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Der Gohliser Anger könnte eine Chance bekommen, aber nicht vor 2022

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    Wir leben ja in einer Experten-Demokratie. Allerorten entscheiden Experten in unserem Namen, reden in unserem Namen und vollziehen doch oft nur das, was ihr Auftraggeber will. Das ist nicht nur in Deutschland so. Auch die USA kennen dieses Expertentum. Deshalb sehen Städte oft auch so aus, wie sie aussehen. Am Sonntag, 5. Mai, gab’s deshalb auch den ersten Jane’s Walk in Gohlis.

    Mit seinem „Spaziergang für Entdecker“ beteiligte sich der Bürgerverein Gohlis an der weltweiten Aktion der „Jane’s Walks“. Diese erinnern an die amerikanisch-kanadische Architekturkritikerin und Stadtaktivistin Jane Jacobs (1916-2006). Sie hatte 1961 in New York eine Bürgerbewegung organisiert, welche den geplanten Flächenabriss im Stadtteil Greenwich Village verhinderte. Die Entwicklung einer Stadt, davon war Jacobs überzeugt, darf nicht allein den Experten überlassen werden. Alle Bürger müssen daran beteiligt werden.

    Und da wäre man beim heiß umstrittenen Thema der Bürgerbeteiligung in Leipzig – die oft genug am Veto diverser Experten scheitert, die qua Amt entscheiden, was an Bürgerwillen genehm ist und was nicht. Was dann logischerweise oft genug zu Frustration führt, dem Gefühl, bevormundet zu werden oder an den abgehobenen Experten jedes Mal zu scheitern, auch dann, wenn offensichtlich ist, dass sie tatsächlich nur partielle Interessen vertreten oder gar die einer einflussreichen Lobby.

    Aber wie weit ist Leipzig eigentlich mit einer Bürgerbeteiligung auf Augenhöhe, die das Wissen und die Kompetenz der Bürger auch ernst nimmt?

    Für den Bürgerverein Gohlis war es daher keine Frage, ob man sich an den von FUSS e. V. und BUND erstmals in Leipzig organisierten „Jane’s Walks“ beteiligen sollte. Der große Zuspruch und die vielen interessanten Gespräche beim Gehen ermutigen den Verein jetzt schon, auch 2020 am ersten Maiwochenende zu einem solchen Nachbarschaftsspaziergang einzuladen. „Welche Route wir dann nehmen werden, wissen wir noch nicht. Da sind wir offen für Vorschläge“, sagt der Vereinsvorsitzende Tino Bucksch.

    Und was hat man nun am 5. Mai erkundet?

    Etwa 50 interessierte Leipziger erkundeten an diesem Sonntag auf Einladung des Bürgervereins das historische Zentrum des vor reichlich 700 Jahren erstmals erwähnten Dorfes Gohlis. Auf dem Weg durch die Menckestraße, den Poetenweg und den Schillerweg erzählte Stadtteilkonservatorin Annekatrin Merrem kenntnisreich und lebendig Geschichten von Baudenkmalen wie der Gosenschenke, dem barocken Gohliser Schlösschen, der 1928 errichteten Bauhaus-Villa Kickerlingsberg 15, der einstigen Mühle an der Platnerstraße oder den biedermeierlichen Sommerhäusern im Schillerweg.

    Wichtige Station war der einstige Dorfanger in der Mitte der Menckestraße. Dort stand seit 1685 ein schlichtes Gebäude, das die Dorfschule beherbergte, später auch ein Betsaal mit Orgel, dazu Lehrerwohnung, Arrestzelle, Feuerwehrspritze und Leichenwagen. 1887 wurde das Haus abgerissen, als es zu klein geworden war für den boomenden Leipziger Vorort. Der Anger wurde danach zur Grünanlage umgestaltet.

    Daran anknüpfend möchte ihn der Bürgerverein gern als denkmalgeschützten Platz wiederbeleben. Der frühere Vereinsvorsitzende Gerd Klenk berichtete, wie sich genau auf diesem Platz 1992 engagierte Gohliser zusammengefunden hatten, um die denkmalgerechte Sanierung verfallener Wohnhäuser durchzusetzen und die Stadt zum Rückkauf des Budde-Hauses von den Erben des früheren Eigentümers zu drängen. Anwohner nutzen den Anger heute für Nachbarschaftstreffen. Im März 2019 veranstalteten Gohliserinnen dort ein „Picknick für Louise“, die 1819 geborene Vorkämpferin für Frauenrechte Louise Otto-Peters.

    Und da wären wir wieder bei den Experten.

    Denn seit Herbst 2018 ist der Antrag der Freibeuter-Fraktion im Verfahren des Stadtrats. Darin heißt es: „Die Stadt Leipzig nimmt eine Neugestaltung des Gohliser Angers unter Berücksichtigung seiner historischen Rolle vor. Entsprechende Haushaltsmittel werden im Plan berücksichtigt. Die Aufstellung eines Brunnens wird geprüft. Dabei werden die Wünsche der Bürger berücksichtigt, d. h. der Anger wird wieder unter Denkmalschutz gestellt sowie die Nutzung für Bürger als für Autos gesperrte Grünfläche gewährleistet. Ein Parkverbot für die Fläche wird im Zuge der Neugestaltung geprüft.“

    Aber als der Antrag im Februar eigentlich im Stadtrat zur Entscheidung anstand, wurde er wieder vertagt in den März, wo er dann samt Stellungnahme der Stadtverwaltung nur noch zur Kenntnis genommen wurde. Denn das Planungsdezernat sah keinen finanziellen Spielraum: „Aufgrund des bestehenden Handlungsbedarfes bei der Sanierung öffentlicher Grünflächen insgesamt, wird über die Bereitstellung finanzieller Mittel für die Planung und den Bau des Gohliser Angers erst bei der Aufstellung des neuen Haushaltes 2021/2022 entschieden.“

    Gohlis kann also wieder einen hübschen Anger bekommen. Vielleicht 2022, wenn das Projekt im nächsten Doppelhaushalt ein Plätzchen findet.

    Der alte Gohliser Dorfanger soll als historischer Ort wieder erlebbar werden

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