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Pro Leipzig zum LZ-Artikel „Bürgerbeteiligung rund um die Zukunft des Matthäikirchhofs“

Von Gastbeitrag von Bürgerverein Pro Leipzig e. V.
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    Bei Rundgängen im öffentlichen Raum geschieht es mitunter, dass etwas akustisch nur halb aufgenommen wird. Das Zitat mit der „Wärmestube“ ist weder so gefallen und erst recht nicht so gemeint. Es ging um eine Reminiszenz und nicht um eine Planungsempfehlung – lokal bezogen nicht auf den Matthäikirchhof, sondern auf die Städtische Speiseanstalt II in der Töpferstraße 1. Auch strebt Pro Leipzig keineswegs für den Matthäikirchhof eine „Innenhof-Atmosphäre“ an, wie in der Bildunterschrift behauptet – Hof ist Hof und Kirchhof ist Stadtplatz.

    Am Montag, 20. September, hatte Pro-Leipzig-Vereinsmitglied Heinz-Jürgen Böhme zu einer informativen Führung über den Matthäikirchhof eingeladen und dabei die Position von Pro Leipzig und die historische Dimension des Ortes besonders beleuchtet. Darüber berichtete die LZ.

    Der neue Matthäikirchhof – Überlegungen zur Perspektive

    Die Macht der Stasi wurde vor drei Jahrzehnten gebrochen, es ist höchste Zeit, dem Matthäikirchhof ein freundliches Gesicht zu geben und ihn wieder zu einem lebendigen Teil der Stadt zu machen. Um dafür einen umfassenden Planungsspielraum zu ermöglichen, ist der komplette Abbruch des monströsen Stasi-Erweiterungsbaus unabdingbar. Fassadenkosmetik und exorbitante Umbaukosten lösen das Problem nicht.

    Als Symbol der Staatssicherheit und als Stätte des Bewahrens, Gedenkens und der politischen Reflexion ist die „Runde Ecke“ die richtige Adresse, künftig im Verbund mit dem administrativ festgelegten „Forum für Freiheit und Bürgerrechte“, von dessen inhaltlicher Ausgestaltung ausgerechnet die Bürgerschaft ausgeschlossen ist, sowie flankiert vom Archiv der sächsischen Stasi-Unterlagen. Ein Kompaktpaket auf immerhin einem Drittel der Gesamtfläche!

    Falls dann noch das von der Verwaltung erstrebte 200-Millionen-„Zukunftszentrum“ und ein netter Firmensitz dazukommen, dürfte der Platz für anderes knapp werden.

    Zunächst geht es jedoch darum, das bisher abgeschottete Areal städtebaulich klug und weitsichtig neu zu strukturieren und wieder an die Altstadt anzubinden.

    Wie vom Stadtrat schon 1991 in der „Erhaltungssatzung Innenstadt“ fixiert, sollten dabei historische Baufluchten ebenso angestrebt werden, wie die Erhaltung der aus den historischen Grundstücksgrößen überkommenen Formate. Die spannungsvolle Raumgliederung sowie die Kleinteiligkeit der Bebauung sind entscheidende Kriterien der anzustrebenden neuen Individualität.

    Da diese im konkreten Fall nur mit den Mitteln hochwertiger moderner Architektur erreicht werden kann, ist allerhöchster Anspruch gesetzt – eine Herausforderung, die in der Leipziger Altstadt in den vergangenen Jahren freilich äußerst selten eingelöst wurde.

    Der alte Stasi-Neubau auf dem Areal des Matthäikirchhofs. Foto: Ralf Julke
    Der alte Stasi-Neubau auf dem Areal des Matthäikirchhofs. Foto: Ralf Julke

    Die Installation von Großbausteinen ist dem Ziel abträglich, zerstörerisch geradezu.
    Der Kirchhof, dieser zentrale Stadtplatz, sollte ein einladender Begegnungsort sein mit besonderem, durchaus überraschendem Flair, jedenfalls ein Platz, den man gern und oft aufsucht. Er sollte in jedweder Beziehung barrierefrei sein, ausreichend mit Bäumen und Bänken bestückt und gemäß der historischen Situation sollte ein Brunnen nicht fehlen.

    Auf dem Areal des heutigen Parkplatzes hinter dem Großen Blumenberg empfiehlt es sich vorrangig Wohnen anzusiedeln, ausgerichtet in Anlehnung an die historische Grundstücksstruktur zwischen Großer Fleischergasse und der wieder anzulegenden Töpferstraße, gut besonnt und mit grünen, nicht zu engen Höfen, mit Spiel- und Sitzmöglichkeiten, vielleicht eine Kita – damit auch junges Leben gedeihen kann. In den Erdgeschossen verträgliches Handwerk, Dienstleister, Kreativwerkstätten, Gastronomie und kleine Händler – jedenfalls keine Ketten und Großformate.

    Die Große Fleischergasse ist als Straßenraum seit dem Krieg nicht erlebbar und bedarf wieder einer in Gestalt und Funktion attraktiven Westseite, deren Baulinie der historischen Krümmung folgen sollte. Hier ist die Kontaktzone zur Altstadt, zur Kneipenmeile und zum Jägerhof mit seiner hochkarätigen, aber (abgesehen vom Kino) derzeit noch toten Passage.

    Leider zeigt auch der neue Primark-Komplex hier nur seine abweisende Seite. Eine passagenartige Verbindung zur Hainstraße, wie sie vor dem Krieg an gleicher Stelle in der Tuchhalle bestand, dürfte unter heutigen Bedingungen kaum mehr erreichbar sein.

    Im zentralen Bereich des Matthäikirchhofs sollten die Volkshochschule und die Musikschule Johann Sebastian Bach ihren Platz finden. Mit letzterer könnte die lange und vielschichtige Musiktradition des Ortes aufgenommen und weitergeführt werden. Zu erinnern ist etwa an Georg Philipp Telemann, E. T. A. Hoffman, Carl Friedrich Zöllner oder Ernst Anschütz, um nur einige zu nennen. Auch eine Kleinbühne, ein Club oder eine Galerie sind im südöstlichen Bereich vorstellbar. An Vorschlägen aus der Bürgerschaft mangelt es jedenfalls nicht.

    Aber egal an welcher Stelle diese Träger kultureller Vielfalt auch immer angesiedelt werden, es ist unumgänglich, stabile und auskömmliche Bedingungen zu garantieren, vor allem bezahlbare Mieten. Da die in Rede stehenden Grundstücke allesamt städtisch sind, sollte hier eine für das Gesamtmilieu vorteilhafte Steuerung erfolgen. Geschieht dies nicht oder nur halbherzig, bröckelt das Konzept vom Individuellen ins Austauschbare.

    Der Matthäikirchhof im Stadtmodell. Foto: Ralf Julke
    Der Matthäikirchhof im Stadtmodell. Foto: Ralf Julke

    Apropos Eigenart, warum nicht einmal die lokale Geschichte im Freiraum reflektieren?
    Von der urbs libzi über das Barfüßerkloster, die Neu- bzw. Matthäikirche, über jahrhundertelang florierendes selbstbewusstes bürgerliches Leben, Persönlichkeiten, die hier wohnten und wirkten, über den Untergang des Viertels am 4. Dezember 1943, den archäologischen Grabungen der Nachkriegszeit bis hin zu dem monströsen Bau, mit dem der Stasi das Areal in den 1980er Jahren okkupierte.

    Einprägsam veranschaulicht ließe sich so unkompliziert und schwellenlos der Metamorphose des Viertels nachspüren und über die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, aber auch über aktuelle Probleme demokratischer oder scheindemokratischer Prozesse und Erscheinungsformen ins Gespräch kommen.

    Noch einmal: Der Bürgerverein Pro Leipzig e. V. plädiert nachdrücklich dafür, maximale planerische Flexibilität zu schaffen und dafür das Areal bis auf die denkmalgeschützten Gebäude von allen Hemmnissen und Bremsklötzen zu befreien. Die politische Geschichte bleibt auch mit dem Erhalt einiger typischer Elemente erzählbar.

    Und was den für Anfang 2022 anstehenden städtebaulichen Wettbewerb betrifft, der sollte unbedingt uneingeschränkt und frei ausgeschrieben werden, damit für das anspruchsvolle Ziel keine Ideen verloren gehen.

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      1 KOMMENTAR

      1. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen. Die Stadtverwaltung und ihr Chef, der dafür nochmals sieben Jahre Zeit hat, werden auch die Nordwestecke des alten Leipzigs nach Kräften ruinieren.

        Altbackene Vorstellungen von Kastenarchitektur. Keine Belüftung der Innenstadt.

        Bereits dieser winklige Klotzbau im Stadtmodell ist schon der gesetzte Anfang.

        Der Stadtrat möge beschließen, dort mittels flächigen Abrissen eine riesige Baubrache anzulegen mit einem Baumoratorium von 15 Jahren, bis der OBM und die Fehlentscheider in der Stadtverwaltung zuverlässig im Ruhestand sind.

        Anders ist Leipzig nicht mehr zu retten.

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