Gastmanns Kolumne: Sportfrei statt Sport frei?

Für alle LeserDas Schönste am Bildungswesen ist zweifellos: Hier kann nicht nur jeder mitreden, sondern auch jeder mitmachen. Weil alle Experten auf dem Gebiet der Bildung sind. Schließlich waren ja auch alle einmal in der Schule – vom Fahrradkurier, über die Nagelstudio-Betreiberin bis zum Juristen. Wer nicht aufpasst, wird sogar schnell mal Minister. Das einzige, was im Kultusministerium nicht so gern gehört wird hingegen, ist die Meinung dieser lästigen Spezies der Lehrer.

Wir erinnern uns: Lehrer – das sind die Wesen, deren Vorstellungsvermögen nach der eigenen Schulzeit nicht ausgereicht hat, sich noch eine Welt außerhalb des Schulhauses vorzustellen und deshalb gleich dort geblieben sind, die mittags um 12 Uhr nach Hause gehen, um in der Gartenlaube über die Ungerechtigkeit der Welt zu lamentieren und ansonsten vorwiegend überfordert sind, die paar Konsumerwartungen der Eltern an die Schule zu erfüllen und jedes Kind in seiner ureigenen Hochbegabung zu erkennen. Lehrer: Was kann man von so etwas schon erwarten?

Außerdem sei der Krankenstand der sächsischen Lehrerschaft an einem alarmierenden Pegel angelangt, ist immer mal wieder in der örtlichen Presse zu lesen. Auf die möglichen Ursachen kann sich bekanntlich keiner der Befragten einen Reim machen. Auch das Kultusministerium zuckt seit Jahren resignierend die Schultern.

Sächsische Lehrer alles Luschen, alles Weicheier also? Menschen, die sich schon auszuruhen pflegen bevor sie sich anstrengen?

Da wäre ich besser vorsichtig.

Wenn ein Berufsstand im gesellschaftlichen Konsens gedisst werden darf, sagt das eventuell mehr über den Zustand der Gesellschaft aus, als über die Angehörigen der gescholtenen Branche.

Schauen wir einmal genauer hin: Es gibt eine ganze Menge sächsischer Lehrer, die nicht unwesentliche Teile ihres Lebens in nicht ganz unfragwürdigen Zuständen gefristet haben. An Orten zum Beispiel, wo Kinder der sogenannten „bildungsfernen Schichten“ am Wochenende die „Flimmerstunde“ mit der Zahl 48 multipliziert und auf viele andere Bildschirme ausgeweitet haben. Die bereits morgens halb acht einen Liter Zuckerhaltiges und eine halbe Tüte Chips zu frühstücken wussten und deshalb nun weder eigene noch fremde Motorik im Griff haben.

Und ihre Aggressionen hilflos aneinander abarbeiten, indem sie sich Pfandflaschen vor die Füße oder Federmappen an die Wand werfen. Denen man vielleicht erst ein richtiges Frühstück anbieten muss oder zwei Stressbälle verabreichen – für jede Hand einen – damit sie wieder wissen, wohin mit sich. Das kann unter Umständen ein bisschen zehren.

Manchen Lehrkräften sieht man die Anstrengung nur ein wenig an, andere schlittern in seelische Langzeiterkrankungen. Eigentlich verwundert es fast, dass es nur so wenige sind, die es richtig erwischt.

Warum? Ich glaube, einer der ganz wenigen indiskutablen Forderungen für unsere Existenz heißt: Die menschliche Seele braucht dringend einen Ort, an dem sie sich wohlfühlt. Besonders wenn es um das Lernen und Lehren geht.

Natürlich gilt dies nicht nur für Lehrer, sondern vor allem für die Kinder, die ihnen anvertraut sind.

Und dass diese sich häufig mit der Schule und vielleicht sogar mit dem eigenen Körper in keiner Weise im Einklang fühlen, weiß jeder, der einmal an einem Montag nach einem verregneten Wochenende in einer Klasse vor einer Batterie Fünftklässler gestanden hat.

Wenn man diese jetzt auch noch offenbar vollkommen sorglos nach dem Motto „Merkantile Gesichtspunkte first, Bedenken second“ Kürzungen im Sport- und Kunststundenbereich aussetzt, befreit man sie bald von den letzten Möglichkeiten, ein bisschen Selbstwirksamkeit, innere Schaffenskraft, Expressivität und Solidarität ausleben zu können. Wer jetzt die Ohren spitzt, kann es vielleicht noch hören: Charakter-, Geschmacks- und Herzensbildung sagen zum Abschied leise Servus.

Was übrig bleiben wird, ist unklar.

Fest steht nur eines:

Die Katze, die man seitens des Kultus- und Finanzministeriums jetzt aus dem Sack gelassen hat, wird sich über kurz oder lang äußerst schmerzhaft in den Schwanz beißen.

Kurz gesagt: Sächsische Bildungspolitik – mir graut vor dir.

Ein offener Brief: Sportlehrerverband Sachsen zu den Kürzungsplänen der Stundentafel

Statt überfrachtete Lehrpläne zu entschlacken, will Sachsens Kultusminister jetzt Musik und Kunst zusammenstreichen

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