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Niedrige Tarifbindung: Wie die Armutsgefährdung in Sachsen seit 2019 wieder zunimmt

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    Eigentlich ist es kein Problem oder eine Folge der Corona-Pandemie. Der Wurm war schon vorher drin. Schon 2019 stieg der Anteil der Armutsgefährdeten in Deutschland und Sachsen wieder an. Trotz gesunkener Arbeitslosenzahlen und Mindestlohn. Jenseits aller schönen Statistiken zu steigenden Löhnen und Einkommen wächst wieder der Anteil jener, die mit mageren Einkommen abgespeist werden.

    Bremen als Problemfall

    Die jüngste Statistik dazu hat wieder Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) erstellt – mit starkem Fokus auf das Bundesland Bremen, in dem sein Institut ansässig ist. Gleichzeitig hat sich ausgerechnet Bremen zum Problemfall in Sachen Armutsgefährdung entwickelt.

    Allein im letzten Jahr stieg die Armutsgefährdungsquote hier (höchstwahrscheinlich) von 24,9 auf 28,4 Prozent. Schon in den Vorjahren war Bremen das Schlusslicht, lag deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der 2019 bei 15,9 Prozent lag.

    Wie sieht es in Sachsen aus?

    Sachsen spielt in der Statistik eine durchaus zwiespältige Rolle, war 2007 auch mal das Bundesland mit der dritthöchsten Armutsgefährdungsquote – damals hinter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Ab 2015 war Sachsen dann nur noch das Bundesland mit der sechsthöchsten Armutsgefährdungsquote. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Die Daten vor 2016 und danach sind nicht 1:1 vergleichbar, betont Schröder: „Durch Effekte der Umstellung auf eine neue Stichprobe im Berichtsjahr 2016 sowie durch Sondereffekte im Kontext der Bevölkerungsentwicklung ist die Vergleichbarkeit der Mikrozensus-Ergebnisse ab dem Berichtsjahr 2016 mit den Vorjahren eingeschränkt.“

    Armutsgefährdungsquote nach Bundesländern. Grafik: BIAJ
    Armutsgefährdungsquote nach Bundesländern. Grafik: BIAJ

    Aber die Zahlen machen trotzdem sichtbar, dass nach dem ab 2012 endlich spürbar werdenden Abschmelzen der Armutsquote in Sachsen schon 2019 wieder eine Gegenbewegung einsetzte, die die Armutsgefährdungsquote erst von 16,6 auf 17,2 steigen ließ. Und auch auf Bundesebene gab es wieder einen Aufwärtstrend. Im erste Corona-Jahr verzeichnet die Statistik für Sachsen nun einen weiteren Anstieg auf 17,9 Prozent.

    Was bedeutet Armutsgefährdung eigentlich?

    Und das in einem Jahr, in dem Bundesländer wie Brandenburg, Bayern oder NRW diese Quote sogar senken konnten. Im Kopf der Tabelle wird zwar der Bundesmedian erwähnt. Aber tatsächlich verwendet Schröder den Median vor Ort: „Anteil der Personen mit einem Äquivalenzeinkommen von weniger als 60 % des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten am Ort der Hauptwohnung.“

    Das heißt: Für sächsische Armutsgefährdung zählt das sächsische Einkommensniveau, für die Bremer das in Bremen usw. Die Armutsgefährdung erfasst damit eine Bevölkerungsgruppe, die unter den konkreten örtlichen Bedingungen weniger als 60 Prozent des hier üblichen Einkommens erzielt. Die Menschen, die sich mit diesem wenigen Geld durchschlagen müssen, sind wirklich arm, auch für sächsische Maßstäbe.

    Sachsen und die Frage der Tarife

    Aber eine Rolle spielt für diese Statistik auch, wie stark die Tarifbindung im Land ist. Denn höhere Löhne werden vor allem in tarifgebundenen Branchen erkämpft. Und Sachsen liegt bei der Tarifbindung ganz hinten im Vergleich aller Bundesländer. Nur 39 Prozent der hiesigen Unternehmen haben eine Tarifbindung, wie ein Report des DGB Sachsen 2019 ergab.

    Was nach Rechnung des DGB auch bedeutet, dass Sachsen damit 1 Milliarde Euro an Steuereinnahmen entgehen und über 4 Milliarden Euro an Kaufkraft. Da macht es sich schon bemerkbar, wenn in Bundesländern wie Bayern eine hohe Tarifbindung eben auch dazu führt, dass die Durchschnittseinkommen deutlicher steigen als in (lange Zeit als „Niedriglohnland“ angepriesenem) Sachsen.

    Aber es hat auch den Effekt, dass der Einkommensmedian auch in Sachsen steigt – getrieben von den Erfolgen in den Tarifverhandlungen. Wenn sich dann aber bei den niedrigen Einkommen (fast) gar nichts tut, wächst der Anteil der Armutsgefährdeten statistisch allein deshalb, weil die oberen Einkommensgruppen davonziehen.

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      1 KOMMENTAR

      1. > Für sächsische Armutsgefährdung zählt das sächsische Einkommensniveau

        Und, wie hoch ist das sächsische Einkommensniveau nun in Euro?

        Bei derartigen Armutsberichten wird seit Jahren systematisch um diese in meinen Augen sehr naheliegende Frage herumfabuliert (nicht nur hier im Medium). Jedesmal muss man in einem Kommentar nachhaken. Als ob es verboten wäre, mal konkrete Zahlen zu nennen.

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