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Thomas Rauscher und der mediale Durchbruch

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    Der Leipziger Uni-Juraprofessor Thomas Rauscher muss wegen seiner Träumereien von einem „weißen Europa“ keine dienstrechtlichen Konsequenzen fürchten. So viel ist seit einigen Tagen klar. Anlass genug für einen Rückblick auf die mediale Dauerpräsenz eines Mannes, der den Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland beklagt, aber wie kaum ein anderer Professor in den vergangenen Wochen von ihr profitiert und sie genutzt hat.

    Eigentlich müsste es der Traum eines jeden Publizisten sein: Die wissenschaftliche Arbeit sorgt außerhalb der Fakultät kaum für Aufsehen, die Äußerungen auf dem privaten Twitteraccount verlassen nur selten die eigene Filterblase, der Wikipediaartikel enthält mehr Informationen zu rassistischen Äußerungen als zu beruflichen Leistungen – und trotzdem berichten wochenlang alle relevanten Medien über die eigene Person.

    Thomas Rauscher, Juraprofessor an der Universität Leipzig, ist dieser Glückspilz. Nachdem ihm in den vergangenen Jahren mit Pegida-Solidarisierung und „Islamkritik“ nur ein kurzer Abstecher in die überregionale Presselandschaft geglückt war, gelang im November dieses Jahres doch noch der große Durchbruch. Auf Twitter kommentierte er einen rechtsradikalen Aufmarsch in Polen wohlwollend und mit Verweis auf ein wünschenswertes „weißes Europa“ und reproduzierte Klischees über angeblich faule und korrupte Afrikaner und Araber sowie deren „Kontinente“.

    An der Universität brach daraufhin ein Sturm der Entrüstung los, an dem sich sowohl Studenten – sie protestierten in seiner Vorlesung, demonstrierten auf dem Campus und sammelten Unterschriften für seine Entlassung – als auch die Hochschulleitung und die sächsische Wissenschaftsministerin beteiligten.

    Und plötzlich waren sie alle da: Die Zeit, FAZ, Süddeutsche, Die Welt, taz, neues deutschland, junge Welt, Deutschlandfunk, Tagesspiegel, bento sowie zahlreiche lokale und regionale Medien. Sie alle verbreiteten zumindest in Form von Zitaten eine Darstellung der Welt, so wie Rauscher sie sieht – meist ohne inhaltliche Debatte in der Tiefe. Ein Grund zur Freude für Rauscher. Eigentlich.

    Rauscher soll weg

    Denn Rauscher war nicht erfreut. Im Gegenteil. Er sprach von „Rufmord“, einem entfesselten „Tendenzjournalismus“, drohender „Existenzvernichtung“ und einer „geradezu mittelalterlichen Hexenjagd, wenn man den Dogmen der linken Political Correctness widerspricht“. Kurz darauf deaktivierte er seinen Twitteraccount mit den Worten „Es steht schrecklich um die Meinungsfreiheit in diesem Land“. Für eine Person, die zuvor um deutliche Worte nicht verlegen war, eine ziemlich dünnhäutige Reaktion, könnte man meinen. Seither machte zudem die irrige These die Runde, irgendwer hätte ihm die „Meinungsfreiheit“ beschnitten.

    Doch für Rauscher hatte der medial wohl erfolgreichste Monat seines Lebens damit erst begonnen. Nicht nur wurden die Proteste gegen seine Äußerungen und somit auch diese selbst thematisiert – er erhielt auch ausreichend Gelegenheit, sich darüber hinaus zu positionieren. Während Spiegel Online und Vice nach eigenen Angaben mit ihren Kontaktversuchen scheiterten, konnte man bei der Huffington Post lesen, dass Rauscher sich nicht als Rassist betrachtet. Jene Anschuldigungen seien „absolut lächerlich“ und „eine Universalkeule“, um Kritik an der aktuellen Flüchtlingspolitik abzuwehren, heißt es dort.

    Auch dem rassistischen Konzept des sogenannten Ethnopluralismus durfte Rauscher das Wort reden. Dieses Konzept besagt grob zusammengefasst, dass alle „Kulturen“ gleichwertig seien, sich doch aber bitte nicht miteinander vermischen sollten, denn dann: Bürgerkrieg, Weltuntergang und Schlimmeres.

    Der Mittelpunkt des Abends nach Twittermeldungen und zusätzlichen Gerüchten. Dr. Thomas Rauscher (am Mikrophon), seit 1993 Uniprofessor in Leipzig. Foto: L-IZ.de
    Thomas Rauscher auf einer Podiumsdiskussion im Jahr 2016 an der Uni Leipzig zum Thema Meinungsfreiheit. Foto: L-IZ.de

    Eine besonders kreative Interpretation der angeblich gegen ihn rollenden Kampagne äußerte er dann im Gespräch mit dem kreuzer. Auf dessen Homepage wird Rauscher folgendermaßen zitiert: „Ich habe auch Anlass zu glauben, aufgrund von Informationen, die ich vertraulich bekommen habe, dass das Ganze innerhalb Sachsens organisiert ist, und zwar, dass da eine Journalistin bei Spiegel Online eine tragende Rolle spielt, die sichtlich von Aktivisten aus der Universität eingeschaltet worden ist.“

    Sollte diese Theorie stimmen, bliebe festzuhalten, dass Spiegel Online erstaunlich wenig aus der Sache gemacht hat. Der „schreckliche“ Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland erlaubte es Rauscher – oder einem nach ihm benannten User – aber immerhin noch, unter den kreuzer-Artikel einen bis heute nicht gelöschten Kommentar zu schreiben.

    Es folgten ausführliche Interviews mit dem MDR, dem stern und der Neuen Zürcher Zeitung, laut Wikipedia ein „Leitmedium im deutschsprachigen Raum“. Es folgten aber auch ausführliche Interviews mit dem österreichischen Magazin Info-Direkt und dem Blog Philosophia-Perennis.

    Ersteres schreibt einleitend, dass zuvor angeblich alle Medien nur über und nicht mit Rauscher gesprochen hätten, und betont, dass das Interview „unzensiert“ sei. Dass Info-Direkt politisch der rechtsextremen FPÖ nahesteht, ist bereits an den Fragen zu erkennen. Darin tauchen Formulierungen wie „Gutmenschen“ und „Politisch-Korrekte“ auf. Zudem ist davon die Rede, dass „die Antifa“ eine Vorlesung gestürmt habe. Mit der Abschlussfrage möchte Info-Direkt dann noch vom umstrittenen Juraprofessor wissen, wie das Ziel eines „weißen Europa“ erreicht werden könne.

    Rauscher selbst hält sich in seinen Antworten ebenfalls nicht zurück und vergleicht sich mit Opfern totalitärer Systeme. Zudem lehnt er eine Distanzierung vom Begriff „Lügenpresse“ ab. Ähnlich äußert er sich auf dem Blog Philosophia-Perennis: „All das darf man nicht sagen, ohne mit Sanktionen bedroht zu werden, weil es den politisch korrekten Selbstbezichtigungen der europäischen linken Eliten widerspricht.“ Jenes Blog erlangte im Juli dieses Jahres Aufmerksamkeit, nachdem dort ein homophober und später vom Presserat gerügter Text erschienen war – bekannt wurde dieser vor allem, da er unter Pseudonym auch in der FAZ veröffentlicht wurde.

    Seinen bislang letzten großen Coup landete Rauscher in der vergangenen Woche, als die neurechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ auf Seite 3 ein großes Interview mit ihm präsentierte. Die Überschrift lautet vielsagend: „Es war ein Tribunal“.

    Rauscher darf bleiben

    Doch der Ruhm könnte bald verblassen. Anfang Dezember teilte das sächsische Wissenschaftsministerium mit, dass sich Rauscher auf Twitter als Privatperson geäußert habe, von der Meinungsfreiheit geschützt sei und deshalb keine Dienstpflichten verletzt worden seien. Es wird also keine Konsequenzen geben.

    Der Rechtsprofessor kann sich nun wieder ganz auf seine wissenschaftliche Karriere konzentrieren und vielleicht das eine oder andere Lehrbuch schreiben. Womöglich finden sich darin wieder Sätze wie in einem Exemplar von 2007, über welche die Juristin Halina Wawzyniak (Die Linke) kürzlich berichtet hat: „Unbestritten kommt Gewalt in persönlichen Beziehungen und Familien vor. In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle beruhen solche Tätlichkeiten jedoch auf beiderseitigen Provokationen. […] Hinzu kommt, dass meist der Verletzte der einzige Zeuge der Tat ist, so dass ein wohlfeiles Mittel geschaffen wird, um insbesondere Männer mit dem Vorwurf von Gewalt und Drohung in Ehestreitigkeiten zu diskriminieren.“

    Dem Tagesspiegel schrieb Rauscher anschließend, dass er ein „konservatives Verständnis von Familie und Familienrecht“ habe. Einen verharmlosenden Kommentar zu häuslicher Gewalt in dieser Form rechtfertigen zu dürfen – die Meinungsfreiheit und die sogar über unerträgliche Äußerungen berichtende „Lügenpresse“ machen es möglich.

    Kommentar – Weiter Wirbel um Rauscher: Studenten planen Demo

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