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Tanners Interview mit dem sächsischen Landeskoordinator von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage Mathias Brauneis

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    Mathias Brauneis versucht tagtäglich und auch sonst, das humanistische Menschenbild in die Köpfe der Menschen zu bringen. Weil, wenn dies nicht geschieht, die einzigen Richtungen, in die die Menschen dann marschieren, Mord und Totschlag sind. Da gibt es auch nichts dran herumzudeuten. Es geht um Entscheidungen: Humanismus oder Untergang. Tanner sprach mit ihm.

    Hallo Mathias Brauneis. Du bist der Landeskoordinator der Aktion „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ für Sachsen. Aufgrund einiger Unstimmigkeiten in einem Interview, das ich vor kurzem machte, kamen wir in Kontakt. Dabei sprachst Du von einem Netzwerk-Treffen mit über 40 Aktiven im Landkreis Leipzig am vergangenem 04.11.2015. Was habt Ihr denn da besprochen?

    Das Regionaltreffen von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage im Landkreis Leipzig fand am 04.11. an der Oberschule in Kitzscher bei Leipzig statt. Die Schule hat den Titel am 30. April diesen Jahres verliehen bekommen und freundlicherweise das Treffen bei sich stattfinden lassen.

    Wir haben das Regionaltreffen für alle interessierten Schüler*innen und für die bereits bestehenden SoR-SmC-Schulen im Landkreis Leipzig geöffnet, damit sie die Möglichkeit haben, untereinander in Austausch zu kommen und Schüler*innen kennenzulernen, die selber SoR-SmC an ihrer Schule umgesetzt haben. Neben Workshops zu den Themen „Asyl im Landkreis“, „Wie werden wir SoR-SmC?“, gab es auch einen Workshop für Schulsozialarbeiter*innen und Lehrer*innen, um darüber in Austausch zu kommen, wie sie am besten das Engagement von Schüler*innen unterstützen können. Außerdem haben wir auch andere Akteure und Vereine aus dem Landkreis eingeladen. Bon Courage e.V. aus Borna und das Flexible Jugendmanagement haben ihre Arbeit und Unterstützungsangebote vorstellen können, was bei den Teilnehmenden auf großes Interesse gestoßen ist.

    Es waren über 40 Leute von acht Schulen da. Es wurde diskutiert, gelernt und gemeinsam über dringliche gesellschaftliche Fragen nachgedacht. Offensichtlich ist das Interesse an SoR-SmC sehr groß! Das freut uns sehr!

    Schule ohne Rassismus ist ja ein hehres Ziel und ein wohlklingender Name. Ist Schule ohne Rassismus aber zu schaffen? Ich habe das Gefühl, dass Rassismus ja systemimmanent ist, Fremdenfeindlichkeit fast schon staatstragend. Und dass führende Köpfe in Land und Bund begeistert Feuer legen. Sehe ich das falsch?

    Die Aufgabe von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist eine koordinierende Tätigkeit. Der Titel „ohne Rassismus“ ist eher als übergreifendes Ziel gemeint. Uns ist bewusst, dass eine Schule nicht einfach mal so „ohne Rassismus“ sein kann, denn Rassismus ist ein sehr tiefgreifendes und komplexes Phänomen. Unter dem Titel verbirgt sich eine Selbstverpflichtung der Schulen, sich gegen Rassismus und Diskriminierung an der Schule einzusetzen. Damit der Titel keine leere Worthülse bleibt, braucht es immer engagierte Schüler*innen und auch Lehrer*innen, die das Projekt tragen und konkret mit Inhalten füllen. Die Aufgabe von uns als Landeskoordination ist es, die Engagierten in Ideenfindung und Projektumsetzung zu unterstützen und an Schulen, an denen das Projekt nicht so stark präsent ist, Anregungen zum Weitermachen zu geben.

    Von zentraler Bedeutung ist dabei die Kenntnis der Bedarfe der Schulen in Abgleich mit den außerschulischen Bildungsangeboten, die es in Sachsen gibt. Die koordinierende Tätigkeit besteht dann darin, das eine mit dem anderen zusammen zu bringen. Im Sinne eines Freispruches darf der Titel in keinem Fall verstanden werden, Schulen müssen sich immer daran messen lassen, was sie schließlich auch dafür tun. Dazu gehört es vor allem zu sensibilisieren, Solidarität mit Betroffenen zu fördern, Vorurteile abbauen helfen und eine offene Atmosphäre herzustellen, in der jeder und jede gerne zur Schule geht, gerade in Zeiten einer steigenden Anzahl Geflüchteter, die in Form von „Deutsch als Zweitsprache“-Klassen in den Schulalltag mit aufgenommen werden.

    Ihr habt eine klare Position zum Thema Flüchtlinge und Asyl. Kannst Du die uns kurz erläutern?

    Wir treten für ein humanistisches Welt- und Menschenbild ein. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass die Wahl des Wohnortes und Lebensmittelpunktes ein Menschenrecht ist, was in Form des Rechtes auf Bewegungsfreiheit auch festgehalten ist. Natürlich sind wir uns darüber bewusst, dass sich damit komplexe politische Herausforderungen noch nicht lösen lassen. Uns geht es in unserer Bildungsarbeit aber in erster Linie um eine Haltung und die Vermittlung eines positiven Menschenbildes und dem Abbau von Diskriminierung. Und es ist das Recht eines jeden Menschen, in Deutschland Asyl zu beantragen. Wir unterscheiden nicht in sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ und Asylsuchende, die es tatsächlich „verdient“ haben, Zuflucht bei uns zu finden. Häufig entspricht die Einschätzung, ob ein Mensch politisch verfolgt ist oder nicht, auch nicht unbedingt der Realität.

    Als Beispiel seien hier nur kurz die Gruppe der Sinti und Roma erwähnt, welche speziell in Osteuropa und auf dem Balkan nach wie vor vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und massiver Diskriminierung ausgesetzt werden. Viele derjenigen erhalten aber kein Asyl, weil der Fluchtgrund nicht anerkannt wird. Zusammengefasst bedeutet das für uns, dass wir der Meinung sind, dass Fluchtgründe individuell sehr verschieden sind und sich das nicht pauschal von außen beurteilen lässt. Und dass es unglaublich viele positive Ansätze gibt, wie wir gut in einer sogenannten Migrationsgesellschaft miteinander leben können und es vielfältige Aspekte gibt, weshalb es für viele Regionen speziell in Ostdeutschland sehr gut ist, wenn geflüchtete Personen kommen.

    Wie viele Schulen ohne Rassismus gibt es eigentlich in Leipzig und Sachsen – und speziell bei Leipzig, welche sind dies denn?

    In Leipzig selbst könnten schon noch mehr Schulen dazukommen. Im Moment haben wir drei SoR-Schulen: Die Ruth Pfau Schule (Berufliches Schulzentrum der Stadt Leipzig für Gesundheit und Soziales), das Abendgymnasium Leipzig und das Humboldt-Gymnasium in Leipzig. Für eine Stadt der Größe Leipzigs ist das noch recht wenig. Wir hoffen, in der nächsten Zeit auch hier voranzukommen. Im Landkreis Leipzig passiert ja nun auch einiges. Bis Anfang diesen Jahres gab es noch keine SoR-Schule, inzwischen haben die Oberschule Kitzscher und das St. Augustin Gymnasium in Grimma den Titel SoR-SmC. Mehrere weitere Schulen befinden sich auf dem Weg. Erst heute waren wir beim Schülerrat in Regis-Breitingen eingeladen, um dort das Projekt vorzustellen.

    Auf ganz Sachsen verteilt sind es mittlerweile 65 Schulen, die diesen Titel tragen. In den letzten Jahren sind viele dazugekommen und wir nehmen ein immer stärkeres Interesse am Projekt war. Auch sachsenweit gibt es zahlreiche Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, im kommenden Jahr SoR-SmC zu werden.

    Wie können sich Schulen beteiligen?

    Das komplette Projekt lebt von der Beteiligung der Schulen. SoR-SmC ist als Projekt von Schüler*innen für Schüler*innen konzipiert. SoR-SmC bietet den Rahmen und die Möglichkeit, sich zu engagieren. Die einzige Vorgabe ist die Unterschrift der Selbstverpflichtung von mindestens 70 % der Anwesenden an einer Schule, um den Titel zu erwerben. Darüber hinaus stehen wir natürlich als Landeskoordination mit den Schulen im Kontakt und unterstützen sie wo wir können. Welche Projekte dann aber genau umgesetzt werden, ist komplett abhängig von den Vorstellungen der Schulen.

    Bei der täglichen Auseinandersetzung mit der Verrohung und Gewalt in Sachsen – wie hälst Du Dich da in der Spur? Was machst Du gegen das Aufgeben? Selbst ein sächsischer König hat ja schon mal hingeworfen…

    Es gibt auch sehr viele positive Beispiele in Sachsen. Meine Arbeit bereitet mir viel Freude, da ich immer wieder über das Engagement und die Motivation der Jugendlichen, sich gegen menschenverachtende Einstellungen einzusetzen und zu positionieren, überrascht und beeindruckt bin. Klar gibt es immer wieder Momente in denen ich denke „das kann doch nicht wahr sein“, zum Beispiel, wenn es schon wieder einen Angriff auf eine Asylsuchendenunterkunft gab. Die Gemengelage aus einer durchaus schwierigen Lage in Sachsen mit einer stark ansteigenden Anzahl rechtsmotivierter Gewalt- und Straftaten auf der einen, und jeder Menge engagierten Menschen, welche sich für Menschenrechte und eine offene Gesellschaft einsetzen, auf der anderen Seite, gibt mir immer wieder Anstoß und Kraft, mich zu engagieren.

    Man wird ja nicht über Nacht Landeskoordinator. Wie war Dein Weg dahin?

    Ich bin in Döbeln in Mittelsachsen aufgewachsen. Über den soziokulturellen Verein Treibhaus e.V. bin ich mit antirassistischem Engagement, Vereins- und politischer Bildungsarbeit in Berührung gekommen. Seither beschäftigt mich das Thema sehr, seit über zehn Jahren engagiere ich mich nun in diesem Bereich. Schließlich hatten wir damals und haben wir noch heute auch ein Problem mit organisierten Neonazis in der Region Döbeln. Ich selber bin nach wie vor ehrenamtlich im Vorstand des Vereines tätig. Über mein ehrenamtliches Engagement bin ich schließlich beim Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) in Sachsen gelandet, für die ich hauptamtlich Projekttage an Schulen organisiere. Und das NDC ist eben der Trägerverein des Projektes Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.

    Danke für Deine Antworten Mathias.

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    1 KOMMENTAR

    1. Hallo,
      vielen Dank für dieses informationsreiche Interview, welches ich inhaltlich in weiten Teilen befürworte. Jedoch eine Anmerkung. Woher kommt die Auffassung, dass es außerhalb des deutschsprachigen Raumes Sint_ize gibt? Es ist leider traurige Tatsache, dass die meisten Sint_ize in der Zeit des WK II dem hitlerischen Vernichtungssystem zum Opfer gefallen sind und nunmehr lediglich fast ausschließlich als Minderheit in der Bundesrepublik D vorkommen. Einzelne Gruppe in der Grenznähe zur Schweiz und Frankreich mal außen vorgelassen. Wer die Geschichte nicht kennt wird in Zukunft mitunter den gleichen Trugschlüssen unterliegen. Die deutschsprachigen Sint_ize welche sich nach 1933 in den zweisprachigen nordböhmischen Streifen, welcher bald annektiert wurde, retten konnten wurden fast vollständig in Auschwitz ermordet. Das verraten uns unter anderem die zwei erhaltenen Gedenkbücher vom ehemaligen KZ.
      Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Arbeit!

      Michael Rösler – Das Original!
      Stellv. Landesvorsitzender Die PARTEI Sachsen

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