Gegenteil sehr schön und glücklich. Beides würde eine Abweichung bedeuten und das wäre schön. Aber es schwebt immer alles so auf einem Level.

In letzter Zeit verändert sich das etwas, weil ich das Gefühl oder das Vorhaben habe, da mal auszubrechen. Das zieht ein ganzes Hin und Her von Gefühlen mit sich: Zwischen Verzweiflung und dann aber auch unglaublicher Freude, wieder etwas geschafft zu haben. Gleichzeitig ist es aber auch das Gefühl, dass man eine große Kraft aufbringen muss, um sich nicht runterziehen zu lassen. Sodass man wenigstens noch auf der Monotonie bleiben kann und es nicht weiter runtergeht, weil es viel ist, das im Moment an mir zieht. Das ist vielleicht etwas ganz Persönliches von mir …

Ja, wie geht es mir? Ich sage mal: Es könnte immer besser sein. Das ist echt eine schwierige Frage …

Wie ist Ihre Stimmung?

Ich bin traurig. Es ist so ein Mix zwischen kleiner Enttäuschung und Trauer. Alles, was ich so ein bisschen probiere, das funktioniert nicht richtig. Man gibt sich dann so Mühe und es kommt irgendwie nichts richtig dabei heraus oder nicht so viel dabei rum oder eben nicht so ganz das, was man sich wünscht.

Vielleicht hat das auch viel mit Erwartungen zu tun. Das ist so eine Trauer, die mitzieht, wenn man so ganz grundlegende Bedürfnisse hat wie Dazugehörigkeit oder Akzeptanz und wenn das immer mehr auf so eine Wand trifft – so habe ich das Gefühl, wenn ich in Gruppen bin.

Ein Beispiel war jetzt wieder Silvester. Man kommt so in Gruppen und ich denke mir: okay, ich versuche es und will eigentlich nur ein bisschen dazugehören oder wenigstens das Gefühl haben, Leute zu treffen, mit denen man sich wenigstens oder annähernd auf einer Ebene bewegt … das war dann eine riesige Enttäuschung für mich.

Denn da gab es keinen Moment der Nähe oder so – die Leute dort waren voll auf Distanz und da ist kein Moment entstanden, der irgendwie mal so pur war … in einer ganz anderen Welt haben die gelebt. Da war ich dann noch mal so richtig niedergeschlagen danach. Irgendwie war es aber auch schön, denn ich fühlte mich dann bekräftigt, nicht mehr solche Fehler zu machen und eben nicht mehr so etwas erleben zu müssen.

Ich wusste vergangenes Silvester überhaupt nicht, was ich machen sollte und habe mich wirklich gelangweilt und habe es einfach probiert. Das waren Soziologie-Studenten und die kannten sich auch untereinander nicht und der eine war ungeimpft und hat eine Freundin mitgebracht und die wollte sich sehr gern unterhalten zu diesem Thema und ich dachte, dass genau da etwas wirklich Interessantes entstehen könne.

Selbstbildnis der Autorin Konstanze Caysa.
Selbstbildnis der Autorin Konstanze Caysa.

Aber dann ging es überhaupt nicht um die Themen oder irgendein Thema, das mich hätte interessieren können. Das war wirklich schade und ich war niedergeschlagen. Dann ging es mir ein paar Tage gar nicht gut. Keiner wollte mit mir reden und das war ganz enttäuschend und ich habe mich wieder ganz einsam in der Gemeinschaft gefühlt.

Es gibt nirgendwo eine Chance, über diesen Ausnahmezustand oder diese vielen Krisen und Katastrophen zu reden. Auch, wenn in den Fernsehsendern art-Talkshows laufen, so merkt man doch, dass sie nicht offen miteinander reden. Alle nicht!

Aber es gab ein Lied, das gerade das Zeitgefühl sehr schön beschreibt, und zwar von H. E. Wenzel, aus dem ganz neuen Album von 2021 „Der Wahn“. Es geht darum, wie der eine spät noch Besuch kriegt, und ein anderer dies und das macht und ein dicker Mann will sich nicht impfen lassen … ein Schlagersänger hat sich selbst erkannt … und solche Dinge … Im Refrain heißt es dann immer: „Es ist der Wahn, der Wahn, der Wahn …“

Das gibt einem ein bisschen das Gefühl wie bei einer Theater-Improvisationsprobe – die Regisseure sitzen vorn nebeneinander und die Schauspieler sollen im Raum hin- und herrennen und versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu richten. Also: den Blick der Regisseure zu erheischen, um eine bestimmte Rolle zu bekommen oder ein Engagement oder Ähnliches.

So fühlt es sich für mich gerade an: dass alle hin- und herrennen und brüllen. „Hier!!! Ich hab recht und ich weiß die Lösung!“ Dahinter jemand anders gleich: „Nein!!! – Ich habe die Lösung!!!“ – und das wird als „Meinung“ bis aufs Blut verteidigt. Schon krass, oder? Weil ja keiner eine Lösung haben kann! Es ist ein richtiges Durcheinander und jetzt kommt allmählich dieses Chaotische zum Vorschein.

Jetzt hab ich Lust dazu ein aktuelles Beispiel zu erzählen …

Ja, unbedingt. Gern.

Es gab ja die Erst-Impfung, eine Zweit-Impfung und dann die Impfung mit dem wunderbaren Namen: BOOSTER!!!! Erinnert mich immer an diese Energy-Drinks. Meine Mutter, die immer eine ziemliche Befürworterin des Impfens war, hatte jetzt keine Lust mehr, sich noch „boostern“ zu lassen, weil auch sie langsam nicht mehr ganz versteht, warum sie das eigentlich tun soll. Es kommt langsam so eine Unlogik raus und so ein Gefühl fragen zu müssen: „Warte mal, hat hier eigentlich irgendwer eine Ahnung, wozu wir das alles tun? Einen Plan – hat den jemand?“

Ja, nach der Angst kommt vielleicht die Verwirrung … die dann Fragen zu stellen befähigt. Vielleicht.

Kommen wir aber zur nächsten Frage, mein Lieber: Haben Sie sich, Ihrer Selbstwahrnehmung folgend, im letzten Jahr verändert?

Ja, glaub schon.

Woher wissen Sie das?

(Lacht …) Ich weiß es wirklich nicht, weil ich mich kaum erinnere, wie es zuvor war. Ob es gerade ist oder ob es früher war – ob es jetzt ist usw. – die Zeit … Ich habe ja erst vor kurzem Abitur gemacht und ich wurde auf einer Familienfeier gefragt, wie denn eigentlich das Abitur für mich war und es war ein wenig erschreckend, denn ich hatte keine Ahnung, wie es denn für mich war, das Abitur … demnach kann ich mich auch nicht daran erinnern, wie ich damals war, vor ca. einem Jahr und kurz danach – eigentlich bis jetzt. Also: was ich gedacht hab, gefühlt hab, wie ich agiert hab.

Ich würde das gern herausfinden, aber ich kann es gerade nicht herausfinden, weil ich gerade nicht so in Aktion treten kann. Ich sitze zu Hause und ich probiere ja auch einiges. Da, wo ich gern in Aktion treten würde, kann ich nicht …

Ich würde gern im Kultur- und Kunstbereich unterkommen. Da ist im Moment alles ziemlich zu – coronabedingt, so sehe ich das und empfinde das auch. Ich bin ja gerade sehr in einer Startposition, nach dem Abitur, wenn man das am Maßstab des gewohnten Vorganges misst. Ich bin also innerlich am Start und merke auch diese innere Stimmung des Aufbruchs ins Leben von mir.

Ich gehe durch die Stadt und in ein bis zwei Cafés und frage dort, ob ich da etwas machen kann, kellnern oder so – und schon fühlt es sich wieder lebendig an, mein Leben. Schon bin ich ein Stück meiner Grundstimmung des Alleinseins entkommen. Man bekommt ein Gefühl davon, was man jetzt ist oder denkt wieder ein bisschen über sich selbst nach.

Das ist es, was mir seit über einem Jahr fehlt: Ich weiß gar nicht mehr so richtig etwas über mich selbst und was Sache ist in Bezug auf mich. Das ist die Veränderung, die ich wirklich deutlich spüre und auch, wenn ich versuche, gegenzusteuern.

Charakterisieren Sie Ihre Zeit! Versuchen Sie das bitte so dicht wie möglich!

Letzten Endes finde ich das Theaterbild treffend. Das Bild einer Theaterimprovisation, das ich vorhin schon kurz geschildert hatte. Man soll halt rumrennen und die Aufmerksamkeit erregen.

Aber direkt zu Ihrer Frage: Es ist eine unaufrichtige Zeit.

Welche Rolle spielen Sie in der von Ihnen geschilderten Zeit?

Ich habe das Gefühl, dass ich bedingt meines Alters und bedingt des Wissens darum, was Leute in dem Alter taten und tun, die Rolle spielen sollte eines Menschen, der jetzt seinen Platz sucht und den auch bestenfalls finden sollte – was ich auch tue, recht unbewusst. Aber ich habe eher das Gefühl, die Rolle eines Menschen zu spielen, der während der Theaterimprovisation die Tür aufmacht und rausgeht, der aber nicht so ganz weggehen kann. Der steht dann halt so im Türrahmen und guckt und weiß jetzt nicht, ob er wieder reingehen soll oder ob er woandershin aus dem Theaterraum gehen sollte.

So fühlt sich das für mich im Moment an. Zum Teil in einer großen Unentschlossenheit, aber in der Entschlossenheit, nicht so wieder an all dem teilhaben zu wollen. Darauf habe ich wirklich wenig Lust. Aber ich weiß auch nicht, wo es denn sonst hingehen soll. Ich nehme mich wahr als jemand, der so ein bisschen auf der Türschwelle steht und dort noch verweilt.

So ein Schwellenleben führe ich gerade …

„Im Gespräch mit Konstanze (4): Das Interview als Technik des Wahrsprechens – die offene Rede. Über existenzielles Selbstdenkertum im Ausnahmezustand“ erschien erstmals am 29. Juli 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 104 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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