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Der Wohlstand frisst seine Kinder: Wir haben besinnliche Weihnachten bitter nötig, aber nicht verdient

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    LEIPZIGER ZEITUNG/ Auszug Ausgabe 86, seit 18. Dezember 2020 im HandelBesinnlich kommt von besinnen. Das heißt, sich einer Sache klar und bewusst werden. Aber seit die Endlichkeit der Ressourcen unserer Erde bekannt ist, also seit fast 50 Jahren, hat sich im Wesentlichen nichts geändert. Deutschlands Wirtschaft kennt nur Wachstum und Export. So denkt auch Otto Normalverbraucher. Auch seit wir vom Treibhauseffekt sowie der Klimakrise wissen, sind die CO2-Emmissionen fast unverändert weiter gewachsen.

    Und wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Totlachen: Die Autofahrer zeigen mit dem Finger auf die Flugzeugflieger. Die Flugzeugflieger zeigen mit dem Finger auf die Fleischesser. Die Fleischesser zeigen mit dem Finger auf die Politiker. Die Politiker zeigen mit dem Finger auf die Chinesen. Sicher, es gibt ein Klimaschutzabkommen. Deutschland will im Laufe der nächsten Jahrzehnte aus der Kohle aussteigen. Und Leipzig hat das Nachhaltigkeitsszenario für den ÖPNV beschlossen. Außerdem gibt es echt viele Leute, die die Grünen wählen, ihren Müll trennen und bei Aldi manchmal Bio-Käse kaufen.

    Aber das ist viel zu wenig. Es hat eigentlich überhaupt nichts mit Umweltschutz zu tun. Lesen Sie am besten nicht weiter – Sie könnten sonst einen Nervenzusammenbruch erleiden oder der letzten Hoffnung beraubt werden, dass Ihre Kinder und Enkel noch ein okayes Leben haben können. Können sie nicht, falls nicht noch ein Wunder geschieht. Na gut, bald ist Weihnachten …

    Ein Freund hat sich jedenfalls schon vor vielen Jahren sterilisieren lassen, um mit Sicherheit keine Kinder in diese Welt zu setzen. Wie weise, denn auch wenn unser nächster Kanzler nach der ostdeutschen Mutti der Nation ein grüner Mann sein würde, könnte es nicht düsterer aussehen. Lassen Sie uns eine ehrliche Öko-Inventur machen.

    Das Konsum-, Mobilitäts- und Essverhalten eines jeden einzelnen ist der eindeutig größte kritische Ökofaktor. Die Politik kann und sollte ihrerseits den Rahmen dafür schaffen. Seit es die sogenannte Keeling-Kurve gibt, seit 1958, welche den mittleren globalen Konzentrationsverlauf von CO2 in der Erdatmosphäre grafisch darstellt, steigt diese Kurve an. Und sie steigt auch seit dem Pariser Klimaschutzabkommen immer stärker. Fridays for funeral.

    Apropos Fridays for Future: In deren Auftrag hat das renommierte Wuppertal Institut nochmals untersucht und bestätigt, dass Deutschland die Klimaziele erreichen kann. Dafür müssen wir bis 2035 CO2-neutral sein. Dafür muss der Pkw-Verkehr halbiert werden. Dafür muss der Flugverkehr ebenfalls deutlich abnehmen und der Lkw-Verkehr zu einem Drittel wieder auf die Schiene verlegt werden. Dafür müssen wir im Gegenzug mehr Fahrrad fahren, muss sich der ÖPNV verdoppeln.

    Das können wir alle sofort tun, ohne auf die Politik zu warten. Jeder Autokauf ist faktisch umweltzerstörerisch. Denn drei Viertel aller Ressourcen werden bei der Herstellung eines Pkw verbraucht und nur ein Viertel während der etwa zehnjährigen Nutzungsdauer. Sparsamer Verbrauch, Hybrid, Elektro – alles Mist. Jedes zweite Auto muss weg. Es gibt keine kleine unauffällige Umstellung, kein grünes Wachstum. Unsere Gesellschaft muss eine komplett andere Entwicklungsrichtung einschlagen. Kehrtwende, Verkehrswende, Energiewende, Ernährungswende.

    Zur letzteren hat die Oxford University geforscht: Der ökologische Fußabdruck von industriell angebautem Gemüse und Getreide ist signifikant kleiner als Massentierhaltung. Etwa sechs Mal weniger Treibhausgase und 36 Mal weniger Flächenverbrauch. Entlang der aktuellen Lebensmittelversorgungskette entstehen 26 Prozent aller von Menschen verursachten Treibhausgase. 13,7 Milliarden Tonnen CO2. Abgesehen davon, dass industrielle Landwirtschaft Insekten sterben lässt, das Grundwasser mit Nitrat belastet und sich die Ackergifte in der Luft, die wir atmen, faktisch unkontrolliert ausbreiten.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 86, Ausgabe Dezember 2020. Foto: Screen LZ

    Im Bioladen einzukaufen ist super. Aber wichtiger fürs Klima wäre es, wenn wir nicht nur einen, von den Grünen angeregten Veggieday einlegen würden, sondern sechs. Jede Woche.

    Aber in der Überschrift steht „Wohlstand frisst seine Kinder“. Ich hätte auch schreiben können Luxus oder Massenkonsum. In jedem Fall handelt es sich um unnötigen Konsum. In Deutschland werden jährlich 1,35 Millionen Tonnen Textilien weggeschmissen. Die Hälfte aller Nahrungsmittel wird nicht gegessen. Wie viele Konsumgüter besitzen wir, die wir nur äußerst selten benutzen?

    Zum Beispiel fährt ein deutscher Durchschitts-Pkw weniger als eine Viertelstunde am Tag. Aber für die Herstellung jedes dieser Dinge wurde Energie verbraucht, Material verbraucht, Luft und Wasser verschmutzt. Auch der globalisierte Transport dieser Güter hat einen übergroßen ökologischen Fußabdruck.

    Und so müssen wir einen Blick auf den Müll werfen, den wir in Deutschland so sorgfältig sortieren. Mülltrennung hilft dem Klima nicht. Denn der größte Teil des Mülls wird sowieso verbrannt und nicht recycelt. Das Beste wäre es, wenn wir Müll mit aller Kraft vermeiden, Stichwort Mehrweg, damit der Müllberg nicht immer weiter wächst. Denn das sind alles verschwendete Ressourcen.

    Wenn wir uns besinnen wollen – nur zu! Konsumieren wir von nun an achtsam und suffizient. Konsumieren wir also nur das, was wir wirklich benötigen und insgesamt immer weniger. Kaufen wir regional. Kaputte Dinge reparieren wir. Verabschieden wir uns vom Auto. Essen wir zu Weihnachten den letzten fetten Braten. Überhäufen wir auch unsere Kinder und Enkel zum Fest nicht mit einer Geschenkeflut. Sie sollen das Maßhalten frühzeitig lernen. Und sie sollen eine lebenswerte Zukunft haben.

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