Das war wirklich ein starkes Stück, und auch Leipzigs Verwaltung bringt es recht selten fertig, auf einen Antrag aus der Ratsversammlung mit einem eigenen Standpunkt erst nach drei Jahren zu reagieren. So passierte es einem Antrag der Grünen-Fraktion vom April 2023: „Temporäres und mobiles Stadtgrün ermöglichen“.

Denn wie wichtig ein bisschen kühlendes Grün im Stadtgebiet ist, das weiß auch Leipzigs Verwaltung nicht erst nach der Hitzewelle der letzten Tage, das weiß sie schon seit dem Hitzesommer 2018. Am 1. Juli kam der Grünen-Antrag endlich in die Ratsversammlung.

In seiner Rede ging der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Dr. Tobias Peter, freilich auch auf ein Problem ein, das sich seit 2018 weiter verschärft hat. Denn der Stadtrat hat zwar eine Netto-Null-Versiegelung für das Stadtgebiet bis 2030 beschlossen.

Aber – man denke nur an das jetzt von der Rodung bedrohte Capa-Wäldchen – die Stadt hält sich nicht an die Zielvorgaben. Im Gegenteil, so Tobias Peter: Seit 2018 hat Leipzig nach eigener Zählung – trotz der Neubepflanzung mehrerer Straßen – 15.000 Bäume verloren.

Teils durch Verlust durch Trockenheit, meist aber durch neue Bauprojekte, für die begrünte Stadtgrundstücke komplett gerodet wurden. Insgesamnt, so Peter, rund 8 Quadratkilometer Grün, das im Stadtgebiet verloren ging und damit in Hitzwellen auch nicht mehr kühlen kann.

Die Versiegelung der Stadt hat sich allein in diesem Zeitraum von 29 auf 31 Prozent erhöht. Und das sorgt natürlich dafür, dass sich im dicht bebauten Stadtgebiet die Hitze staut – so wie in der letzten Zeit, als Leipzig zwölf Tage am Stück Temperaturen über 35 Grad Celsius erlebte und Tropennächte mit bis zu 29 Grad.

Als die Temperaturen dann gar Richtung 40 Grad stiegen, legte es ja bekanntlich das komplette Straßenbahnnetz der LVB lahm, weil die Fugenmasse an den Gleisen schmolz.

Und auch das hat nun einmal mit fehlendem Schatten und fehlendem Grün zu tun. Leipzig aber tut sich unheimlich schwer, wirklich zu lernen, wie man das Stadtgebiet in den absehbar häufiger kommenden Hitzewellen kühlen kann.

Mehr Pflanzkübel aufs Pflaster

2023 machten die Grünen den Vorschlag, mehr mit temporärem Grün zu arbeiten, wo an eine sofortige Pflanzung von Bäumen nicht gedacht werden kann. Aber die Verwaltung benötigte tatsächlich drei Jahre, um sich zu diesem eigentlich simplen Antrag zu positionieren.

Am 1. Juli lag der Verwaltungsstandpunkt dann endlich vor und bestätigte das Anliegen der Grünen-Fraktion vollkommen. Warum es drei Jahre brauchte, wird schon in der zentralen Formulierung deutlich:

„Die Ratsversammlung nimmt zur Kenntnis, dass die Koordinierung und Umsetzung temporärer und mobiler Stadtbegrünung im öffentlichen Raum im Rahmen der vorhandenen personellen Ressourcen und des bestehenden Budgets des Amtes für Stadtgrün und Gewässer vorgenommen wird.“

Denn vorher waren die Verantwortlichkeiten nicht nur über mehrere Ämter, sondern auch mehrere Dezernate verteilt. Da dauert es ganz offensichtlich, bis die einen bereit sind, Kompetenzen abzugeben, und die anderen die Koordinierung auf die Reihe bekommen.

Die zugehörige Sondernutzungssatzung, die das Aufstellen von Bänken und Pflanzkübeln erleichtert, wurde sogar 2023 schon geändert. Da halfen auch die Erfahrungen aus der Corona-Zeit, in der etliche Parkbuchten auf diese Weise in – begrünte – Freisitze verwandelt wurden.

Aber das Amt für Stadtgrün und Gewässer stellt auch berechtigtermaßen fest, dass echte Baumpflanzungen eigentlich Priorität haben müssen, damit Straßen und Plätze dauerhaft verschattet werden:

„Die Stadt Leipzig verfolgt mit dem 2019 beschlossenen Straßenbaumkonzept Leipzig 2030 weiterhin vorrangig das Ziel, dauerhafte, bodengebundene Begrünung im öffentlichen Raum systematisch auszubauen. Erdgebundene Vegetation bildet aufgrund ihrer Durchwurzelbarkeit, Wasseraufnahmefähigkeit und langfristigen CO₂-Bindung das Rückgrat einer klimaresilienten und wassersensiblen Stadtentwicklung.

Temporäre und mobile Begrünung kann diese Zielsetzung ergänzen. Kübelbepflanzungen und mobile Elemente ersetzen keine dauerhafte grün-blaue Infrastruktur, können jedoch als niedrigschwelliger, flexibler Baustein zur Belebung und Erprobung von Standorten beitragen. Sie ermöglichen es, Begrünung in stark versiegelten oder perspektivisch umzubauenden Räumen kurzfristig sichtbar und erlebbar zu machen.“

Vorsichtig schon mal ausprobiert

Und das wurde ja auch schon in einigen Straßen ausprobiert, wo eine sofortige Baumpflanzung nicht möglich war: „In Leipzig wurden entsprechende Ansätze bereits umgesetzt und weiterentwickelt:

• Gottschedstraße (2022): Temporäre Kübelbepflanzung zur Aufwertung des Straßenraumes mit perspektivischer Ergänzung und Erweiterung im Jahr 2025.
• Liviaplatz (2022): Temporäre Begrünungselemente im öffentlichen Raum; eine funktionale und gestalterische Weiterentwicklung der Anlage (Herbst 2025 / Frühjahr 2026).
• Mobiles Grünes Zimmer (Sommer 2025): Einsatz als flexibles Kommunikations- und Aufenthaltsmodul zur Sensibilisierung für Stadtbegrünung und Klimaanpassung.“

Aber auch diese Projekte zeigen, dass temporäres Grün immer nur eine zeitweilige Lösung sein kann, dass die Verwaltung viel mehr Augenmerk auf Entsiegelung und die Pflanzung dauerhaften Grüns legen muss. Aber da tut sie sich nach wie vor schwer.

Da jetzt zumindest geklärt ist, wer für temporäres Grün zuständig ist, zog Tobias Peter den Grünen-Antrag von 2023 zurück. Auch wenn sein Kommentar zur – verfehlten – Netto-Null-Versiegelung ahnen lässt, dass dieser zähe Kampf mit einer eigenwilligen Verwaltung noch nicht zu Ende ist.

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