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Operation Hinkelstein: Wie eine Kleinstadt bei Leipzig die Umwelt rettet

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    Wir befinden uns im Jahre 21 des 2000. Jahres nach Christi Geburt. Ganz Nordwestsachsen ist von den Leibzschern besetzt... Ganz Nordwestsachsen? Nein! Eine von unbeugsamen Markleejanern bevölkerte Kleinstadt hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Leibzscher, die als Besatzung in den befestigten Lagern Wolfswinkelum, Agraparkum und Dölitzium liegen...

    Schon vor zwei Dekaden rannten die Leibzscher erfolglos gegen die Markleejaner an, wollten sich das Oppidum unter die Klauen reißen: Die in Blüte stehenden Latifundien und hochherrschaftlichen Villen mitsamt ihrer Badekultur an den aufgefüllten Tagebaurestlöchern und überdies die von den Schultheißen einzutreibenden Denare hochbetuchter Elitebürger.

    Darunter zählten viele einst von den Leibzschern Geflüchtete, denen das Grauen vor der Rache der Sieger den Grillanzünder zu Eis erstarren ließ. Mit „Eingemeindung“ beschrieb ein altes Pergament vom Stadtarchiv jene ungeheuerlichen Vorgänge. Aber die Markkleejaner schlugen ein Schnippchen, schnippten den Leibzschern einen Schlug, äh, Schlag vor den Nischel.

    So der Wortlaut der Cornelia Tacitussi vom Archiv. Inzwischen gingen seltsame Veränderungen im rebellischen Oppidum vor sich. Die Markkleejaner kapselten sich weiter ab, kappten eine intakte Straßenbahnlinie und begannen, ihre Heimstatt zur Festung auszubauen.

    Rund um die Stadt errichteten sie riesige flache quaderförmige Hallen aus Poroton-Hinkelstein und Cementum, manche zum Schein bunt bemalt, um Leibzscher hineinzulocken und ihnen die Denare abzunehmen. Tacitussi nannte diese Gebilde poetisch Gewerbeparks.

    Die emsige Bautätigkeit wurde bald so groß, dass in den letzten zehn Jahren jeden Tag 531 Quadratmeter Boden zur Bebauung ausgewiesen wurden. Selbst der eine große Tagebausee sollte eine schwimmende Tankstelle, zwei Wasser-Lidl und einen Tauch-Aldi erhalten, zunächst wollte man aber mitten in der sich erholenden Natur ein überdimensioniertes Golfhotel errichten.

    Die tolle Wut zu bauen ebbte einfach nicht ab! Denn die verbliebenen Felder wurden immer mehr zum gesundheitlichen Risiko. Bereits Napoleons Truppen flohen anno dazumal mit schweren lebensbedrohlichen Beeinträchtigungen, und heute passiert es immer wieder, dass der automatische Elektrorasenmäher den Nachbarshund rasiert – eine Fehlsteuerung durch Menschenhand, eine Fehlsteuerung durch zerebrale Dysfunktion!

    Und die Ursache heißt: Glyphosat! Schuld sind die verbliebenen Felder, die einen Brodem freisetzen, der jeden großen Geist und das dazugehörige viel kleinere Hirn auf das Niveau einer erdölverschmierten Robotron-Festplatte herunterfährt, die ihn – den Brodem, nicht den Geist – in jedes graue Hausbaufirmenwürfelhaus tragen, jeden Betonsteingarten infiltrieren…

    Fort, ihr Felder, hinweg mit euch; ihr Wiesen, verdichtet euch, dass ihr das Glyphosat nicht freisetzet! Genau: Nachverdichtung und Bauplätze mit Augenmaß heißt das große Weiter-So euphemistischer Deklamation im jüngeren Papyrus namens Leid & Bild. Aus der Wut der Markleejaner auf pestizidverseuchte Äcker, Wiesen und Wäldchen wurde endlich die Bauwut.

    Nachdem jüngst ein kleines Wäldchen an der Seenallee zum Plangebiet erhoben wurde, um alsbald durch die Macht der Kettensäge in ein Gewerbegebiet zu mutieren, stehen noch gigantischere Vorhaben an. Neue Villae urbanae in der Weinteichsenke und die Eroberung neuer Ackerflächen für das Gewerbegebiet Wachau, das bereits jetzt schon so groß wie ein ganzer Stadtteil ist.

    Ach ja, da sind doch ein paar Bäumchen drin! „Gewerbepark“ wird deshalb einst Cornelia Tacitussi vom Stadtarchiv skribieren. Endlich verschwinden bald die letzten Gesundheitsrisiken unter Cementum und Asphalt, und wagt sich doch mal ein Blümchen durchzubrechen, dann kann man es ausgrubbern oder mit was besprühen: Handschuhe, Gerät und Pestizid gibt es im Baumarkt gegenüber.

    ***

    Das Hintergrundmaterial zur Geschichte: Die Meldung der Stadt Markkleeberg vom 22. April 2021.

    „Gewerbegebiet Seenallee“: Vorentwurf liegt digital aus

    „Gewerbegebiet Seenallee“: Vorentwurf liegt digital aus

    Die Stadt Markkleeberg befindet sich derzeit im Aufstellungsverfahren zum Bebauungsplan „Gewerbegebiet Seenallee“. Derzeit liegt der Vorentwurf zum Bebauungsplan vor. Die Stadt Markkleeberg legt die Unterlagen in der Zeit von Mittwoch, 28. April 2021, bis Freitag, 11. Juni 2021, öffentlich aus. Aufgrund der derzeitigen Einschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist es nicht möglich, den Vorentwurf in gedruckter Form auszulegen. Daher wird die Offenlage ausschließlich digital im Internet vorgenommen. Der Vorentwurf des vorhabenbezogenen Bebauungsplanes „Gewerbegebiet Seenalle“ ist im genannten Zeitraum unter folgender Internetadresse abrufbar:

    https://mitdenken.sachsen.de/1024312

    Die Öffentlichkeit und insbesondere alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, während der Offenlage ihre Anregungen zur Planung vorzubringen. Schriftlich ist dies bei der Stadtverwaltung Markkleeberg, Stadtplanungsamt, Postfach 1226, 04410 Markkleeberg sowie per E-Mail unter der Adresse spa@markkleeberg.de möglich

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