Debatte um Theaterreform: Skadi Jennicke (Linke) bekennt sich zur Qualität der großen Häuser

LeserclubDie Leipziger CDU möchte Oper, Schauspiel und "Theater der Jungen Welt" zu dem kommunalen Eigenbetrieb "Städtische Bühnen der Stadt Leipzig" fusionieren lassen. Die kulturpolitische Sprecherin der Leipziger Linken, Skadi Jennicke, betrachtet die Initiative kritisch. Die Dramaturgin fürchtet im Falle einer Theaterfusion um die künstlerische Qualität der großen Häuser. Ein Interview.

Die CDU beantragt mit Verweis auf das Actori-Gutachten die Zusammenlegung der drei Theaterhäuser Oper, Schauspiel und Theater der Jungen Welt auf der Verwaltungsebene. Wie wird sich Ihre Fraktion zu dem Antrag positionieren?

Die Zusammenlegung aller drei genannten Häuser führte zu einem riesigen Tanker, der nur schwer steuerbar ist. Er wäre nicht weit entfernt vom Kulturkombinat der DDR-Zeit. Gerade das Beispiel „Theater der Jungen Welt“ zeigt doch, dass überschaubare Verwaltungsstrukturen, die nah an der Bühne operieren – den Schweiß der Probe sozusagen am Schreibtisch riechen können – letztlich viel effizienter sind.

Ich halte Kooperationen der Häuser untereinander für notwendig, sowohl untereinander als auch mit Akteuren der Freien Szene. Das wird bereits gelebt. Ich begrüße diese Öffnung sehr. Im besten Fall wirkt die Zusammenarbeit als nachhaltiger künstlerischer Impuls für alle Partner. Und was noch besser wäre: Öffnen sich die großen Häuser für die Freie Szene, partizipieren diese von den einzigartig aufeinander abgestimmten Strukturen im Ensemblebetrieb und erleben das als wertvoll und schützenswert.

Mich stört an dem CDU-Antrag weniger die Forderung nach Strukturreformen. Aber in der Wortwahl schwingt der Vorwurf mit, die großen Häuser könnten nicht mit Geld umgehen und würden es gar „versenken“. Nun hat aber das Actori-Gutachten im Ergebnis überzeugend belegt: Das Gegenteil ist der Fall.

Im deutschen Stadttheaterbetrieb gibt es seit einigen Jahren eine gefährliche Tendenz: Sie mutieren zum Durchlauferhitzer, der Innovation lieber einkauft als sie selbst zu generieren. Ständige öffentliche Infragestellung der Strukturen verstärkt diese Tendenz. Wenn uns der Ensemblegedanke als Kern des deutschen Stadttheaters wichtig ist, dann muss die Politik für Stabilität sorgen. Selbstredend ist das kein Blankoscheck für alles.

Die CDU argumentiert mit vermeintlichen oder tatsächlich vorhandenen Einsparpotenzialen und Synergieeffekten. Eine spürbare Senkung von Betriebskosten wäre allerdings nur durch Kürzung von Personalkosten zu erreichen. Halten Sie es vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Erfahrungen in der Theaterbranche für realistisch, dass mit weniger Personal in der Verwaltung dieselben künstlerischen Resultate erzielt werden können wie bei Beibehaltung der bisherigen Strukturen?

Im Ergebnis des Actori-Prozesses standen zwei Verwaltungsfusionsszenarien: Oper-Schauspiel oder Oper-Gewandhaus. Beide sparten nach erfolgter Umsetzung in etwa eine Million Euro jährlich. Daneben hatten die einzelnen Fraktionen eigene Vorschläge. Keine der Optionen war im Stadtrat mehrheitsfähig. Man darf nicht vergessen, dass ein solcher Eingriff in bestehende Strukturen immer auch immense Risiken mit sich bringt.

Aus meiner Sicht besteht sehr wohl die Gefahr, dass bei einer verwaltungsseitigen Zusammenlegung aller drei Häuser künstlerische Prozesse gehemmt und ausgebremst würden. Gleichwohl darf man sich Strukturveränderungen nicht gänzlich verschließen. Es gibt sie ohnehin. Beispielsweise arbeiten inzwischen an vielen Häusern mehr Menschen im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit als in der Dramaturgie, dort wo programmatische Denkarbeit stattfindet. Noch vor zehn Jahren war das umgekehrt. Noch nie haben feste Häuser so viele partizipative Projekte angeboten wie heute. Auch das ist eine Reaktion auf das veränderte Bedürfnis des Publikums. Kurzum, auf den strukturellen Innovationsdruck reagieren die Häuser von selbst. Das darf und sollte Politik gestaltend begleiten, auch mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit. Aber nicht mit der Brechstange.

Kann sich Leipzig aus Ihrer Sicht qualitätvolle Hochkultur überhaupt noch leisten oder ist es an der Zeit, dass Leipzig kulturell in die dritte Reihe zurücktritt?

Dass Leipzig im Moment als lebenswerte, attraktive und aufregende Stadt wahrgenommen wird, hat ganz zentral mit der in ihr gelebten Kultur zu tun. Daran haben neben der vielfältigen freien Szene, den Museen, der Kreativwirtschaft, die vier großen Häuser ihren gehörigen Anteil. Wir als Linke bekennen uns zu dieser Qualität.

Welche Auswirkungen hätte dies für das Renommé und die Anziehungskraft der Stadt?

Denken wir das Szenario des CDU-Antrages zu Ende: Ein solch riesiger Apparat würde mittelfristig bedeuten, dass einzelne Sparten aufgegeben werden. Zumindest belegen das alle Fusionserfahrungen im deutschsprachigen Raum. Das wäre ein fatales Signal nach außen.

Wir feiern 1.000 Jahre Leipzig unter dem Motto „Wir sind Leipzig“. Jeder redet von der Attraktivität dieser Stadt. Täglich ziehen Menschen nach Leipzig, weil sie von der aktuellen Aufbruchsstimmung angezogen werden. Andere bleiben, auch wenn hier nicht das große Geld zu verdienen ist. Dieser Trend wurzelt ganz zentral in der kulturellen Lebendigkeit unserer Stadt. Das werden wir nicht aufs Spiel setzen.

Das Interview erschien am 6. Juni in der Ausgabe 02/2015 der LEIPZIGER ZEITUNG.

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