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Universität Leipzig: Tod, Gewalt und Menschenfeindlichkeit

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    Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 57Für die Universität Leipzig und ihre Rektorin waren es ereignisreiche Wochen. Zum einen hat sie den Hochschulentwicklungsplan 2025 fertiggestellt, der in den Bereichen Forschung und Lehre die wichtigsten Pläne für die kommenden Jahre festhält, zum anderen bestätigte das Oberlandesgericht Dresden, dass ein Dozent, der sich erfolglos auf eine Professur beworben hatte, nicht rechtswidrig abgelehnt worden war. Die Universität und Beate Schücking gehörten in der Berufungsverhandlung zwar selbst nicht mehr zu den Angeklagten, jedoch war es die Rektorin, die über die Nichtberufung entschieden hatte. In dieser Hinsicht waren es für die Universität gute Wochen.

    In anderer Hinsicht war dies jedoch nicht der Fall, was besonders die Angehörigen der Hochschule betrifft. So war Mitte Juni die 28-jährige Sophia L. verschwunden, die an der Universität Leipzig studiert hatte. Bekannt war lediglich, dass die Studentin in Leipzig-Schkeuditz in einen Lkw eingestiegen und auf dem Weg zu ihrer Familie bei Nürnberg war. Dort kam sie jedoch nicht an, woraufhin Familienmitglieder und Freunde öffentlich nach ihr fahndeten. Zwei Wochen später folgte für sie die niederschmetternde Nachricht, dass es sich bei einer in Spanien gefundenen Frauenleiche um die Vermisste handelt.

    Kurz darauf erhob der Bruder der Getöteten in einem Interview mit der FAZ schwere Vorwürfe gegen die Polizei, insbesondere jene in Leipzig. Zunächst sei der Vater vom Notruf abgewiesen worden. Man habe dann selbst recherchiert: „Mehr als 80 Leute waren unterwegs, sind Raststätten und Parkplätze an der Autobahn zwischen Leipzig und Nürnberg abgefahren und haben Suchplakate aufgehängt.“

    Zudem habe man bei einer Spedition in Marokko angerufen und so herausgefunden, an welcher Raststätte Sophia L. zwischenzeitlich herausgelassen worden sei – die Polizei wäre zu dem Zeitpunkt noch nicht so weit gewesen. Auf die Frage, wie die Zusammenarbeit mit der Polizei lief, antwortete der Bruder: „Von Montagvormittag an mit Bayern hervorragend, mit Leipzig leider ganz schlecht, dort hat man uns eher als ‚Nervensägen‘ gesehen.“

    Dann wurde er konkreter: „Es hätten sofort die Alarmglocken läuten sollen, denn der Fall war eindeutig. Die Leipziger mussten erst stundenlang bekniet werden, bis sie sich an die Raststätte bemüht haben, um die Videoaufzeichnungen zu sichten. Das war 40 Stunden nach Sophias Verschwinden.“ Danach sei jedoch weiterhin nichts unternommen worden. „Die Behandlung der Angehörigen und der Freunde durch die Leipziger Polizei lässt bis zum heutigen Tag jedwede Empathie und jedes Mitgefühl vermissen.“

    Die Leipziger Polizei erklärte, dass sie es nicht für sinnvoll erachte, über Medien auf die Vorwürfe zu reagieren.

    Für Ärger sorgte in dieser schwierigen Zeit auch eine Hasskampagne aus dem rechten Lager, nachdem bekannt wurde, dass Sophia L. in der Hilfe für Geflüchtete aktiv war und es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen Ausländer handelt. Der Bruder berichtete, dass Angehörige und Freunde zahlreiche Mails und Hasskommentare bis hin zu Morddrohungen erhalten haben. „Selbst per Post kam schon etwas“, sagte er dem „Tagesspiegel“ in einem Interview. In den Briefen seien Sätze wie „Sie hat nichts Besseres verdient“ und „Hoffentlich wirst du auch noch weggemessert“ zu lesen gewesen.

    Nach mehreren Wochen der Ungewissheit, wie es in dem Fall weitergeht, wurde Mitte Juli bekannt, dass Spanien den mutmaßlichen Täter nach Deutschland ausliefern wird. Zuvor wollten die Spanier ihr eigenes Verfahren gegen den 41-Jährigen jedoch noch abschließen.

    Anfang Juli sorgte dann ein weiterer Fall im Zusammenhang mit einer Leipziger Studentin für Aufsehen

    Wie der StuRa der Universität mitteilte, gab es Ende Juni einen körperlichen Übergriff auf eine transsexuelle Studentin. Später soll der Täter bei der Versorgung durch den Notarzt noch einmal aufgetaucht sein.

    Traurigerweise nötig geworden: Ein Aktionstag gegen Gewalt und Intoleranz an der Universität Leipzig. Foto: Uni Leipzig/Swen Reichhold
    Traurigerweise nötig geworden: Ein Aktionstag gegen Gewalt und Intoleranz an der Universität Leipzig. Foto: Uni Leipzig/Swen Reichhold

    Konkret soll sich die Situation wie folgt dargestellt haben: Am Montag, den 25. Juni, befand sich die Studentin abends gemeinsam mit einer Kommilitonin vor der Moritzbastei. Dort soll eine vorbeilaufende Person nach dem Geschlecht gefragt und die Studentin aufgefordert haben, ihren Intimbereich zu zeigen. Als diese sich weigerte, schlug der Mann ihr ins Gesicht und brach ihr dabei das Nasenbein. Dann ging er weiter Richtung Augustusplatz.

    Zum weiteren Verlauf schreibt der StuRa: „Nach einer behelfsmäßigen Erstversorgung durch die hilfsbereiten Passantinnen fuhr die Studentin zusammen mit ihrer Freundin in die nächstgelegene Notaufnahme. Während der Wartezeit betrat der Angreifer, ohne ersichtlichen Grund, den Wartebereich, sah sich suchend um, erkannte sichtbar beide, lächelte und verließ das Krankenhaus.“

    Eine öffentlichkeitswirksame Reaktion erfolgte dann am Freitag, den 13. Juli. Nachdem an der Universität – und anderen Gebäuden der Stadt – anlässlich des Christopher Street Days die Regenbogenfahne gehisst wurde, erklärten sich unter anderem mehrere Hochschulen, Studierendenräte und Ministerien solidarisch und veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung.

    Darin heißt es: „Mit Bestürzung haben wir in der vergangenen Woche von einem verbalen und physischen Übergriff auf eine an der Universität Leipzig studierende Transgenderperson erfahren. Solchen Angriffen treten wir entschieden entgegen. Als gesellschaftliche Akteur_innen positionieren wir uns eindeutig gegen jede Form von Hass und Gewalt. Aus diesem Grund verurteilen wir alle Arten von Übergriffen auf das Schärfste. Wir stehen für eine offene und vorurteilsfreie Gesellschaft.“

    Als Institutionen des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens wolle man gegen jede Form der Gewalt Position beziehen und für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung eintreten.

    „Wir fordern eine proaktive und ernsthafte Auseinandersetzung mit bestehenden Vorurteilen und eine Sensibilisierung für gruppenbezogene Ausgrenzung und Gewalt“, schreiben die Unterzeichnerinnen weiter. „Zur Vorbeugung müssen weitergehende Angebote geschaffen werden, damit die Behandlung solcher Themen nicht erst im Nachgang solch erschreckender Taten stattfindet.“

    Doch bereits in der Woche darauf gab es den nächsten Vorfall – diesmal nicht gegen eine bestimmte Person, sondern gegen Gruppen. Die Leipziger Burschenschaft Germania, die in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag feiert, veröffentlichte auf ihrer Facebookseite Fotos von gesprayten Botschaften auf dem Unicampus, die mit dem Namen der Burschenschaft „unterschrieben“ waren.

    So war auf der Rollstuhlrampe zu lesen: „200 Jahre natürlich überlegen“. Die Germania fällt immer wieder mit revisionistischen und diskriminierenden Äußerungen auf. Als vor drei Jahren vor dem Neuen Rathaus die Regenbogenfahne gehisst wurde, bezeichnete die Burschenschaft diese auf Facebook als „Entartung“.

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