Am 7. April meldete das Amt für Stadtgrün und Gewässer: „Ab kommender Woche beginnen auf dem Areal an der Connewitzer Spitze bauvorbereitende Arbeiten zur Erweiterung der öffentlichen Grünfläche. Im Randbereich des derzeit noch wilden Parkplatzes zwischen Wolfgang-Heinze-Straße und Biedermannstraße in Connewitz werden dafür drei Robinien und ein Spitz-Ahorn gefällt, ein Teil der Hecke sowie bodendeckende Kletterpflanzen entfernt.“ Schon das alarmierte den NABU Leipzig.

„Diese Rodungen sind notwendig, weil die Bäume vorgeschädigt sind und hier zudem ab Juli Gasleitungen verlegt werden müssen“, betonte das Amt für Stadtgrün und Gewässer.

„Eine Befreiung nach § 39 Abs. 5 Nr. 2 des Bundesnaturschutzgesetzes der unteren Naturschutzbehörde liegt vor, die Fällungen können also aufgrund des überwiegend öffentlichen Interesses unter besonderen Auflagen im Schutzzeitraum vom 1. März bis 30. September erfolgen. Die Bäume werden daher unmittelbar vor dem Eingriff sorgsam durch einen Sachverständigen auf artenschutzrechtliche Belange wie etwa Vogelbruten untersucht und erst danach gegebenenfalls zur Fällung freigegeben.

Zwei raumprägende Großbäume in der Mitte des Grundstückes bleiben erhalten und werden perspektivisch in die neue Grünfläche integriert. Hier sollen neue Sport- und Bewegungsangebote entstehen. Die entsprechenden Bauarbeiten beginnen voraussichtlich ab August und sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Dabei werden unter anderem auch elf Bäume und eine Vielzahl von Sträuchern neu gepflanzt.

Die Stadt Leipzig hatte im Mai vergangenen Jahres das Grundstück nördlich des Streetballplatzes gekauft, um im Quartier eine neue Grünfläche zu schaffen und die bestehende Sportanlage um etwa 900 Quadratmeter zu erweitern. Gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern wurde ein Entwurf für das Areal erarbeitet.“

Aufwertung klingt immer gut

Scheinbar nur ein wilder Busch - aber tatsächlich ein wertvolles Amselrevier. Foto: Sabrina Rötsch
Scheinbar nur ein wilder Busch – aber tatsächlich ein wertvolles Amselrevier. Foto: Sabrina Rötsch

Doch je mehr sich das Projekt der Vollendung zuneigt, umso kritischer schaut insbesondere der Naturschutzbund Deutschland (NABU), Regionalverband Leipzig e. V., auf das Ergebnis.

„In der Stadt Leipzig verschwinden leider viele Freiflächen. Sie werden Profitinteressen geopfert und bebaut, ihre Funktionen für Erholung, Klimaschutz und Biodiversität gehen verloren. Nur selten bietet sich die Chance, dem etwas entgegenzusetzen und neuen Lebensraum zu schaffen. Diese Möglichkeit bietet die Neugestaltung der Connewitzer Spitze, leider wird diese Chance vertan“, formuliert der NABU Leipzig sein Unbehagen an der neuen Grünflächengestaltung.

„Obwohl die Stadtverwaltung mit der Gestaltung der Fläche auch die Biodiversität fördern will, werden die Planungen diesem Ziel nicht gerecht.“

Exotische Bäume aus dem Katalog bilden keine Lebensräume

Der NABU Leipzig hatte sich proaktiv und frühzeitig in die Planungen eingebracht, und hatte eine zeitgemäße Grünflächengestaltung angeregt, welche klimaangepasst und biodiversitätsfördernd sein sollte.

„Doch anstatt neuen Lebensraum zu schaffen, wird sogar mit der nun geplanten Grünfläche Lebensraum verloren gehen“, zieht der Naturschutzbund sei erstes Fazit. „Damit reiht sich die Fläche in die traurige Bilanz ein: Allein in den vergangenen 5 Jahren sind in Connewitz mehr als 12.000 Quadratmeter Grünflächen, insbesondere Hecken und Wiesen ersatzlos verloren gegangen.“

Artenarme Rasenflächen und niedrige Formschnitthecken bieten keinen Lebensraum für Tiere. Foto: Sabrina Rötsch
Artenarme Rasenflächen und niedrige Formschnitthecken bieten keinen Lebensraum für Tiere. Foto: Sabrina Rötsch

2021 hat die Stadt Leipzig das entsprechende Flurstück gekauft. Erfreulicherweise beschloss der Stadtrat, sie nicht zu bebauen, sondern als Grünfläche zu gestalten. Eine solche Entscheidung müsste viel öfter getroffen werden, um Leipzig auf den Klimawandel einzustellen, umso mehr begrüßte der NABU Leipzig die Entscheidung und hat sich proaktiv und frühzeitig in die Planungen eingebracht.

Der NABU hat eine zeitgemäße Grünflächengestaltung angeregt, welche klimaangepasst und biodiversitätsfördernd sein sollte. 485.500 Euro kostet die Neugestaltung der bisherigen Brache. Doch was dem Baubeschluss nicht zu entnehmen war, war die Art der geplanten Pflanzungen.

Nun aber stellt der NABU mit einigem Erschrecken fest, dass die Planung zur Freifläche der Connewitzer Spitze vorrangig die Pflanzung von Zuchtsorten und Exoten vorsieht. Im Baubeschluss war dazu lediglich zu lesen: „Zur Abrundung der Grünfläche wird eine grüne Raumkante mit 10 Baumneupflanzungen und niedrigen Strauchflächen geschaffen. Die ortsbildprägenden Bäume, die sich in der Mitte des Bearbeitungsgebietes befinden, werden als zentrales Gestaltungselement erhalten und durch artenreiche Bodendecker- und Strauchpflanzungen hervorgehoben.“

„Das ist vollkommen unverständlich und kontraproduktiv“, kritisiert der NABU Leipzig. „Eine schlüssige Begründung gibt es nicht, vielmehr wird behauptet, dass auch heimische Arten berücksichtigt werden. Denn gerade einmal fünf heimischen Arten stehen jedoch mehr als fünfzehn Zuchtsorten und Exoten gegenüber, welche auf der Connewitzer Spitze Platz finden sollen. Es wird keine Strauchgruppe oder Hecke geben, in der Vögel brüten können, stattdessen sollen nichtheimische Bodendecker gepflanzt werden.“

Der Zustand der als Parkplatz genutzten Bracvhe vor der Umgestaltung. Foto: Sabrina Rötsch
Der Zustand der als Parkplatz genutzten Brache vor der Umgestaltung. Foto: Sabrina Rötsch

Es sieht ganz danach aus, als hätte man im Amt für Stadtgrün und Gewässer noch immer nicht verstanden, was Biodiversität in einer Großstadt wie Leipzig tatsächlich bedeutet. Erholung und Sport für Menschen und Lebensräume für Tiere müssen sich nämlich nicht ausschließen, findet der NABU.

„Aber leider wird die Stadtverwaltung der Dringlichkeit einer multifunktionalen und zeitgemäßen Grünflächenplanung nicht gerecht, denn gerade bei der Neuanlage von Grünflächen gilt es, das vorhandene Potenzial multifunktional zu nutzen, Biodiversität, Erholungsfunktion, Klimaschutz und Ästhetik müssen Hand in Hand gehen.“

Einmalige Chance nicht genutzt

Die Artenschutz-Bilanz der Stadt Leipzig ist jedenfalls derzeit noch katastrophal. „Artensterben und Klimakrise sind gegenwärtig die größten Herausforderungen, leider handelt die Stadt Leipzig in vielen Fällen nicht entsprechend“, kritisiert der NABU.

„Flächen, die dem Klimaschutz dienen könnten, werden mit Beton und Asphalt versiegelt, grüne Ecken, die dem Artenschutz UND dem Klimaschutz dienen könnten, werden beseitigt und bebaut oder derart ‚gepflegt‘, dass sie kein Lebensraum sein können. Nur selten gibt es eine Chance, neuen Lebensraum zu schaffen, neue Grünflächen für Mensch, Klima und Natur. Mit der sogenannten Connewitzer Spitze bietet sich eine solche Chance – leider wurde sie nicht genutzt.“

Viele Tiere brauchen bestimmte Pflanzen, weil sich Pflanzen und Tiere im Laufe der Koevolution über Millionen Jahre aneinander angepasst haben. Die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Insektenarten (ca. 33.3000 Arten) ernähren sich von Pflanzen. Von diesen pflanzenfressenden Insektenarten sind mindestens 80 Prozent auf bestimmte Pflanzen spezialisiert.

Mit Pflanzen starten die Nahrungsketten, deshalb sollte die Anlage und Pflege von Grünflächen auch nach den Tierbedürfnissen ausgerichtet sein, um einen wirksamen Beitrag gegen das globale Artensterben zu leisten, benennt der NABU Leipzig einen Aspekt, der in den üblichen Planungen für Parkanlagen in Leipzig meist gar nicht bedacht wird.

Das Ergebnis: Aufgrund der Spezialisierung vieler pflanzenabhängiger Tierarten können nur die Pflanzen, an die sich Tiere angepasst haben, einen Beitrag gegen das Artensterben leisten. Werden hingegen exotische Pflanzen oder Zuchtsorten verwendet, entstehen artenarme und ökologisch weitgehend wertlose Grünflächen.

„Deshalb sollten heimische Pflanzen vorrangig gepflanzt werden. Heimische Pflanzen leisten außerdem einen Beitrag zum Klimaschutz, Klimakrise und Artensterben können nur gemeinsam angegangen werden“, so der NABU, der seine nur zu berechtigte Forderung wiederholt, jede noch so kleine Grünfläche als Beitrag gegen Artensterben und Klimakrise zu betrachten, zumal Leipzig den „Klimanotstand“ ausgerufen hat.

„Leider folgt die Stadtverwaltung diesen Erfordernissen nicht, sondern verfolgt ein Weiter-wie-bisher, bei dem Denkmalschutzbelange oder Profitinteressen Vorrang haben“, stellt der NABU fest. „Damit wird auch der gesellschaftliche Wunsch nach Klima- und Naturschutz ignoriert.“

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