Grüninseln wie in der Eigenheimstraße sind viel zu wertvoll zum Verbauen

Für alle LeserWie wichtig ein Stück leidlich intakter Natur im Wohngebiet ist, haben die Dölitzer ja deutlich gemacht, als sie vehement in Einspruch gingen, dass eine Grünfläche in der Eigenheimstraße mit einer Kita bebaut wird. Nun sind auch die Naturschützer des NABU Leipzig losgezogen und haben sich das kleine Biotop genauer angeschaut. Im Ergebnis schreiben sie einen Offenen Brief und fordern ein Umdenken in Leipzigs „Naturschutz“-Politik.

Denn die Begehung der umkämpften Wiese hat ergeben, was eigentlich zu erwarten war, wenn sich solche grünen Inseln im Herzen der Stadt über Jahre entwickeln konnten: Die Bäume haben sich im Lauf der Jahrzehnte zu Heimstätten wichtiger Tierarten entwickelt. In Baumhöhlen finden viele Tiere Zuflucht, die anderswo im Leipziger Bauboom radikal entfernt und vertrieben werden.

Ein Thema, das der NABU schon mehrfach thematisiert hat. Das hat auch mit dem völlig sinnfreien sächsischen „Baum-ab-Gesetz“ zu tun, bei dem es eben nicht nur um die Entfernung „störender“ Bäume aus privaten Grundstücken geht. Grundstückseigentümer wurden gegen die scheinbar ausufernde Naturschutz-Bürokratie mobilisiert, statt den Grundstücksbesitzern den Wert dieser Baumbestände deutlich zu machen und wie wichtig sie für Klima und Artenschutz in zunehmend engeren städtischen Räumen sind.

Aber darüber, dass Sachsens Umweltministerium immer wieder inkompetent besetzt wurde, haben wir ja schon geschrieben. Erlebt haben es die Leipziger auch 2011, als die Stadt das massenhafte Fällen von Auwaldbäumen entlang der Weißen Elster genehmigte, weil die Landestalsperrenverwaltung unbedingt die Deiche verstärken und mit Verteidigungswegen ausrüsten wollte. Dabei wurden auch Dutzende über 100 Jahre alter Bäume gefällt, die sich allein durch ihre gewaltige Größe zur Heimat für viele geschützte Arten entwickelt hatten.

Die Grünfläche in der Eigenheimstraße in Dölitz. Foto: Ralf Julke

Die Grünfläche in der Eigenheimstraße in Dölitz. Foto: Ralf Julke

In einer Stadt, die ihr Bekenntnis zu Biodiversität und Artenschutz wirklich ernst nimmt, wäre der dafür zuständige Bürgermeister zumindest in arge Erklärungsnöte geraten.

Dabei hat Leipzig selbst genug Gutachten, die bestätigen, wie schwer es wird, beim jetzigen Bauboom die Artenvielfalt in der Stadt zu erhalten. Ein belastbares Konzept zum Erhalt wichtiger Biotope gibt es nicht.

„Für immer neue Bauprojekte geht Stück für Stück die Stadtnatur verloren, die für das Wohlbefinden der Menschen, für das Stadtklima und für die Tier- und Pflanzenwelt notwendig ist. Vielfach wird für verlorene Lebensstätten geschützter Tierarten keinerlei Ersatz geschaffen“, kritisiert der NABU Leipzig. „Oft wird die Natur zerstört, obwohl es bessere Alternativen gibt. Ein weiteres Beispiel ist der geplante Bau einer Kindertageseinrichtung in der Eigenheimstraße/Libertastraße im Stadtteil Dölitz. Der Bau muss realisiert werden, ohne wertvolle Lebensräume zu zerstören, fordert der NABU Leipzig.“

In der Stadtratssitzung am 18. Oktober hat der Stadtrat beschlossen, dieses Kita-Bauprojekt erst einmal zurückzustellen. Die Verwaltung bekam dafür erst einmal einen Prüfauftrag für drei alternative Kita-Standorte in Dölitz.

„Der NABU Leipzig hat die vorgeschlagenen Alternativstandorte geprüft und hält alle aus naturschutzfachlicher Sicht für besser geeignet. Wie der NABU im Gespräch mit der Stiftung Bildung & Handwerk SBH Südost GmbH erfahren hat, stehen in der Friederikenstraße mehrere versiegelte Flächen und von der Stiftung angebotene Flächen zur Verfügung. Diese Flächen und ein möglicher Kita-Betrieb wurden seitens der Stiftung der Stadtverwaltung angeboten, was aber bisher offenbar ignoriert wird. Hier wäre es sogar möglich, trotz Neubau Flächen teilweise zu entsiegeln“, schreibt der NABU in einem längeren Beitrag auf der eigenen Homepage, in dem das breite Themenfeld der wichtigen Grüninseln, wo sich zum Beispiel Fledermaus und Grünspecht noch halten können, und der seit einigen Jahren beobachtbare Verlust von Schutzräumen für die Tiere behandelt wird.

Aber auch auf das Thema Kita geht der Naturschutzverein ein und zeigt gerade die heiß umkämpfte Kita in der Gohliser Straße als Beispiel, wo nicht nur ein riesiger Flachbau eine ganze Wiese verschlungen hat, sondern auch die verbliebene Freifläche einfach als Parkplatz versiegelt wurde – den dort in dieser Form niemand braucht. Eindeutig ein Versagen der Leipziger Verwaltung, der es augenscheinlich schwerfällt, den einerseits notwendigen Bau von Kindertagesstätten mit dem Erhalt grüner Freiräume zusammenzudenken.

Und so kritisiert der NABU, dass bei vielen neu errichteten Kindergärten nur eingeschossig gebaut wird. „Bei einer mehrgeschossigen Bauweise könnten auch andere Nutzungen einen Platz finden, wie Büros oder Arztpraxen. Damit würde verhindert, dass für solche, ebenfalls benötigten Einrichtungen weitere Flächen versiegelt werden. Der zunehmende Platzbedarf in der wachsenden Stadt macht es erforderlich, die vorhandenen Flächen so effektiv wie möglich zu nutzen und die Natur soweit wie möglich zu erhalten und zu integrieren. Wer an die Kinder denkt, darf die Natur nicht vergessen!“

Im Brief wird man dann noch deutlicher. Denn immer wieder hat auch Leipzigs Umweltbehörde wenig Biss gezeigt, wenn es um den Schutz der selten gewordenen Biotope in der Stadt ging.

„Zudem wird oft das Bundesnaturschutzgesetz ignoriert, das Lebensräume geschützter Tierarten vor Zerstörungen bewahren soll, wie beispielsweise Vogelnistplätze oder Höhlen für Fledermäuse. (…) Der NABU stellt immer wieder fest, dass für verlorene geschützte Lebensräume, wie beispielsweise Höhlenbäume, in Leipzig leider kein Ausgleich erfolgt.“

Und dann kommt man genau auf die Wiese an der Eigenheimstraße zu sprechen: „Auf der Grünfläche in der Eigenheimstraße befinden sich 40 Bäume, die aufgrund ihres hohen Alters zahlreiche Höhlen haben. Mindestens 12 Höhlen, die Lebensraum für Vögel und Fledermäuse sind, hat der NABU Leipzig bei einer einfachen Begehung festgestellt. Ein rund 40 Meter langer Streifen aus locker bepflanzten Sträuchern bietet verschiedenen Insekten, Vogelarten und Kleinsäugern, wie dem Igel, Nahrung und Lebensraum. Genauere Erfassungen, würden vermutlich noch weitere schützenswerte Naturgüter auf der Fläche nachweisen.“

Hier leben streng geschützte Tierarten wie Fledermäuse und Grünspecht. Die Stadt würde also direkt gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen.

Der Brief betont, wie stark der Rückgang lokaler Populationen von Wildtieren in einigen Leipziger Stadtteilen schon ist, ohne dass auch nur ansatzweise eine städtische Strategie zum Gegensteuern sichtbar wird. Höchste Zeit, dass da ein paar Verantwortliche endlich aufwachen. Vielleicht hilft der Brief dabei.

Zum offenen Brief des NABU.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

 

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