These #22: Soziale Arbeit muss aktive politische Kraft sein, um soziale Ungleichheit zu verringern.

Für alle LeserSoziale Arbeit hat die Möglichkeit und Pflicht, sich politisch einzumischen. Sie ist Lobby für marginalisierte Gruppen. Wir haben in unserer Arbeit mit marginalisierten jungen Menschen zu tun, welche soziale Ungleichheit tagtäglich erfahren. Kommen beispielsweise junge Menschen bei uns an und sind von Wohnungslosigkeit betroffen, so finden sie in den meisten Fällen keinen eigenen Wohnraum.
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Sie beziehen ALG II oder sind Geringverdienende und haben damit nur eine (sehr) begrenzte Summe zur Verfügung, in Leipzig ist aber kaum noch bezahlbarer Wohnraum zu finden. Laut der Menschenrechtskonvention hat jedoch jeder Mensch das Recht auf angemessenen Lebensstandard, zu dem unter anderem eine angemessene Unterbringung gehört (1). Daher setzen wir uns eben auch in unterschiedlichsten Fachkreisen zusammen und versuchen, die Wohnungspolitik positiv zu beeinflussen und zu sensibilisieren.

Anhand des Beispiels kann man sehr gut aufzeigen, dass es einerseits wichtig ist, mit dem/ der einzelnen Adressaten/-in eine individuelle Lösung zu finden. Das heißt, es wird die berühmte Nadel im Heuhaufen gesucht. Viele Telefonate mit Vermietungen, viel Recherche im Internet, viel Klinken putzen. Wenn alles gut geht und mit ein wenig Glück, findet man gemeinsam eine Wohnung. Andererseits sollte Soziale Arbeit jedoch nicht nur nach individuellen Lösungen suchen, sondern auch das große Ganze sehen und sich politisch einmischen.

Die Basis für die ethischen Aspekte der Sozialen Arbeit bildet der Berufskodex, welcher für weltweite Standards entwickelt und dann auf Länderebene nochmal von Fachverbänden, z.B. Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH), konkretisiert wurde.

In diesem heißt es: „Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit“ (2) und auch „Sozialarbeiter/-innen haben eine Verpflichtung, soziale Gerechtigkeit zu fördern, in Bezug auf die Gesellschaft im Allgemeinen und in Bezug auf die Person, mit der sie arbeiten.“ (3)

Es wird also auch davon gesprochen, dass die Aufgabe der Sozialen Arbeit darin besteht, die soziale Gerechtigkeit in Bezug auf das System Gesellschaft zu fördern und im Umkehrschluss damit soziale Ungleichheit zu verringern. Daher fordert unter anderem die Sozialarbeiterin und Sozialarbeitswissenschaftlerin Silvia Staub-Bernasconi die Erweiterung des Doppelmandats hin zum dritten, dem politischen Mandat. Dies ist fachlich und ethisch fundiert und beinhaltet eben auch das menschenrechtsbasierte Handeln der Sozialen Arbeit, welches den Berufskodex widerspiegelt.

In der Praxis erlebt man oft, dass Sozialarbeiter/-innen eher nach dem Mandat der Adressat/-innen und dem des Staates/ Gesetzes handeln (Doppelmandat). Das dritte Mandat, nämlich das der Profession und somit der politische Aspekt, welcher aus dem Berufskodex resultiert, wird dabei übersehen oder in den Hintergrund gedrängt. Das kann unterschiedliche Gründe haben, z.B. auch den, dass in der Ausbildung die politische Ebene der Sozialen Arbeit teilweise kaum oder gar nicht thematisiert wird.

Um der Wichtigkeit dieses politischen Aspektes mehr Raum zu geben, hat das Arbeitsfeld Mobile Jugendarbeit/ Streetwork in seinen Fachstandards (4) auch explizit die Ebene der Lobbyarbeit als Aufgabenfeld mit aufgeführt.

Eine der Hauptaufgaben der Sozialen Arbeit ist es also, sich politisch einzumischen. Auch unsere Fachstandards sind durch einen politischen Prozess entstanden, und wir konnten damit unser Arbeitsfeld aktiv gestalten. Wir Sozialarbeitenden müssen weg vom Blick der Dienstleistenden hin zum Blick der Beeinflussenden politischer Prozesse.

Wir müssen auch auf Missstände aufmerksam machen, um dem ethischen und dem sozialen Anspruch unserer Arbeit gerecht zu werden. Zudem muss dieser Aspekt mehr und mehr in den Fokus der Ausbildung gerückt werden.

Quellen:

(1)
https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuell/news/meldung/article/jeder-mensch-hat-ein-recht-auf-wohnen/ (Stand: 27.08.2020)

(2)
https://www.dbsh.de/media/dbsh-www/redaktionell/pdf/Sozialpolitik/DBSH-Berufsethik-2015-02-08.pdf; S.29 (Stand: 26.08.2020)

(3)
Ebenda; S.30

(4)
https://irp-cdn.multiscreensite.com/5c840bc2/files/uploaded/Fachstandards_BAG_2018_final.pdf (Stand: 26.08.2020)

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #21: Lieber alle am Ball statt Opernball.

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