25.4 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Sperrung Markkleberger/Störmthaler See: Ein Kanal, auf Kippengrund gebaut

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    Am Freitag, 26. März, hatten LMBV und Landkreis Leipzig kurzfristig ins Rathaus von Markkleeberg eingeladen, um darüber zu informieren, dass der Markkleeberger und der Störmthaler See derzeit für den Allgemeingebrauch gesperrt sind. Risse und Erosionserscheinungen am Böschungssystem des Kanals zwischen Störmthaler und Markkleeberger See nahe der Kanuparkschleuse hatten den Bergbausanierer LMBV alarmiert.

    Die LMBV hatte als verantwortlicher Bergbausanierer bei ihrer regulären Überwachung Schäden und Rissbildungen am Böschungssystem des Kanals zwischen Störmthaler und Markkleeberger See nahe der Kanuparkschleuse festgestellt und dies dem Sächsischen Oberbergamt sowie der Landesdirektion Sachsen förmlich angezeigt sowie den Landkreis Leipzig informiert.

    Die LMBV hat zudem Sofortmaßnahmen veranlasst, um Gefahren für die geotechnische Sicherheit auszuschließen. Auch sollen als weitere Sicherungsmaßnahme Querbauwerke oberhalb und unterhalb des Schleusenbauwerkes in den Kanal eingebaut werden.

    Seennutzung bis 31. Mai untersagt

    Wegen dieser baulichen Maßnahmen im Bereich des Störmthaler Kanals und der Gefährdungslage sieht sich der Landkreis Leipzig in der Pflicht, die Nutzung der Gewässer Störmthaler See, Störmthaler Kanal und Markkleeberger See ab sofort zeitlich befristet bis zum Ablauf des 31. Mai 2021 zu untersagen, erklärte das Landratsamt.

    Die Untersagung der Gewässernutzung betrifft sämtliche Bootsnutzungen, Baden, Tauchen, Angeln vom Boot aus sowie Wassersportaktivitäten und ist zwingend geboten, um eine Gefahr für Leib und Leben auszuschließen.

    Instabiler Grund in Bergbaufolgelandschaften

    Einige Zeitungen überschlugen sich ja dann gleich mal in Katastrophenmeldungen und malten als Szenario große Erdrutsche wie in der jüngeren Vergangenheit am Concordiasee bei Nachterstedt oder am Knappensee an die Wand.

    Es konnte zwar in beiden Fällen nicht abschließend geklärt werden, was nun konkret Auslöser der Erdrutsche war. Aber beide Ereignisse erinnerten daran, dass die Bergbaufolgelandschaft alles andere ist als eine stabile geologische Formation, in der man dann einfach wieder Straßen, Häuser, Brücken und Kanäle bauen kann.

    Das ist im Leipziger Südraum nicht anders, auch wenn die kühnen Pläne der Steuerungsgruppe Leipziger Neuseenland über Jahre den falschen Eindruck erweckt haben, dass man genau das könne und mit neuen touristischen Attraktionen die geschundene Landschaft zum wassertouristischen Reiseziel machen könnte.

    Doch die Warnungen kamen dann eher vom Bergbausanierer LMBV, der ja auch die Seen in der Lausitz betreut und weiß, auf welch schwierigem Untergrund hier gebaut wird. Weshalb es auch die LMBV war, die die kühnen Pläne für den Harthkanal, der künftig Zwenkauer See und Cospudener See verbinden soll, letztlich kassiert und durch neue, deutlich teurere Pläne ersetzt hat, angefangen mit der 10-Millionen-Euro teuren Baugrundverdichtung, die im Grunde so teuer wurde wie das eigentlich geplante Kanalprojekt.

    Zumindest die Insider wurden da schon hellhörig, denn dieser Kanal soll ja genauso wie der Kanal zwischen Störmthaler See und Markkleeberger See auf altem Kippenboden gebaut werden. Der aber ist von Natur aus weder stabil noch belastbar, weil es nun einmal nur lose verkippter Abraum aus dem Tagebau ist.

    Die Standfestigkeit musste erst durch aufwendige Baugrundverdichtungen hergestellt werden. Und der Baugrund musste auch wesentlich stabiler werden als etwa für den Bau der Autobahn 38, die das Kippengelände ja quert, weil der zu betonierende Kanal samt den Schleusentoren mehrere tausend Tonnen Last auf das Gelände legen wird. Eine Last, die stark genug ist, den weichen Grund zu verschieben.

    Wobei ja mittlerweile ein zweiter Bauschritt der LMBV von sich reden macht: Der Bau einer stabilen, ebenfalls Millionen Euro teuren Sperrwand, die verhindern soll, dass der Zwenkauer  See bei Hochwasser ins Gelände drückt und gar zum Cospudener See durchbricht.

    Die Kosten für das gesamte Harthkanal-Projekt werden sich, wenn alles gebaut sein wird, verzehnfacht haben gegenüber den ersten Planungsansätzen.

    Vorläufiges Aus für den Störmthaler Kanal

    Beides wurde beim Störmthaler See, der schon 2014 für die Nutzung freigegeben wurde, nicht gemacht, obwohl auch die Landzunge zwischen Störmthaler See und Markkleeberger See eine Förderbrückenkippe ist, zusätzlich aufgeschüttet 2006 beim Bau der A 38.

    Und diese Versäumnisse könnten jetzt Folgen haben. Denn was bei den Untersuchungen durch die LMBV sichtbar wurde, erzählt eigentlich davon, dass hier ein schwerer Kanalbau auf einen nach wie vor sehr weichen Untergrund gesetzt wurde. Und dieser Untergrund arbeitet, wie die entsprechende Allgemeinverfügung des Landkreises Leipzig genauer erläutert.

    Störmthaler Kanal mit angrenzenden Seen 2019 (Quelle: LMBV)
    Störmthaler Kanal mit angrenzenden Seen 2019 (Quelle: LMBV)

    In der Allgemeinverfügung heißt es: „Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) informierte am 18.03.2021 den Landrat des Landkreises Leipzig und weitere betroffene Behörden und Träger öffentlicher Belange, dass es zu einer Gefahrenlage an der Kanuparkschleuse im Störmthaler Kanal gekommen ist. Bereits am 17.03.2021 wurde das Sächsische Oberbergamt informiert. Diese Erkenntnisse stützen sich auf zwei Sachverständigengutachten vom 03.03.2021 und vom 04.03.2021.

    Es wurden kritische Böschungsdeformationen an den Seitenböschungen des Unteren Vorhafens und hydraulisch bedingte Grenzzustände am Erdkörper um das Absperrbauwerk Kanuparkschleuse infolge aktiver Prozesse der inneren Erosion festgestellt. Diese Instabilitäten betreffen die örtliche Standsicherheit und die Gesamtstandsicherheit der Seitenböschungen des Kanals.“

    Aber während die ersten Meldungen so klangen, als ginge es wirklich nur um die Böschungen am Kanal, haben die Fachgutachter durchaus eine größere Besorgnis geäußert: „Seitens der Sachverständigen wird angenommen, dass sich die räumliche Ausdehnung der an den Seitenböschungen sichtbaren Prozesse mit hoher Wahrscheinlichkeit auch unter der Stahlbeton-Fundamentplatte der Schleuse fortsetzt.“

    Was eben bedeutet: Der gesamte Untergrund unter der Schleuse ist nicht stabil genug. Wenn der aber in Bewegung gerät, könnte die Schleuse auch als Sperrbauwerk ausfallen. Was bedeutet: Das Wasser aus dem vier Meter höheren Störmthaler See könnte sich ungebremst in den Markkleeberger See ergießen, der selbst nur einen ungenügenden Abfluss hat. Ein Problem, an dem die LMBV ja auch schon seit Jahren tüftelt.

    „Da die Kanuparkschleuse die einzige hydraulische Barriere zwischen Störmthaler See und Markkleeberger See darstellt, existiert keine redundante Möglichkeit im Versagensfall der Schleuse den Wasserabfluss aus dem Störmthaler See in den Markkleeberger See zu stoppen“, heißt es in der Allgemeinverfügung.

    „Insgesamt wird eingeschätzt, dass diese Prozesse umgehend durch Sicherungsmaßnahmen gestoppt und im Anschluss durch weitere Maßnahmen dauerhaft gestoppt und rückgängig gemacht werden müssen. Gelingt dies nicht innerhalb kürzester Zeit, besteht die Gefahr, dass die Schleuse ihre Absperrfunktion zwischen den beiden Seen verliert und es in der Folge zu einem unkontrollierten Durchbruch des oberhalb gelegenen Störmthaler Sees zum unterhalb gelegenen Markkleeberger See kommt, in dessen Folge weitreichende Überschwemmungen in den Stadtgebieten von Markkleeberg und auch von Leipzig zu erwarten wären. Dabei kann es insbesondere im Markkleeberger See zu einer Spülwirkung mit starkem Wellenaufbau kommen. Alle Nutzer auf dem See wären in solch einem Fall stark gefährdet.“

    Die Gefahr besteht also nicht durch eine Hangrutschung wie in Nachterstedt, sondern durch ein Versagen der Schleuse.

    Ob die LMBV das Problem durch ihre Ad-hoc-Maßnahmen bis Mai in den Griff bekommt, ist da eher fraglich.

    In der Allgemeinverfügung heißt es: „Durch den geotechnischen Sachverständigen wird auch auf mögliche Instabilitäten der Böschungen an den Ufern und in den Randbereichen des Störmthaler Sees infolge des schnellen Absenkens des Wasserspiegels um bis zu 4 m hingewiesen. Weiterhin kann es bei einem plötzlichen Versagen der Absperrfunktion der Kanuparkschleuse zu starken Sogwirkungen im Störmthaler See kommen, die wiederum eine Gefahr für Seenutzer (Personen, Boote, Taucher etc.) darstellt. Insgesamt ist davon auszugehen, dass bei einem Verlust der Absperrfunktion des Schleusenbauwerkes Gefahr für Leib und Leben tausender Bürger entstehen würde. Zudem wäre das materielle Schadenspotential mit mehreren Millionen Euro zu beziffern.“

    Also bleiben beide Seen bis zum 31. Mai vorerst für die Allgemeinnutzung komplett gesperrt. Wann und ob die Kanalschleuse wieder in Betrieb gehen kann, ist völlig offen. Das Landratsamt teilt dazu mit: „Über die Querbauwerke oberhalb und unterhalb der Schleuse wird ab dem 29.03.2021 eine temporäre Sicherung geschaffen, sodass nachfolgende Untersuchungen und Maßnahmen risikolos vorbereiten werden können. Aktuell ist davon auszugehen, dass die temporäre Sicherung Ende Mai abgeschlossen ist, sodass zwar nicht die Schleuse selbst, aber dann wieder die Seen genutzt werden können. Möglicherweise ist auch mit zeitweiligen Einschränkungen an den vorhandenen parallel verlaufenden Wirtschaftswegen entlang des Störmthaler Kanals zu rechnen.“

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      2 KOMMENTARE

      1. Weitergehend zu J. sei die Frage an die Erbauer/Projektanten/Zulasser der A38 (Südumfahrung Leipzig) gerichtet: Ja worauf haben Sie die Autobahn mit den vielen Brückenbauwerken denn gegründet?
        War dafür urplötzlich im Autobahnbett eine geologische Anomalie vorhanden, die keine Gefahren für das Autobahnprojekt erwarten ließen?
        Mir wird ganz schwummerig.
        Warum nur fällt mir jetzt die Ostseeautobahn A20 ein, bei der vor geraumer Zeit ein langes Teilstück regelrecht vom Erdboden verschluckt worden ist?

      2. Ich frage mich, ob wir (also wir Menschen so im Allgemeinen) überhaupt wissen, was wir eigentlich tun und ob wir die Folgen unseres Tuns überhaupt abschätzen können? Das Thema wird uns sicher noch auf Jahre begleiten und die Gesellschaft noch gewiß weitere Millionen kosten… vielleicht war das alles doch keine gute Idee, die Seen miteinander zu vernetzen? Das Leipziger Neuseenland – ein Millionengrab für lange Zeit…

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige