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Wie politisch darf Soziale Arbeit sein? Die Poliklinik in Schönefeld kämpft für eine gesamtgesellschaftliche Gesundheitsförderung

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    Zum Beginn des letzten Jahres öffnete in Leipzig-Schönefeld die Poliklinik ihre Türen. In dem Gesundheitszentrum wird über Stadtteilarbeit ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz verfolgt, der eine bessere und für jede/-n zugängliche Gesundheitsversorgung verfolgt. Der Verein „Solidarisches Gesundheitszentrum Leipzig e.V.“ und damit die Rechtsgrundlage für die Poliklinik besteht seit 2018. Die LZ hat mit Annelie Meier (31) und Jonas Löwenberg (28) gesprochen, die neben ihren hauptberuflichen Tätigkeiten in dem Gesundheitszentrum mitwirken.

    Beschreibt doch einmal kurz den Ansatz der Poliklinik Leipzig.

    AM Wir wollen Gesundheit und soziale Ungleichheiten zusammendenken und überwinden.

    JL Der große entscheidende Unterschied zu herkömmlicher Gesundheitsversorgung ist der Aspekt eines Zentrums. So werden Wege kürzer zwischen einzelnen Angeboten. Gleichzeitig wollen wir damit einen Raum schaffen für Ideen und einen offenen Nachbarschaftstreff an die Gesundheitsversorgung zu koppeln. Was wir derzeit hauptsächlich machen, ist die Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit.

    Warum ist dafür die Stadtteilarbeit das „richtige“ Konzept?

    JL Gesundheitsförderung und ein entsprechendes Umfeld sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Im Stadtteil bündeln sich die sozialen Faktoren, die Einfluss auf die Gesundheit nehmen. Was beschäftigt die Anwohner/-innen und wie wirkt sich das aus? So lassen sich ‚große Themen‘ wie soziale Ungleichheit oder der Klimawandel auf konkrete Probleme im Wohnumfeld herunterbrechen.

    AM Gesundheit sollte nicht vom Individuum aus gesehen, sondern als gesellschaftliches ganzheitliches Konzept verstanden werden. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Lebenserwartung in gutsituierten Vierteln höher ist als in ärmeren Stadtteilen. Soziale Faktoren wie Armut, eine fehlende Arbeitsstelle oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus beeinflussen die Gesundheit. Es geht auch um Selbstwirksamkeit und Vernetzung.

    JL Der Gesundheitsförderung liegt eine Ressourcen-Orientierung zugrunde. Für Menschen, die vereinsamt leben beispielsweise, kann ein wöchentlicher Austausch mit anderen eine weitere Ressource sein, die die Gesundheit stärkt.

    AM Wir setzen am Kiez an. Mithilfe eines multiprofessionellen Teams, unter anderem Ärzt/-innen, Pfleger/-innen, Psycholog/-innen, Sozialarbeiter/-innen oder auch Dolmetscher/-innen, kann besser darauf eingegangen werden, was die Anwohner/-innen beschäftigt. In Hamburg und Berlin wird das bereits so praktiziert. Wir denken, dass solche Konzepte die Verhältnisse verändern könnten, die krank machen.

    Wie wird das Konzept bisher angenommen im Stadtteil?

    JL Die Angebote, die bisher laufen, werden gut angenommen. Corona hat natürlich auch uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Zeitpunkt der Eröffnung fiel tatsächlich mit den ersten Schutzmaßnahmen zusammen. Dadurch hat sich natürlich unser Plan, Veranstaltungen zu bieten und die Bürger/-innen zum Kennenlernen einzuladen, verändert. Jetzt sollen weitere Angebote im Kiez folgen.

    AM In Planung sind „Nachbarschaftscafés, momentan ist natürlich die Umsetzung unklar. Es ist wichtig, verschiedene Professionen mit einzubeziehen und die Sozialberatung neben der psychosozialen und gesundheitlichen Beratung als Komponente zu bieten. Aber auch Vorschläge von der Community selbst sind erwünscht.

    JL In diesem Jahr wollen wir uns außerdem intensiv mit dem Thema „Arbeit und Gesundheit“ beschäftigen. Es soll ein Stadtteil-Projekt geben, das sich dann nur mit dieser Thematik beschäftigt. Dabei kann man über so viele Ansätze gehen, angefangen bei Anti-Stress-Kursen bis hin zur Beschäftigung mit Hartz-IV-Sätzen.

    Also ist die Arbeit der Poliklinik auch politisch?

    AM Es geht auch um politische Forderungen und somit den Zugang zur Gesundheitsversorgung, beispielsweise durch eine gültige Aufenthaltsgenehmigung.

    JL Auf der ersten Ebene fängt es damit an, durch einen gewissen Bekanntheitsgrad als Verein auf konkrete Probleme im Stadtteil aufmerksam machen zu können. Es ist eine alte Debatte: Wie politisch darf Soziale Arbeit ein? Für uns geht es aber nicht nur darum, Probleme zu verwalten, sondern auch zu bekämpfen.

    Die Mitglieder des Vereins arbeiten zum Großteil unbezahlt, durch die Gewinnung von Fördermitgliedern und -beiträgen kann das Angebot der Poliklinik finanziert werden. Wer den Verein unterstützen möchte, findet hier mehr Informationen.

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