Zeitsprung: Moscheebau zwischen Berlin und Leipzig

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie wird in neuen Tonarten angestimmt. In Berlin Pankow-Heinersdorf wurde 2006 über den Bau einer Moschee der Ahmadiyya-Gemeinschaft heftig diskutiert. Die Texte von Berlin werden in eine verwandte Situation in Leipzig gesprochen. Es geht um die szenische Aufarbeitung des Moscheebaus, der nun in neuer Tonart in Gohlis spielt und in der Gohliser Friedenskirche aufgeführt wird. Die ganze Kirche wird zur Bühne, auch die Kanzel und der Altar sind einbezogen. Letzte Aufführung ist am 5. Juni. Im Anschluss gibt es ein moderiertes Gespräch zum Stück.
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Der aktuelle Bezug steht gleich am Beginn. Da übt der Imam auf der Kanzel seine Rede zur Eröffnung der Gohliser Moschee. Er habe verstanden, dass die Deutschen keine Moschee in der Nachbarschaft wollen, genauso wenig wie  eine Müllverbrennungsanlage oder ein Atomkraftwerk. Und doch glaubt er daran, dass seine Gemeinde das Bild eines friedlichen Islam glaubhaft vermitteln kann: „Sie werden feststellen, dass das Gesagte nicht bloß Worte sind, sondern in Taten festgehalten werden kann. Wir beten für Deutschland.“ Nach diesem ruhigen Beginn gewinnt das Stück rasch an Fahrt. Der Song „Du gehörst zu mir“ klingt über einer Szene, die klar die innere Zerrissenheit einer Ortsgemeinschaft in Berlin erkennen lässt. Es sind Originalzitate aus dem Randbezirk Pankow-Heinersdorf, wo 2006 eine Moschee gebaut wurde – auch von Ahmadiyya. Die Zitate stehen nicht unverbunden nebeneinander. Sie formen sich zu einer Geschichte aus vielen Perspektiven.

Multiperspektivität bezeichnet in der Geschichtswissenschaft das Bemühen, sich der Wirklichkeit von unterschiedlichen Sehepunkten aus zu nähern. Das geschieht im Bewusstsein, dass es nicht die eine objektive Wirklichkeit gibt. Immer wieder berühren sich die Welten, immer wieder scheint Verständigung greifbar. Immer wieder reden die Handelnden aneinander vorbei. Da gibt es dann den Vorsitzenden, der sich gegen den Bau ausspricht und von dem Gefühl spricht, an der Spitze eines Demonstrationszuges zu sein und seine Rede zu halten. Auch der Imam bescheinigt ihm, dass er ein Gentleman sei, der zwar gegen die Moschee ist, aber nichts mit Gewalt am Hut haben möchte. Der Moscheegegner scheint auch gut vorbereitet zu sein. Den ganzen Koran hat er als PDF runtergeladen. Nun zitiert er die klassischen Stellen der Islamgegner. Da er den Koran zu kennen glaubt, will er eigentlich nur die Bestätigung, dass sie wirklich da stehen. Was interessiert da schon die Rede von Kontext und Offenbarungsgründen?

Konvertit, Zugezogene, Imam, Pfarrer, Vorsitzender im Tanz der Erinnerungen. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

Konvertit, Zugezogene, Imam, Pfarrer, Vorsitzender im Tanz der Erinnerungen. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

Während der Imam versucht, in bemühter Ruhe immer wieder zu erklären, wie das etwa mit dem Kopftuch zu verstehen ist und warum der Kontext im Koran wichtig ist, gibt es noch den deutschen Konvertiten. Der ist etwas impulsiver: „Das Buch ist der Hammer“, freut er sich über ein Exemplar, dass ihm geschenkt wurde: „Da habe ich gleich die Bibel, die mir meine Oma geschenkt hat, am Strand vergraben.“ Zum Höhepunkt des Stückes wird die Rückblende auf die erste Begegnung des Konvertiten mit seiner Frau, die er über ein muslimisches Dating-Portal gefunden hat. Unter Orgelmusik und mit viel Nebel schreitet sie unter einem weißen Schleier durch das Kirchenschiff.

Der Pfarrer versucht zunächst, eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Im Tanz der Religionen zwischen ihm und dem Imam diskutieren die beiden engagiert, aber friedlich die Rolle Jesu. Bis der Imam auf eine Spezialität der Ahmadiyya hinweist: Jesus ist nicht gestorben, sondern er ist lebendig vom Kreuz abgenommen worden und nach Indien gegangen. Da ist der Tanz rasch aus. Der Pfarrer fällt aus der Rolle und wettert in einer Predigt gegen die Moschee.

Die geheimnisvolle Braut des Konvertiten. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

Die geheimnisvolle Braut des Konvertiten. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

An dieser Stelle spätestens wird dann auch die Differenz zwischen Berlin damals und Leipzig jetzt deutlich. Die Friedenskirche, in der das Stück hier spielt, gehört zur Michaelis-Friedenskirch-Gemeinde. Die Michaeliskirche diente bereits als Diskussionsforum, regelmäßige interreligiöse Gespräche arbeiten sich an unterschiedlichen Themen kontrovers ab, ohne dass es zum Bruch kommt. Die Tonart des Konflikts ist also anders.

“Das Theaterstück hat allen geholfen, miteinander ins Gespräch zu kommen”, schreibt 3sat zu dem Stück mit Blick auf die damalige Situation. “In Heinersdorf ist es mittlerweile ruhiger geworden. Die Ängste waren unbegründet. Nur wenige Gläubige kommen hierher. Es herrscht ein Nebeneinander mit viel Distanz.”  “Mein Grundstück, mein Arbeitsplatz, mein Parkplatz – das sind die Dinge, um die es eigentlich geht”, heißt es in der Rezension bei taz.de. Manche Zitate begegnen uns auch heute wieder: in der Diskussion um den Bau der Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde, wo der Streit derzeit auf Parkplatzprobleme zusammenschmilzt.

Die letzte Vorstellung ist am 5. Juni. Sie beginnt um 20 Uhr. Um 21:30 Uhr wird es ein moderiertes Gespräch zum Stück geben. Ort: Friedenskirche (Kirchplatz 9, 04155 Leipzig-Gohlis)

Friedenskirche in Leipzig Gohlis. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

Friedenskirche in Leipzig Gohlis. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

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