1.5 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Gastkommentar von Christian Wolff: Sturm von Trump-Anhängern auf das Capitol – Nichts war, nichts ist zufällig

Mehr zum Thema

Mehr

    Der Sturm von tausenden Trump-Anhängern auf das Capitol am 6. Januar 2021 – er war der konsequente Höhe- und/oder Endpunkt dessen, was Donald Trump in seiner Inaugurationsrede am 20. Januar 2017 angekündigt hatte: „Denn heute übertragen wir nicht nur die Macht von einer Regierung auf die andere, von einer Partei zur anderen – vielmehr nehmen wir Washington DC die Macht – und geben sie euch zurück, dem amerikanischen Volk."

    Dass zu diesem „Volk“ natürlich nur seine Anhänger gehören, versteht sich. Deswegen ist auch nachvollziehbar, warum Trump sich völlig unabhängig vom Wahlergebnis und schon lange vor der Wahl im November 2020 zum Wahlsieger erklärt hat. Seine „Argumentation“: Wenn er weniger Stimmen erreiche, dann könne die Ursache dafür nur ein Wahlbetrug sein. So erklärte Trump am 24. August 2020 auf dem Wahl-Parteitag der Republikaner: „The only way they can take this election away from us is if this is a rigged election.“ (Der einzige Weg, wie sie uns die Wahl nehmen/stehlen können, ist eine manipulierte Wahl)

    Trump denkt und handelt genauso wie diejenigen, die ihn wählen und anhimmeln: Ich bin das Volk, und wer nicht so denkt wie ich, ist ein Volksverräter. Auf dieser Grundlage hat Trump vier Jahre lang konsequent die Ziele des Rechtsnationalismus verfolgt: die Demokratie zu zerstören, die Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses zu negieren, den Rassismus (wieder) gesellschaftsfähig zu machen, das geschwächte und gekränkte Leben zu missachten, die Milliardäre in der Waffen- und Rüstungsindustrie zu füttern.

    Der von ihm langfristig initiierte, geplante und mit seiner Rede am 6. Januar 2021 befeuerte Sturm auf das Capitol am Ende seiner Amtszeit zeigt, was politisch geschehen wäre, wenn Donald Trump tatsächlich die Wahl gewonnen hätte: Er hätte die Vereinigten Staaten zu einer autokratisch-faschistischen Diktatur umgebaut. Die Voraussetzungen dafür hat er in den vergangenen vier Jahren zielstrebig geschaffen.

    Natürlich: So etwas kann niemand allein. Donald Trump ist das Produkt einer demokratiefeindlichen, weiß-nationalistischen Politik der Republikanischen Partei seit über 30 Jahren. Schon die Bush-Administration ähnelte seit 2001 eher einer kriminellen Bande, denn einer Regierung eines freien, demokratischen Landes. Der Irak-Krieg wurde auf der Basis von Lügen geführt.

    Darauf konnten Donald Trump und seine Anhänger aufbauen. So ist auch zu erklären, warum es seit 2017 keinen nennenswerten Widerstand gegen Trump innerhalb der Republikaner gegeben hat. Darum ist es gefährlich und falsch, Trump nur psychologisch zu erklären: Er sei ein krankhafter Egomane, ein Populist. Nein: Trump ist vor allem ein autokratischer Faschist und als solcher ein Produkt einer lang andauernden gesellschaftspolitischen Fehlentwicklung.

    Nun meinen manche Zeitgenossen, der Trump-Administration gewisse Erfolge zuzubilligen – das sog. Autobahn-Argument. Welche eigentlich? Trump hat die USA wirtschaftlich nachhaltig ruiniert, außenpolitisch isoliert, innenpolitisch zerrissen. Er hat die internationale Klimaschutzpolitik torpediert und im Kampf gegen die Corona-Pandemie (nach Trump: China-Virus) versagt. Trump hat all diejenigen befördert, die purem Egoismus frönen und im Zuge dessen keinerlei Skrupel haben, Gewalt zum legitimen Mittel der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zu machen: die Waffenindustrie und rassistische Gruppierungen wie die „Proud Boys“.

    Schließlich hat Trump die Lüge zum Fundament seiner Politik gemacht. Auf diesem Hintergrund verbietet sich jede, die verbrecherischen Grundlagen und katastrophalen Folgen relativierende Einschätzung seiner Politik. Dass diese von der Republikanischen Partei bis heute gestützt wird, darf niemals vergessen werden. Bleibt das „Argument“, Trump habe keine Kriege geführt, konsequent Truppen aus Afghanistan abgezogen und in Nahen Osten eine Friedensinitiative gestartet.

    Die Wahrheit ist: Seine erste Auslandsreise ging nach Saudi-Arabien, um dort mit den Scheichs einen Rüstungs-Deal in Höhe von 500 Milliarden Dollar abzuschließen. Trump hat das Iran-Abkommen gekündigt. Die diplomatische Anerkennung Israels durch die Arabischen Emirate und Bahrein hat nur einen Hintergrund: eine militärische Allianz gegen den Iran zu schmieden und sich Rüstungsaufträge zu sichern. Alles nur möglich, weil sich zwei Autokraten mit Hang zum Kriminellen verstehen und stützen: Donald Trump und Benjamin Netanjahu. Das ist keine Basis für Frieden zwischen Völkern, wohl aber für den nächsten Waffengang im Nahen Osten.

    Für uns alle müssen die vier Jahre Trump eine Weckruf sein: Dass ein faschistischer Autokrat wie Donald Trump zum Präsidenten eines demokratischen Staates gewählt werden kann, ist das Musterbeispiel dafür, was geschieht, wenn den Anfängen nicht gewehrt wird; wenn nicht von Anfang an Bürger*innen, Gewerkschaften, Kirchen, Universitäten, Unternehmen den Rechtsnationalisten deutlich entgegengetreten und sich nicht blenden lassen von ihrer allgegenwärtigen Verharmlosungsstrategie.

    Seit dem Aufkommen der AfD sehen wir auch in Deutschland: Der Rechtsnationalismus ist eine Gefahr für die Demokratie, den Rechtsstaat, ein menschenwürdiges Miteinander. Niemals dürfen wir es so weit kommen lassen, dass Leute wie Höcke, Urban, Meuthen ein Regierungsamt bekleiden. Sich allein auf die Institutionen zu verlassen, reicht nicht. Die demokratische Verantwortung eines/r jeden ist vonnöten. Wie gesagt: Nichts war, nichts ist zufällig.

    Gastkommentar von Christian Wolff: Barmherzigkeit – Wegweisung für das neue Jahr

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten unter anderem alle Artikel der LEIPZIGER ZEITUNG aus den letzten Jahren zusätzlich auf L-IZ.de über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall zu entdecken.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Topthemen

    4 KOMMENTARE

    1. @J: Richtig und schlimmer noch. Erst haben dei Republikaner jahrzehntelang mit einer Unterbrechung (Clinton) „durchregiert“, dann Obama blockiert (der ja das Heil bringen sollte) und dann kam Trump.

      Ich empfehle stets die Reportage von Moore, um alle Seiten besser zu verstehen – inkl. „eschisssystem US-Wahl“ (allerdings pro Republikaner): https://www.youtube.com/watch?v=GV4TdOqTIi4

    2. @Lutz70: naja, das klingt so nett, dass es denen nur ums eigene Wohl geht… wenn ich das richtig erfasst habe, stehen in den USA viele Leute seit Jahren wirtschaftlich sowas mit dem Rücken zur Wand, da werden viele auch schlicht sehr verzweifelt sein. Vor Jahren schon las ich, dass sich dort viele keine Wohnung mehr leisten können und in Zelten leben. Und nun: Manche Medien schreiben schon von einer armutsbedingten Hungersnot (verstärkt durch Corona usw.). Da ist das teilweise vielleicht auch eher ein Hilfeschrei, einen Donald Trump gewählt zu haben?

      Wenn die Demokraten sie haben obdachlos werden und hungern haben lassen, ist es nicht unlogisch, dass da manche Menschen eben auf Trump gesetzt haben in der Hoffnung, ein Wechsel würde was bringen.

    3. Zur Wahrheit gehört aber auch das ihn über 70Mio Amerikaner trotzdem gewählt haben. Innenpolitisch hat er wohl einiges erreicht, sonst hätte die 70 Mio Amis ihn ja nicht ein zweites Mal ihre Stimme gegeben. Für Außenpolitik interessiert sich ein normaler Amerikaner nicht. Denn geht es nur um ihr eigenes Wohl.

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ