17.2 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Neuseenland: Eröffnet das Loch in der Tagebaufinanzierung jetzt endlich den Weg zur naturnahen Seenentwicklung?

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Die Stimmung am Störmthaler und Markkleeberger See ist angespannt. In den letzten Wochen ereilten gleich zwei bedenkliche Neuigkeiten die Gemeinden Großpösna und Markkleeberg, die man durchaus als Hiobsbotschaften für die Entwicklung an den Seen bezeichnen könnte.

    Zum einen hatte die Bergbausaniererin, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), eine dringliche Gefahrensituation an der Kanuparkschleuse zwischen Störmthaler und Markkleeberger See bekannt gegeben. Deren mittel- bis langfristige Auswirkungen sind noch kaum absehbar. Welche Maßnahmen überhaupt notwendig sind, soll nach einer vorläufigen Zusatzsicherung geprüft werden. Die ungeplanten Mehrkosten werden voraussichtlich im zweistelligen Millionenbereich liegen.

    Zum anderen hat das Land Sachsen im Doppelhaushalt 2021/22 ohnehin weniger Mittel für die Bergbausanierung eingeplant, als sich die neuseenländer Entscheidungsträger erhofft haben. Nach Angaben der LVZ und dem Regionalen Planungsverband Leipzig-Westsachsen hat die LMBV für 57 laufende Maßnahmen ab 2021 einen Projektträgerauftrag und grünes Licht vom Regionalen Sanierungsbeirat. Mit den im sächsischen Haushalt bereitgestellten Mitteln sei aber nur für eine dieser Maßnahmen die Finanzierung bis zum Abschluss gesichert.

    Zu den Hintergründen dieses Missverhältnisses werden dabei keine Angaben gemacht. Einerseits erscheinen die vorgesehenen Mittel mit 6,4 Millionen Euro für 2021 in der Tat eher gering, andererseits ist die Wunschliste der Neuseenländer mit 57 Baustellen auch sehr lang. Schaut man sich diese Liste inhaltlich genauer an, wird sich mancher fragen, ob in der aktuellen Krisensituation mit ihren finanziellen Auswirkungen derart großvolumige Kür-Vorhaben angemessen sind.

    Neue Wege für den Störmthaler See

    Die Gemeinde Großpösna hatte im letzten Jahr mehrere derartige Vorhaben angestoßen. Unmittelbar von dem Finanzierungsloch ist dabei jetzt das Sondergebiet Erholung ‚Östlich Grunaer Bucht‘ am Südufer des Störmthaler Sees betroffen. Die geplanten Vorhaben werden jedoch schon seit Längerem zwischen einer Bürgerinitiative und der Verwaltung kontrovers diskutiert.

    Ungeachtet dessen hat die Gemeindeverwaltung Großpösna kürzlich Tatsachen im Eilverfahren geschaffen. Am 15.03.2021 legte die Bürgermeisterin ihren Gemeinderäten den Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan ‚Östlich Grunaer Bucht‘ vor. Die Mehrheit stimmte der Beschlussvorlage trotz dürftiger Informationslage zu.

    Eine nicht unerhebliche Anzahl von Anwohnern und Seenutzern sehen die positive Naturentwicklung sowie das Naturerlebnis durch die geplanten Vorhaben gefährdet und setzen sich gegen eine überdimensionierte Bebauung und gegen eine Öffnung für den motorisierten Individualverkehr ein.

    „Östlich Grunaer Bucht“ – ein wertvolles Biotop der Tagebaufolgelandschaft

    Häufig wird von Seeentwicklern argumentiert, dass die ehemaligen Tagebauflächen doch keine richtige Natur seien. Dies ist jedoch ein großer Trugschluss. Zum Thema veröffentlichte die Sielmann-Stiftung im Jahr 2019 das beeindruckende Buch „Expedition Artenvielfalt“. In diesem Buch zeigt der Naturschutzbeauftragte der Sielmann-Stiftung Dr. Hannes Petrischak, wie sich die jahrelang übernutzen Landschaften zu erstklassigen ökologischen Nischen für das Überleben von seltenen Tier- und Pflanzenarten entwickeln.

    Bei dem umstrittenen Areal „Östlich Grunaer Bucht“ handelt es sich um so eine wahre Schatzkammer der Artenvielfalt. Hier finden sich spezielle Ökosysteme der Tagebaufolgelandschaft: Ruderalflächen mit tertiären Sanden, Abbruchkanten, Trockenrasen und der größte zusammenhängende Schilfgürtel am See. Daneben finden sich Sukzessions- und Heckenareale, Streuobstwiesen sowie Waldflächen in Entwicklung. Das Gebiet ist über einen überregionalen Grünzug mit dem Oberholz und mit der Grimmaer Mulde verbunden. Im betroffenen Gebiet haben sich bereits streng geschützte Arten wie Uferschwalbe, Waldkauz, Schwarzkehlchen und Braunkehlchen wieder angesiedelt.

    Das Gebiet stellt damit eine wertvolle Grundlage für biologische Vielfalt und fundamentale Ökosystemleistungen dar. Aktuell noch agrartechnisch genutzte Anteile weisen ein hohes Entwicklungspotential auf und bieten die Möglichkeit, naturtouristische und umweltpädagogische Angebote vor Ort zu etablieren.

    Überdimensionierte Vorhabenplanung unter Nutzung öffentlicher Mittel

    Obwohl für das Gelände ‚Östlich Grunaer Bucht‘ immer wieder konkurrierende Nutzungsambitionen sichtbar wurden, verfolgt die Gemeindeverwaltung ausschließlich ihr eigenes Konzept mit der Errichtung eines überregionalen Strandbades, eines Inklusionsbetriebes als Tourismusdestination für Menschen mit besonderen Bedarfen sowie eines universitären Wassersportzentrums.

    Die Umsetzung der Vorhaben soll mit umfangreichen infrastrukturellen Erschließungsmaßnahmen durch die gesetzlich verpflichtete Bergbausaniererin LMBV vorbereitet werden. Das bedeutet, über sogenannte §4-Massnahmen wird mit öffentlichen Mitteln eine touristische Basisinfrastruktur nach dem Sanierungsbergbau geschaffen.

    Seit Jahren weisen Anwohner und Seenutzer auf die Überdimensionierung sowie mangelnde Natur- und Umweltsensibilität in der Planung hin. Für die Uferzone sind langstreckige Eingriffe zur Errichtung des Strandbades und des universitären Wassersportzentrums vorgesehen. Der Campinglatz und weitere Bebauung in Zusammenhang mit dem Inklusionsbetrieb wären auf einer 10 Hektar großen Fläche wenige hundert Meter von der Uferkante gelegen.

    Problematisch, das dazwischenliegende Gelände ist durch eine steile Böschung charakterisiert. Diese wäre nur mit erheblichen Aufwendungen erschließbar. Beides, Uferzone und Böschungsbereich, soll unter Verwendung öffentlicher Mittel im Rahmen der Paragraph-4-Maßnahmen umfassend infrastrukturell erschlossen werden.

    Gute Voraussetzungen für Inklusionscampingplatz auf der Magdeborner Halbinsel

    Der Aufwand für diese infrastrukturell anspruchsvollen Vorhaben wäre sicher vertretbar, gäbe es keine Alternative am Störmthaler See. Doch diese alternativen Flächen gibt es auf der in unmittelbarer Nähe gelegenen Magdeborner Halbinsel. Dort wurden mehr als 60 Hektar Fläche genau für derartige Vorhaben bereits vollwertig erschlossen und warten auf ihren Sinn und Bestimmung.

    Die Flächen sind attraktiv gelegen, es besteht auf kurzen Wegen Zugang zu annähernd 4 km abwechslungsreichem Seeufer mit Strandarealen, Hafenpromenade und Naturzonen. Es ist daher unverständlich, warum in Zeiten von Klimakrise, Artensterben und Corona-Pandemie öffentliche Mittel für die Zerstörung wertvoller Ökosysteme herhalten sollen, während bestehende Alternativen ungenutzt bleiben.

    Naturerlebnis, Biotop- und Artenschutz als nachhaltige Alternative für ‚Östlich Grunaer Bucht‘

    Stattdessen könnten, unter Aufwendung deutlich geringerer Mittel, fokussiert Ziele der globalen Nachhaltigkeitsagenda verfolgt werden. Mit Biotop- und Artenschutz, Umweltbildung, Empowerment durch bürgerliches Engagement sowie individuelle Angebote zur körperlichen und seelischen Gesunderhaltung sind vielfältige Aktionsfelder auch ohne aufwendige Erschließungsmaßnahmen umsetzbar.

    Diese Ausrichtung wäre insbesondere durch eine repräsentative Bürgerumfrage zum Leipziger Neuseenland 2014 gestützt. Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass die Bedürfnisse Naturbelassenheit sowie eine naturnahe und sanfte Entwicklung des Störmthaler Sees den größten Zuspruch in der Bevölkerung erhalten. Darüber hinaus fand die erwähnte Petition ‚Andere Wege am Störmthaler See gehen – Kein Wegebau für KFZ!“, welche genau das Areal „Östlich Grunaer Bucht“ betrifft, tausende Unterstützer.

    Die lokale Naturinitiative entwickelte bereits 2018 eine alternative Vorhabenskizze mit deutlich geringerer Invasivität für den Naturraum. Der Beitrag wurde vom Deutschen Naturschutzring, dem Dachverband aller deutschen Natur- und Umweltverbände, als Vorzeigeinitiative im deutschen Nachhaltigkeitsbericht 2018 aufgenommen, verblieb jedoch von lokalen Entscheidungsträgern unbeachtet und erhielt im Gegensatz zu den anderen „Leuchtturmprojekten“ keine planerische Unterstützung.

    Aussichtsreiche Projekte entspringen nicht zwangsläufig und ausschließlich aus einer administrativen Planung. Die Geheime Welt von Turisede (ehemals Kulturinsel Einsiedel), das Burgbauprojekt von Guédelon (Frankreich) oder das Hofgut Hopfenburg sind gute Beispiele, wie kleinere private Initiativen zu Vorreitern einer nachhaltigen Tourismuskultur wurden.

    Vielleicht lohnt es sich wenigstens in Zeiten knapper Kassen, die authentischen Ideen einer lokalen Naturinitiative aufzunehmen und in entsprechenden Entscheidungsgremien als Alternative zu diskutieren. Warum soll eine ähnlich positive Entwicklung nicht auch im Leipziger Neuseenland gelingen? Dazu bedarf es jedoch auch einer administrativen Akzeptanz und Unterstützung.

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      1 KOMMENTAR

      1. Zum Verständnis.
        Die LMBV regelt die Wiederherstellung und Nutzung der u.a. Tagebaugebiete. Finanziert wird sie durch das BMF; Sachsen zahlt wohl nur 25% der Grundsanierungskosten.
        Wieso muss man nun auf Geld aus dem Doppelhaushalt hoffen, wenn doch die LMBV einen Auftrag hierfür besitzt?

        Allerdings bin ich froh, dass für unökologische und größenwahnsinnige Extrawünsche á la Großpösna nun erst mal weniger Geld im Topf ist. Offensichtlich muss jede Kommune hier einen eigenen Touristenpark installieren. Sinnfreie Leuchttürme.

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige