Was spiegeln eigentlich Umfragen? Die Frage stellt sich auch bei der neuesten Umfrage zur deutschen Wehrtüchtigkeit, die das ifo Institut für Forscher der Leipziger Universität durchgeführt hat. Immerhin ging es dabei auch um die Frage der Wehrpflicht, die wieder heiß diskutiert wird. Aber es geht auch um Ängste. Und so hat diese Umfrage ein gewaltiges Problem: Sie erinnert die Befragten gleich zu Beginn an die überall kochenden Ängste vor einem möglichen Konflikt mit Russland – und stellt dann erst die Fragen zur Wehrtüchtigkeit. So lenkt man Umfragen.
Ergebnis aus Sicht der Leipziger Forscher: „Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist angesichts des russischen Krieges gegen die Ukraine für eine Stärkung der nationalen Verteidigungsfähigkeit inklusive höherer Verteidigungsausgaben. Das ergab die gerade auf den Seiten des ifo Instituts veröffentlichte Onlineumfrage von Forschenden der Universität Leipzig und der Technischen Universität München (TUM) unter 1.095 zufällig ausgewählten Deutschen.“
Die relative Mehrheit der Befragten befürwortete zudem die Wiedereinführung der Wehrpflicht, wie Juniorprofessor Dr. Sebastian Blesse am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig sagte. Er hat die Studie gemeinsam mit Prof. Ph.D. Philipp Lergetporer von der TUM geleitet. Beide sind zugleich affiliierte Forscher am ifo Institut München.
Und dann wird es schwierig, wenn die Uni als Ergebnis meldet: „Eine deutliche Mehrheit der Befragten ist den Angaben zufolge besorgt über die Möglichkeit eines militärischen Konflikts mit Russland und fordert eine stärkere Wehrhaftigkeit Deutschlands für den Fall äußerer Bedrohungen.“
Denn genau das wurde den Befragten gleich mit Beginn der Befragung suggeriert, wie man im vom ifo Institut vorgelegten Paper liest: „Zu Beginn der Umfrage wurden die Befragten in einem kurzen Einführungstext über die geopolitische Lage sowie über die Rolle der NATO informiert.

Im Mittelpunkt der Erhebung standen folgende Fragen: Welche Sorgen hat die deutsche Bevölkerung im Hinblick auf mögliche militärische Konflikte mit Russland in naher Zukunft? Wie wichtig ist den Deutschen die Wehrhaftigkeit des Landes? Welche konkreten sicherheitspolitischen Maßnahmen finden die größte Zustimmung? Wird eine Erhöhung der Militärausgaben befürwortet – und falls ja, wie sollte die Finanzierung zusätzlicher Verteidigungsausgaben ausgestaltet sein?“
Ergebnis? Natürlich eine Bestätigung der Sorgen.
Die ohnehin schon jeden Tag über diverse Plattformen geschürt wird. Denn das ist ja ein wesentliches Ziel russischer Propaganda: Im Westen die Sorgen davor schüren, dass Russland die NATO angreifen könnte. Gleichzeitig wird dort der Überfall auf die Ukraine aus russischer Sicht gerechtfertigt. Und die Unterstützung der Ukraine wird zur Gefahr erklärt.
Übereinstimmende Meinung?
Da hilft die Umfrage in ihrem Aufbau natürlich überhaupt nicht, überhaupt erst einmal die (russischen) Narrative zu hinterfragen. Im Gegenteil: Sie werden bestätigt. Was dann wieder einen sehr erhellenden Blick auf die deutsche Politik wirft, die schon seit Jahren vor allem eine Erfüllungspolitik ist: Man starrt auf Umfragen und versucht, den Bauchgefühlen der befragten Deutschen irgendwie gerecht zu werden.
Oder mit den Worten aus dem Paper: „Ziel der Umfrage ist die Analyse, inwieweit die öffentliche Meinung mit dem aktuellen sicherheitspolitischen Handeln übereinstimmt und welche zusätzlichen Maßnahmen mehrheitsfähig wären. Nicht behandelt wird, wie Sicherheitspolitik aus wissenschaftlicher oder geopolitischer Perspektive ausgestaltet sein sollte, um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu erhöhen.“
Was das Dilemma eigentlich schon benennt: Sicherheitspolitik sollte man weder mit Bauchgefühl noch mit Stimmungen machen, sondern mit nüchterner Vernunft. Aber so wird ja auch in den Medien nicht damit umgegangen. Im Gegenteil: Die Ängste werden geschürt. Und es werden völlig abwegige Vorschläge gemacht, die die Umfrage auch noch als ernsthafte Optionen abfragt
„Es finden sich Mehrheiten in der Bevölkerung für einen personellen Ausbau der Bundeswehr, ein entschiedeneres Vorgehen gegen hybride Angriffe und eine gemeinsame europäische Armee“, erklärt Philipp Lergetporer. Und dann wird es ganz knusprig: Zur Finanzierung zusätzlicher Verteidigungsausgaben präferierten die Befragten die Umschichtung bestehender Staatsausgaben hin zu Ausgaben für Verteidigung und innere Sicherheit und weg von Sozialausgaben, meint er.
Kürzen und umschichten?
Dafür ließ das ifo Institut die Befragten an einem Regler spielen: „Sie sehen die staatlichen Bereiche, in denen der Großteil der öffentlichen Ausgaben Deutschlands getätigt wird. Wie hoch sollten die jeweiligen Ausgabenanteile Ihrer Meinung nach sein? Schieben Sie die Regler und bestimmen Sie so, wie hoch der Anteil der öffentlichen Ausgaben in den verschiedenen Bereichen sein sollte.“
Das Ergebnis ist nicht nur frappierend, sondern erschreckend. Mit den Worten aus dem ifo-Bericht: „Besonders deutlich fällt die Meinung im Bereich der ‚Sozialen Sicherung (z. B. Rentenzuschüsse, Bürgergeld)‘ aus, der derzeit mit rund 41 % den größten Anteil an den öffentlichen Ausgaben einnimmt (Eurostat 2025). Eine klare Mehrheit von 83 % der Befragten hält diesen Ausgabenblock jedoch für zu umfangreich und spricht sich für eine Reduzierung aus.“
Wen hat das ifo Institut da eigentlich befragt? Menschen, die dringend auf soziale Hilfen angewiesen sind, dürften es eher nicht gewesen sein.
„Insgesamt spiegeln die Ergebnisse einen klaren Reformwillen zur Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands wider und lassen Rückschlüsse auf mehrheitsfähige Verteidigungspolitiken in der Bevölkerung zu“, interpretiert der Finanzwissenschaftler Sebastian Blesse.
Eine ganz schwierige Interpretation. Denn Verlierer solcher „Reformen“ wären all jene, die dringend auf soziale Unterstützung angewiesen sind. Ob beim Wohngeld, bei Arbeitslosigkeit oder bei den miserablen Renten, die nicht zum Leben reichen.
Kürzen, Schuldenmachen oder Steuererhöhung?
Aber mit geschürten Ängsten macht man Politik. Das bestätigt auch die Uni Leipzig, wenn sie schreibt: „Nahezu zwei Drittel der Befragten (62 Prozent) befürchten einen militärischen Konflikt zwischen Russland und einem NATO-Mitgliedstaat. Knapp die Hälfte (42 Prozent) hat große Sorgen, dass es zu einem solchen Konflikt zwischen Deutschland und Russland auf deutschem Gebiet kommen könnte.
Die Ergebnisse bestätigten bereits bestehende Erkenntnisse, wonach die deutsche Bevölkerung seit dem russischen Angriff auf die Ukraine eine deutlich gestiegene Bedrohungswahrnehmung und höhere Verteidigungsausgaben sowie eine Stärkung der Bundeswehr unterstützt. Neu ist nach Einschätzung der Forschenden, dass die Zustimmung nicht nur abstrakt, sondern auch für konkrete sicherheitspolitische Maßnahmen erfasst wurde und klaren Prioritäten und Finanzierungsbedingungen folgt.“
Genau das unterstützt die Befragung nicht. Sie spiegelt eher all die Vorurteile, die in der aktuellen deutschen „Reformdebatte“ gerade von konservativen Politikern bedient werden. Motto: Der Sozialstaat ist zu teuer.
Dass die Befragten gar nicht nur auf „Umverteilungen“ im Staatshaushalt gesetzt haben, wird deutlich, wenn 25 Prozent eine Neuverschuldung für die steigenden Militärausgaben für machbar halten (wie es ja aktuell Beschlusslage ist) und 16 Prozent auch eine Steuererhöhung für möglich halten.
Was wird aus der Schuldenbremse?
Von „klaren Prioritäten bei den Finanzierungsbedingungen“ kann überhaupt keine Rede sein. Denn befragt wurden die Teilnehmer so: „Wie sollten etwaige Zusatzaufgaben für die Verteidigung finanziert werden?“
Da steht die Formulierung „etwaige Zusatzaufgaben“, was alles Mögliche heißen kann. Aber spannend wird es an der Stelle, weil damit tatsächlich der Umgang mit dem deutschen Staatshaushalt zum Thema wird. Und – was im ifo-Bericht ganz am Ende erwähnt wird – auch die sogenannte Schuldenbremse zur Frage wird.
Zumindest, was die Verteidigungsausgaben betrifft: „Durch eine Grundgesetzänderung kann der Bund die Verteidigungsausgaben erheblich steigern, ohne an die Schuldenbremse gebunden zu sein. Deutschland kann nun theoretisch unbegrenzt in Verteidigung, Zivilschutz, Nachrichtendienste und Cybersicherheit investieren. Inwieweit unterstützen Sie diese Gesetzesänderung?“
Genau das hat der Bundestag ja vor einem Jahr ermöglicht. Und das Ergebnis: 38 Prozent der Befragten sind dafür, 32 Prozent dagegen, 30 Prozent haben keine Meinung.
Letztlich bestätigt die Umfrage also die Bundespolitik im Umgang mit den Militärausgaben, wie sie der letzte Bundestag vor einem Jahr beschlossen hat. Nur die Ukraine wird dabei geopfert: Die Befragten sind zwar mehrheitlich für mehr Militärausgaben. Aber die Unterstützung für die Ukraine soll aus Sicht von 41 Prozent der Befragten sinken (27 Prozent sind für eine Steigerung). Da bilden sich genau die Ängste ab, die in den Social Media geschürt werden.
Aber ein Aspekt dieser Umfrage sollte der hohen Politik zu denken geben: 55 Prozent der Befragten unterstützen die Bildung einer EU-Armee, sehen die Verteidigung also als ein europäisches Gemeinschaftsprojekt. Nur 18 Prozent sprechen sich dagegen aus.
Die Analyse basiert auf einer repräsentativen, quantitativen Online-Befragung der deutschen Bevölkerung, die zwischen Juli und September 2025 durchgeführt wurde. Die Stichprobe orientiert sich an amtlichen Bevölkerungsdaten.
Veröffentlichung des ifo Instituts: „Gefahr im Verzug: Was die deutsche Bevölkerung über Russlands militärische Aggression und deutsche Sicherheitspolitik denkt“
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