Ein halbes Jahr, nachdem eine 43 Jahre alte Frau erwürgt in ihrer Lindenauer Wohnung aufgefunden wurde, gab der wegen Mordes angeklagte Bekannte des Opfers am Freitag vor dem Landgericht zitternd und unter Tränen die grausige Gewalttat zu. Zum Ablauf des Geschehens und seinem Motiv hatte der 40-Jährige jedoch eine eigene Sichtweise.

Er schluchzte, er zitterte und brachte kein Wort heraus, als alle Ohren und Augen im Gerichtssaal auf ihn gerichtet waren. Erst nach einer viertelstündigen Unterbrechung und einem neuen Anlauf stammelte Marcus W. unter Tränen: „Es ist richtig, dass ich Dorin V. am 27. Dezember getötet habe. Es tut mir unheimlich leid.“

Die Tat sei ihm unerklärlich und er werde deswegen immer Fragen an sich selbst zu stellen haben, so der 40-jährige Leipziger – er allein ist verantwortlich dafür, dass Dorin V. nur 43 Jahre alt wurde.

Staatsanwaltschaft sieht heimtückischen Mord

Zuvor hatte Oberstaatsanwalt Ulrich Jakob dem Maler und Lackierer in der Anklageschrift vorgeworfen, seine Bekannte Dorin V. am frühen Abend des 27. Dezember an ihrer Privatanschrift in der Karl-Ferlemann-Straße in Lindenau aufgesucht und in ihrer eigenen Wohnung erwürgt zu haben.

Dem seien Schläge vorausgegangen, mit denen Marcus W. das arglose Opfer zu Boden gebracht habe, zudem riss er der Frau die Smartwatch vom Handgelenk, um zu verhindern, dass sie einen Notruf absetzt, so die Staatsanwaltschaft.

Oberstaatsanwalt Ulrich Jakob wirft dem Angeklagten heimtückischen Mord aus niederen Beweggünden vor. Foto: Lucas Böhme
Oberstaatsanwalt Ulrich Jakob wirft dem Angeklagten heimtückischen Mord aus niederen Beweggründen vor. Foto: Lucas Böhme

Sein Motiv: „Er wollte sich rächen und sie bestrafen, weil sie den Kontakt zu ihm nicht fortsetzen, keine Beziehung wollte und sich einem anderen Mann zugewandt hatte. Das stand ihr nach seiner Auffassung nicht zu“, heißt es in der Anklage.

Starke Gefühle nach erstem Date

In seiner Aussage vor dem Landgericht bestätigte Marcus W. am Freitag, dass er Dorin V. seit Frühling 2021 kannte, beide lernten sich über eine Dating-App kennen. Schon nach dem ersten Spaziergang am 26. April hatte Marcus W. nach eigener Darstellung einen regelrechten Sturm an Gefühlen für die Marketing-Mitarbeiterin entwickelt: „Für mich war sie die perfekte Frau, mit der ich mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte.“

Doch die vor einigen Jahren zugezogene Wahl-Leipzigerin sah die Dinge offenbar mit mehr Zurückhaltung, auch wenn sie und Marcus W. sich näherkamen und zunächst viel Zeit miteinander verbrachten. Doch schon im Sommer 2021 kippte die Harmonie offenbar, Dorin V. soll sich zunehmend unter Druck gesetzt gefühlt und von ihrer Bekanntschaft abgegrenzt haben.

Zudem gab sie Marcus W. auch zu verstehen, dass sie sich mit einem anderen Mann traf. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, gab der Angeklagte am Freitag zu. „Ich fühlte mich körperlich und psychisch schlecht.“

Hass auf Nebenbuhler, Eifersucht und schreckliche Schilderung der Tat

Sein ganzer Hass habe sich gegen den Nebenbuhler gerichtet, gab Marcus W. zu Protokoll, zumal er ihn Ende 2021 küssend mit Dorin V. gesehen habe. An Heiligabend zerstach er dem Mann die Autoreifen, ungefähr zu dieser Zeit will er auch Abschiedsbriefe verfasst und an Suizid gedacht haben. Zudem habe er seine Arbeitsstelle im November verloren und Streit mit Dorin gehabt. Kurzzeitig war Marcus W., der das spätere Opfer auch immer wieder ausgespäht haben soll, gar in der Psychiatrie Altscherbitz.

Am 27. Dezember schließlich sei eine letzte Aussprache mit Dorin V. vereinbart gewesen. Angespannt und angetrunken sei er mit dem Auto zu ihr gefahren. Nach einer kühlen Begrüßung und einem emotionslosen Gespräch in der Küche habe Dorin V. auf den Tisch geschlagen, ihn nachgeäfft und wegen seiner prekären Jobsituation beschimpft, außerdem sei er sexuell eine Null, habe sie ihm vorgehalten.

Der Angeklagte: „So hatte ich sie noch nie erlebt. Ich wollte nur, dass die Hasstiraden und Beleidigungen aufhören. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten und griff mit beiden Händen an ihren Hals, bis ihr Körper erschlaffte und ich kein Leben mehr in ihren Augen sah.“

Er wisse auch nicht mehr, wie er dann nach Hause gekommen sei – doch erst dort habe er realisiert, was er getan habe. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Hans Jagenlauf, warum er bei Dorin V. nicht einfach gegangen sei, wusste Marcus W. keine rechte Antwort.

Und auch dem Vorhalt von der Richterbank, dass ihm die Aussichtslosigkeit einer festen Beziehung zu der Frau doch längst hätte klar sein müssen, begegnete der 40-Jährige damit, dass es nie eine klare Aussage des späteren Opfers gegeben habe, wonach das Verhältnis zu Ende sei.

Gab es schon früher Drohungen?

Die Staatsanwaltschaft nimmt im Gegensatz dazu keine spontane Tat an, sondern vielmehr habe Marcus W. die Tötung seines Opfers von vornherein eiskalt geplant. Der Vater einer zehnjährigen Tochter soll schon früher subtile Drohungen gegenüber einer Partnerin ausgesprochen haben – er bestreitet, dass er diese ernst meinte.

Sollte Marcus W. tatsächlich wegen Mordes verurteilt werden, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Der Strafprozess gegen ihn hatte bereits am 3. Juni begonnen, musste dann aber ausgesetzt und noch einmal neu gestartet werden. Das Gesetz sieht vor, dass zwischen zwei Verhandlungstagen nicht mehr als drei Wochen vergehen – diese Frist war wegen der Erkrankung eines Richters nicht einzuhalten.

Die 1. Strafkammer hat noch mehrere Termine zur Verhandlung geplant, auch Zeugen aus dem Umfeld des Opfers und ein psychiatrischer Sachverständiger sollen dabei zu Wort kommen. Ein Urteil könnte am 13. Juli fallen.

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