Wegen sexueller Belästigung verurteilt: Angeklagter begründet Griff ans Gesäß mit tiefem Ausschnitt

Für alle LeserDas Amtsgericht Leipzig hat einen 36-Jährigen wegen sexueller Belästigung verurteilt. Der JVA-Gefangene hatte im vergangenen August einer Mitarbeiterin des Sozialdienstes ans Gesäß gefasst. Er entschuldigte sich zwar, rechtfertigte seine Tat vor Gericht jedoch mit dem angeblich tiefen Ausschnitt der Frau. Während die Staatsanwältin bei dem Angeklagten ein „bestimmtes Frauenbild“ sah, gab es Verständnis seitens des Amtsrichters.
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Eigentlich ist es ganz simpel: Eine Frau darf so wenig oder so viel Kleidung tragen, wie sie möchte. Nichts rechtfertigt einen sexuellen Übergriff. Viele Männer sehen das aber immer noch anders – auch Amtsträger an deutschen Gerichten. Was ist passiert?

Am 7. August 2018 führte Daniela N.* als Mitarbeiterin des Sozialdienstes der JVA Leipzig ein Gespräch mit dem Gefangenen Robert E.*. Inhalt: Suizidprävention. Auf dem anschließenden Weg in den Haftraum soll E. absichtlich das Gesäß von N. berührt haben. Laut Staatsanwaltschaft war die Frau „schockiert“ und „erschrocken“. Zudem habe sie „Ekel empfunden“.

Nicht gepackt, nur gestreift

Der Angeklagte bekannte sich vor Gericht schuldig, allerdings sei die Darstellung der Staatsanwaltschaft „nicht ganz richtig“. Er habe das Gesäß nicht „gepackt“, sondern lediglich mit den Fingern gestreift. Außerdem betonte E.: „Sie trug einen tiefen Ausschnitt; da konnte man nicht wegsehen.“ Auf seine Blicke habe sie nicht negativ reagiert.

Auf die Berührung am Gesäß reagierte die JVA-Mitarbeiterin laut E. aber mit einer deutlichen Zurückweisung: „Ich will, dass Sie das lassen.“ Später folgten ein Gespräch mit dem Abteilungsleiter und ein Disziplinarverfahren. Der Gefangene durfte seinen Haftraum für etwa zehn Tage nicht mehr verlassen. Offenbar noch am Tag des Vorfalls formulierte E. ein Entschuldigungsschreiben.

Neben dem angeblich tiefen Ausschnitt rechtfertigte er seine Tat auch mit einer komplizierten Kindheit beziehungsweise Jugend. Er habe wenige soziale Kontakte gehabt. Seit 2015 wurde E. mehrmals wegen Diebstahls verurteilt – in 26 Fällen. Die Gerichte verurteilten ihn auch wegen zahlreicher ÖPNV-Fahrten ohne gültiges Ticket. Zum Tatzeitpunkt hatte er nur wenige Tage einer knapp zweieinhalbjährigen Freiheitsstrafe im Gefängnis verbracht.

Ein „bestimmtes Frauenbild“

Die Staatsanwältin fand klare Worte für den Angeklagten: „Sie waren zwar geständig und haben sich entschuldigt, aber die Tat fand in einem sensiblen Bereich statt. Die Rechtfertigung ist in keinem Fall nachvollziehbar und spricht eher für ein bestimmtes Frauenbild.“

Amtsrichter Bittner folgte der Staatsanwaltschaft insoweit, dass er den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilte. In diese Strafe wurden allerdings zwei weitere „Schwarzfahrten“ und ein Urteil vom vergangenen Oktober mit einbezogen. Allein für die sexuelle Belästigung hatte die Staatsanwältin eine Freiheitsstrafe von drei Monaten gefordert.

In der Bewertung der Rechtfertigung wich Bittner jedoch ab. Er nannte das Geständnis, die vorgetragene Reue sowie das Entschuldigungsschreiben als Umstände, die zugunsten des Angeklagten sprächen, und fügte hinzu: „Das Dekolleté der Dame war auch zu berücksichtigen.“

Das Opfer musste während der Verhandlung nicht aussagen. Auf ihren Wunsch hatten Richter, Staatsanwältin und Verteidigung darauf verzichtet. Das Urteil ist rechtskräftig.

*Namen geändert

Prozessbeginn nach mehrfacher Brandstiftung in einem Keller in Grünau

AmtsgerichtSexismus
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