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Leserbrief zu Zwischen Betonblöcken und Hakenkreuzen: Yasemin Said über ihr Stadtteilprojekt „Perspectives“ in Grünau

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    Ich habe euren Beitrag gelesen „Zwischen Betonblöcken und Hakenkreuz“ und ich muss da jetzt etwas dazu sagen. Schon die Überschrift ist mir mächtig in die Nase gestiegen. Grünau ist viel mehr als Betonblöcke. Ich frage mich sowieso, wie jemand etwas für den Stadtteil tun will, der nur Betonblöcke sieht.

    Besucht mich doch einfach mal und dann wisst ihr, warum ich hier lebe und nicht in der Georg-Schwarz-Straße zum Beispiel. Im Innenhof blüht es auf der Wiese, Kinder spielen draußen. Vor dem Balkon habe ich viel Grün, Bäume und Büsche, sodass ich manchmal vergesse, dass über mir noch vier Etagen auf dem Haus sind. Wie im Gartenhäuschen denke ich mir dann.

    Früh wird man vom Vogelgezwitscher geweckt. Überall gibt es Vogelhäuser und Wasserschalen zum Trinken und Baden für die Vögel, Hasen und Igel. Das sagt auch schon einiges aus über die Menschen, die hier leben.

    Es gibt in Grünau relativ erschwinglichen Wohnraum.“ Ja, das ist so. Auch, weil es hier Genossenschaften gibt, die bezahlbare Wohnungen halten und nicht nur Neubau gefördert haben möchten. Einige Leerstände gibt es auch. Und ein Grund ist, dass es immer wieder viel Abwertendes zu lesen gibt über den Stadtteil. Zu viel Abwertendes. Ein Freund regt sich immer auf, wenn andere zu ihm sagen: „Na, fährst du wieder in dein Ghetto?“ Er arbeitet übrigens beim Zoll.

    Es gibt in Grünau relativ erschwinglichen Wohnraum. Vor allem für Personen, die Sozialhilfeleistungen empfangen. Also zum Beispiel Erwerbslose, Rentner/-innen, Personen mit einem Aufenthaltsstatus, … einkommensschwache Haushalte.“

    Manche sind hier eingezogen, da waren sie junge Leute. So wie ich vor vielen Jahren. Die Kinder sind hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, haben ihre erste Liebe erlebt und sind dann manchmal weit weg gezogen, fort aus Leipzig. Die meisten haben gearbeitet und dass sie es manchmal nicht mehr konnten, lag nicht an ihnen. Ich kenne welche, die ein gutes Einkommen haben und trotzdem hier wohnen. Sie sind hier eingezogen als die Häuser gerade fertig gebaut waren und sind hiergeblieben.

    Wenn ich meine Hausbewohner ansehe, dann sind manche inzwischen Rentner, die anderen arbeiten. Eine Nachbarin hat hier ihr technisches Zeichenbüro, ist selbstständig. Junge Familien siedeln sich wieder an, weil ihre Kinder hier draußen spielen können. Grünau ist genau so ein sozialer Brennpunkt, wie andere Stadtteile von Leipzig auch.

    Sicher gibt es Schmierereien an Häusern, Aufkleber u. Ä. Bei mir hier in der Ecke nicht. Also zwischen Betonblöcken und Hakenkreuzen lebe ich nicht.

    Auch gibt es jede Menge Bestrebungen von Menschen, die sich um ein gutes Miteinander bemühen, das Caritas Familienzentrum zum Beispiel oder den Literaturtreff Grünau. Ich nenne jetzt mal nur die beiden. „Oder sind sie zu der Zielgruppe gegangen und haben gefragt, ob sie Bock darauf haben?“ Ja, bestimmt.

    Und Menschen für eine Idee zu gewinnen, ist manchmal nicht leicht und dauert auch seine Zeit. Nicht jeder will alles machen und manchmal ist es mühselig, die Interessen zu wecken. Förderungen erhält nicht jeder. Und doch gibt es auch in Grünau engagierte Ehrenamtliche. Und manche haben sogar Hochschulbildung.

    Und da sind wir schon bei der Zielgruppe. Ich stelle fest, ich gehöre nicht dazu. „Unsere Zielgruppe sind Leute, die sich als migrantisch, Schwarz (Großschreibung wie im Original) oder jüdisch identifizieren, beziehungsweise migrantisch markierte Personen.“

    Ja, das sind unsere Mitbürger. Aber ich wünsche mir Projekte, die alle mitnimmt, Kinder, zum Beispiel, die gemeinsam lernen. Andere Beispiele lasse ich jetzt mal. Mir ist jetzt der ältere Herr wieder vor Augen, der mit Kindern vor einem Hochhaus Schach spielt. Auch das ist Grünau.

    Ihr fragt, ob Diskriminierung hier im Stadtteil ein sehr prägnantes Thema ist? Die Antwort darauf ist mir zu mager. „Dumm angemacht“ werden auch Menschen in anderen Gegenden von Leipzig und auch ich manchmal, auch wenn ich kein Kopftuch trage. Das ist generell nicht gut. Kennenlernen muss man sich, verständigen können und gemeinsam handeln und leben.

    Das ist in einer Mischung der Kulturen bestimmt schwerer, als wenn eine ganz bestimmte Gruppe wieder nur für sich ist. Ich denke, hier wird eine große Chance vertan. Eine Freundin von mir ist Araberin. Durch sie habe ich ein kleines Stück Welt besser verstehen gelernt als in offiziellen Berichten.

    Das Wort „Integration“ mag ich übrigens auch nicht. Mir geht es um das Zusammenleben, in Grünau und anderswo, nicht um die Aufgabe bestimmter kultureller Werte und Eigenheiten.

    Schade, dass ihr Grünau so seht. Nein, hier ist nicht alles gut und manches wurde einfach vergessen. Aber das Schmuddelkind von Leipzig ist es nicht.

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