Arbeitslose und prekär Beschäftigte bezahlen für die deutschen Arbeitsmarktreformen mit dauerhafter Verschuldung

Für alle LeserNachdem Creditreform im November schon die aktuellen Schuldnerquoten im SchuldnerAtlas 2019 veröffentlicht hat, hat die Leipziger Niederlassung jetzt auch die Zahlen und Karten für die Region Leipzig vorgelegt. Rund 109.000 Personen über 18 Jahre gelten aktuell im Raum Leipzig als überschuldet oder weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf. Die Stadt Leipzig bleibt, trotz rückläufiger Zahlen, mit 12,81 Prozent überschuldeter Haushalte Schlusslicht im Vergleich der Kreise in der Region und Sachsen. Und das hat Gründe.

Gründe, die schnell sichtbar werden, wenn man die Verteilung der überschuldeten Haushalte nach Ortsteilen anschaut. Man kann auch die Bundesverteilung nehmen oder die im Freistaat Sachsen. Es fällt auf, dass die Regionen mit den höchsten Durchschnittseinkommen die niedrigsten Schuldnerquoten von in der Regel unter 6 Prozent haben – allen voran das stets auf seinen Vorteil bedachte Bayern.

Die hohen Schuldnerquoten über 14 Prozent findet man in den ärmeren Regionen und in jenen Ortsteilen der Großstädte, wo all jene Menschen leben, die am härtesten mit Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung zu kämpfen haben. Beides ist der Hauptgrund für Überschuldung.

Denn dazu zählen eben nicht die üblichen Raten für Haus und Auto, die gutverdienende Haushalte problemlos bedienen können. Überschuldet sind Menschen, die es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen, aus einem Schuldverhältnis herauszukommen.

Und wer die deutschen Bedingungen kennt, weiß, dass das in der Regel mit Stromschulden, Mietschulden und Schulden bei Krankenkassen beginnt, von denen etliche nicht mal ein Angebot machen, um die Schuldenlast loszuwerden. Die Betroffenen bleiben also dauerhaft in der Schuldenfalle oder müssen – weil ihr Einkommen schlicht nicht reicht, die Gläubiger zu bedienen – Privatinsolvenz anmelden.

Und das betrifft in Leipzig eben nicht die Gutverdienerhaushalte in der Südvorstadt oder im Waldstraßenviertel. Die gehören mit grünen Tönen im SchuldnerAtlas von Creditreform zu jenen Ortsteilen, wo die Schuldnerquote unter 9 Prozent liegt.

Schuldnerquoten nach Postleitzahlbezirken in Leipzig. Karte: Creditreform

Schuldnerquoten nach Postleitzahlbezirken in Leipzig. Karte: Creditreform

Das ist nicht mal vergleichbar mit jenen Ortsteilen, wo jeder fünfte Haushalt überschuldet ist. Und zwar dauerhaft. Dort kommt auch der seit ungefähr 2010 verzeichnete Einkommenszuwachs der Leipziger nicht an.

Einsame Spitze ist dabei nach wie vorher das Gebiet von Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf mit 22,75 (2018: 23,44) Prozent, gefolgt von Paunsdorf mit 20,18 Prozent (Vorjahr: 20,26) und Schönefeld, Abtnaundorf, Schönefeld-Ost mit 18,51 Prozent (2018: 19,04 Prozent).

Hohe Quoten über 14, 15, 16 und 17 Prozent findet man freilich auch in Grünau, in Wahren, Eutritzsch und Mockau.

Ähnliche Verschuldungsquoten findet man sonst nur in den abgehängten Teilen der beiden Landkreise Leipzig und Nordsachsen.

Insgesamt sind die Schuldnerquoten gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken – im Landkreis Nordsachsen von 11,28 auf 11,23 Prozent, im Landkreis Leipzig von 9,95 auf 9,93 Prozent und in Leipzig selbst von 13,17 auf 12,81 Prozent. Ein kleiner Teil der Schuldnerhaushalte hat sich wohl tatsächlich aufgrund besser bezahlter Arbeitsstellen aus dem Problem herausarbeiten können, ihre Schulden nicht mehr abtragen zu können.

Aber Überschuldung heißt eben immer noch, dass die Schuldenlast das Budget der Schuldner völlig übersteigt. Und das ist Folge und Kehrseite all jener Jubelgesänge auf die „sinkende Arbeitslosigkeit“, die seit Ende der 1990er Jahre zu einem massiven Ausbau der prekären und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnisse geführt hat. Noch immer müssen tausende Leipziger ihren mageren Lohn aufstocken, um wenigstens auf Hartz-IV-Niveau zu kommen.

Über 37.000 Leipzigerinnen und Leipziger stecken in befristeten Arbeitsverhältnissen fest.

Und dazu kommt: Die niedrigen Einkommen steigen auch in Leipzig deutlich langsamer als die hohen.

Womit Leipzig keine Ausnahme ist. Nur wird hier – ortsteilgenau – sichtbar, wer eigentlich unter den ganzen Arbeitsmarktreformen der letzten 20, 25 Jahre am meisten gelitten hat – nämlich mit Arbeitseinkommen abgespeist wurde, die keinerlei Sicherheit bieten, beim kleinsten Unglücksfall in dauerhafte Verschuldung abzustürzen und mit Schuldensummen konfrontiert zu werden, die mit den mageren Einkommen nicht abgetragen werden können.

2018 mussten noch immer 60.000 Sachsen ihren miesen Lohn beim Jobcenter aufstocken

37.500 Beschäftigte stecken in Leipzig immer noch in befristeten Arbeitsverträgen

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