Da war sich der Ortschaftsrat Lindenthal selbst nicht sicher, ob er in so einem Kräftemessen überhaupt einen Stich sehen würde: den großen Nachbarn Porsche dazu zu bringen, seine sonntäglichen Rennen auf der Teststrecke deutlich zurückzufahren, von 14 auf maximal ein bis zwei Sonntage im Jahr. Noch im November war sich der kleine Ortschaftsrat sehr unsicher, ob der große Autobauer einlenken würde. Doch genau das hat Porsche getan. Ein Kompromiss liegt auf dem Tisch.

Aus einem ersten Gespräch mit Porsche berichtet das Protokoll der Ortschaftsratssitzung vom 30. November:„Porsche will Entgegenkommen zeigen und zumindest die bisherige sonntägliche Mittagspause (11:00–12:30 Uhr) auf eine erträgliche Zeit zwischen 12.00 – 14:30 Uhr verschieben. Die OR-Mitglieder sind sich einig, dass die bestehende Betriebserlaubnis so schwammig formuliert ist, dass ein juristisches Vorgehen wenig Aussicht auf Erfolg hat.

Zumal seitens des Landes Sachsen aufgrund der überregionalen wirtschaftlichen Bedeutung von Porsche kaum Unterstützung zu erwarten ist. Weiterhin ist man sich gemeinsam darin einig, dass auch Porsche daran interessiert ist, ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zu pflegen, zumal sie intern an einem ‚green label‘ arbeiten. So haben sie in der Vergangenheit einen Lärmschutzwall in Richtung der Gartenanlagen aufgeschüttet.“

Weil man aber die Sache nicht eskalieren wollte, beschloss der Ortschaftsrat, den Antrag erst einmal ruhend zu stellen.

Ein Kompromissvorschlag

Aber dann kam es doch noch zu einem Gespräch, bei dem nicht nur die Porsche Leipzig GmbH mit dem Ortschaftsrat Lindenthal an einem Tisch saß, sondern die Stadt Leipzig die Moderation übernahm, „um gemeinschaftlich eine Lösung zu finden. Diese sollte sowohl die wirtschaftlichen Interessen der Porsche Leipzig GmbH, zur Durchführung von Fahrevents und anderen Veranstaltungen, als auch die Interessen der Lindenthalerinnen und Lindenthaler berücksichtigen. Dabei stand vor allem die als störend empfundene Geräuschkulisse an Sonntagen im Fokus“, stellt das Dezernat Stadtentwicklung und Bau jetzt in einer Vorlage fest, in der ein echter Kompromiss Gestalt annimmt, mit dem Porsche und Lindenthal zueinanderfinden, ohne dass man erst die meist sehr beratungsresistente Landesdirektion einschalten muss.

Und allein schon die erste Zusage der Porsche Leipzig GmbH im Rahmen der Gespräche dürfte viele Lindenthalerinnen und Lindenthaler froh stimmen. Denn Porsche hat sich dazu bereit erklärt, dass auf der Teststrecke sonntags generell keine Rennsportveranstaltungen mehr stattfinden.

Es sind ja nicht die einzigen lautstarken Ereignisse, die den Sonntag in Lindenthal bisher belastet haben. Auch zu den anderen Ereignissen hat Porsche Zusagen gemacht.

So werde bei Fahrveranstaltungen an Sonntagen der Beginn frühestens auf 9 Uhr festgelegt und die Mittagspause auf 90 Minuten verlängert und es sollen keine besonders geräuschintensiven sogenannten Drift Trainings mehr durchgeführt werden. Außerdem soll eine Reduktion der geräuschintensiven Anteile im Rahmen von Fahrsicherheitstrainings an Sonntagen stattfindet.

Die Kunst der Kommunikation

„Parallel plant die Porsche Leipzig GmbH den, vor allem durch die Corona-Pandemie, ruhenden Austausch mit allen Ortschaftsräten der Anrainer wieder aufleben zu lassen, um aktuelle Entwicklungen im Werksumfeld zu kommunizieren, wie z. B. Aktivitäten rund um die Bereiche Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz“, heißt es weiter in der Vorlage des Planungsdezernats. „Insoweit wurde im Zuge der Gespräche eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung entworfen.“

Ein Ergebnis, das jetzt durchaus Grundlage für einen Stadtratsbeschluss werden kann. Die Vorlage geht jetzt auf die Reise durch Ausschüsse und Ortschaftsrat. Und sie könnte ein Beispiel dafür sein, wie Demokratie auch in Sachsen funktionieren kann, wenn Unternehmen bereit sind zum Gespräch und mit ihren Nachbarn Wege finden, wie man miteinander zu Übereinkommen gelangen kann.

Was dann – wie die Vorlage anmerkt – den wohl dornenreicheren Weg über die Landesdirektion erst einmal überflüssig gemacht hat:

„Mit dem Antrag zum wesentlichen Ausbau des Werkes ab 2011 (aufgrund der Planung eines Betriebsbereiches) ging die Zuständigkeit auf die Landesdirektion Sachsen über. Zuständige Immissionsschutzbehörde für alle Belange der Porsche Leipzig GmbH ist somit die Landesdirektion Sachsen, Dienstsitz Leipzig, Referat 44, Braustraße 2 in 04107 Leipzig.

Die Überwachung des Anlagenbetriebes obliegt der zuständigen Behörde. Eine Einschränkung bei der Nutzung der Einfahr- und Prüfstrecke durch die Firma Porsche Leipzig GmbH, wie mit dem Antrag angestrebt wird, bedingt die Rücknahme bzw. Änderung einer behördlichen Entscheidung. Für eine solche Entscheidung ist ausschließlich die Landesdirektion Sachsen zuständig.“

Es ist viel leichter, sich einfach gemeinsam an den Tisch zu setzen und auf Augenhöhe nach Lösungen zu suchen. Und sogar der OBM will helfen, wenn es noch mehr Gesprächsbedarf gibt: „Der Oberbürgermeister steht beratend zur Seite, soweit sich weiterer Gesprächsbedarf zwischen dem Ortschaftsrat und der Porsche Leipzig GmbH ergibt.“

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