Ehrenamtliche Arbeit kostet Zeit. Aber sie schafft auch Kontakte, bindet Menschen in lebendige Netzwerke ein, bringt ihnen persönliche Bestätigung und Anerkennung. Wenn auch oft nur durch Worte. Der Leipziger Verwaltung ist sehr wohl bewusst, dass die Stadt ohne das ehrenamtliche Engagement Tausender nicht mehr funktionieren würde. Sie schaffen an vielen Stellen den Kitt, der die Stadtgesellschaft zusammenhält. Und dieses Engagement ist seit Jahren erstaunlich hoch.

„Knapp ein Fünftel der Leipzigerinnen und Leipziger arbeitet ehrenamtlich (Engagementquote: 19 Prozent), 30 Prozent waren 2024 noch nicht engagiert, haben aber Interesse daran“, fasst der Bericht zur Bürgerumfrage 2024 zusammen, was die Befragten zu ihrem Engagement angekreuzt haben. „Seit Jahren ist sowohl der Anteil der Engagierten wie auch die Engagementbereitschaft auf diesem Niveau stabil. Auch während der Corona-Pandemie waren hier keine nennenswerten Schwankungen zu beobachten.“

Aber ehrenamtliche Arbeit hängt auch von einigen Faktoren ab, die sie überhaupt erst ermöglichen.

„Während Männer und Frauen zum selben Anteil ehrenamtlich arbeiten, erscheint in der weiblichen Gruppe die Engagementbereitschaft gegenwärtig etwas größer (+9 Prozentpunkte). Auch das Alter beeinflusst die Engagementbereitschaft: Unter Jüngeren ist die Bereitschaft, ein Engagement zu übernehmen, insgesamt höher als unter Älteren (18 bis 34 Jahre: 39 Prozent, 65 bis 85 Jahre: 18 Prozent)“, liest man im Bericht. Was natürlich nicht überrascht. Denn wenn die körperliche Fitness nachlässt, hat man nicht mehr viel Spielraum, sich auch ehrenamtlich einzubringen.

Ehrenamtliches Engagement und Engagementbereitschaft der Leipziger. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024
Ehrenamtliches Engagement und Engagementbereitschaft der Leipziger. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024

Aber ein Faktor fällt besonders auf: „Sowohl die Engagementquote als auch die Engagementbereitschaft erhöht sich prozentual betrachtet je nach Wohlstandsniveau. Die Gruppe mit dem höchsten Wohlstandsniveau ist besonders häufig ehrenamtlich aktiv (einkommensreich: 25 Prozent) und zeigt auch eine hohe Engagementbereitschaft (35 Prozent). Die Gruppe, die aufgrund ihres geringen Einkommens als armutsgefährdet eingeschätzt wird, fällt ebenfalls mit einer überdurchschnittlichen Engagementquote (23 Prozent) und überdurchschnittlicher Engagementbereitschaft (37 Prozent) auf.“

Der wichtige Faktor soziale Kontakte

Das könnte man interpretieren, wüsste man genauer, in welchen Bereichen sich die Befragten ehrenamtlich engagieren. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man sich im Vorstand eines Sportvereins, in der Schule der Kinder oder in einem sozial tätigen Verein engagiert, ob man eher an Vereinssitzungen teilnimmt oder tatsächlich am Suppenkessel steht oder ein Sozialcafé betreut.

Und noch etwas fiel den Statistiker/-innen auf: „Unter Akademikerinnen und Akademikern ist sowohl die Engagementquote (26 Prozent) am höchsten als auch die Engagementbereitschaft hoch (37 Prozent). Studierende haben als angehende Akademikerinnen und Akademiker eine fast ebenso hohe Engagementquote (24 Prozent), mit 43 Prozent besteht in der Gruppe eine besonders hohe Engagementbereitschaft. Im Vergleich zu den meisten Berufsausbildungen ist ein Studium häufig zeitlich flexibel gestaltbar, was die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren, begünstigen dürfte.

In der Kommunalen Bürgerumfrage 2021 wurde zuletzt die Motivation des Engagements erhoben – hier gaben 47 Prozent der engagierten beziehungsweise am Engagement interessierten Studierenden an, dass ein
Kompetenznachweis der ehrenamtlichen Tätigkeit ein wichtiger Aspekt für sie ist (Amt für Statistik und Wahlen Leipzig, 2022). Es ist davon auszugehen, dass auch die Möglichkeit, sich (nachweislich) für eine mögliche bevorstehende Karriere zu qualifizieren, das hohe Engagement in der Gruppe der Studierenden begünstigt.“

Es geht ihnen also auch um den Erwerb von sozialen Kompetenzen. Was man schlicht nicht unterschätzen darf in einer Gesellschaft, in der gerade in Führungseliten bis in die Politik hinein soziale Kompetenzen echte Mangelware zu sein scheinen.

Der Faktor Anerkennung

Aber vielen Leipzigern, die sich engagieren, geht es auch um ganz persönliche Anerkennung, die der Mensch so dringend braucht wie Fürsorge und Liebe. Da geht es meistens nicht um Geld, auch wenn die Aufwandsentschädigung für das Ehrenamt für viele Betroffene wichtig ist.

Denn im Schnitt opfern die Befragten 15,7 Stunden wöchentlich für ihre ehrenamtliche Arbeit, für manche ist es mit mindestens 40 Stunden sogar ein Vollzeit-Job.

Der unterschiedliche Zeitaufwand für das ehrenamtliche Engagement. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024
Der unterschiedliche Zeitaufwand für das ehrenamtliche Engagement. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024

Aber welche Anerkennung gibt es tatsächlich? „Die Mehrheit der Leipziger Ehrenamtlichen hat bislang keine Anerkennungsleistung – sei es materiell oder ideell – für die eigene Tätigkeit erhalten. Dieser große Anteil weist darauf hin, dass die Ehrenamtlichen vor allem aus einer eigenen, intrinsischen Motivation heraus tätig sind und nicht aufgrund einer dokumentierbaren Anerkennung als Gegenleistung.

Etwa 22 Prozent erhalten pauschale finanzielle Aufwandsentschädigungen für ihre Tätigkeit, etwa als Übungsleiterin oder Übungsleiter im Sportverein. 12 Prozent gaben an, zumindest Fahrt- und Materialkosten erstattet zu bekommen, sodass neben dem zeitlichen Aufwand persönliche finanzielle Ausgaben für das Engagement vermieden werden. Ideelle Anerkennungen wie Urkunden sind weniger verbreitet (9 Prozent). Hier zeigte sich ein prozentualer Unterschied zwischen Männern (17 Prozent) und Frauen (4 Prozent).“

Dass andere Formen der Anerkennung nicht auftauchen, liegt schlichtweg am Frageschema. Sie kamen als anzukreuzende Kästchen nicht vor und verstecken sich hinter dem unförmigen Wort „intrinsisch“, das es aber nicht wirklich trifft.

Was auch darauf verweist, wie technisch eine Stadtverwaltung auf das große Feld Ehrenamt schaut und die subjektiven Motive der Menschen, die sich da in das gesellschaftliche Leben einbringen, schlicht nicht erfasst. Denn Anerkennung ist auch das Dankeschön von Menschen, denen man helfen konnte, eine erfolgreiche Jugendgruppe im Verein, sogar eine gewonnene Klage gegen die Stadt in Umweltfragen, ein gutes Schulklima oder einfach das Gefühl, geachtet und gebraucht zu werden.

Ein Gefühl, das man oft erst bekommt, wenn man sich wirklich an einem Ort engagiert, wo andere Menschen einen wahrnehmen und sehen, wie wichtig man für die gemeinsame Sache ist.

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