Nicht nur in Leipzig kämpfen Initiativen wie die Gedenkstätte Zwangsarbeit darum, dass auch die Orte, an denen in der NS-Zeit Menschen zur Zwangsarbeit gepresst wurden, erhalten bleiben und nicht einfach aus dem Stadtbild verschwinden – aus den Augen, aus dem Sinn. Ein Vergessen, das manchmal auch von Kommunalbetrieben gedankenlos betrieben wird. So wie in Taucha, wo jetzt der SAfT e. V. gegen den Abriss eines als Ärztehaus genutzten Gebäudes kämpft.

Bereits am 13. Oktober veröffentlichte der in Taucha heimische SAfT e. V. die erste Version eines Offenen Briefes für den Erhalt des aktuell als Ärztehaus genutzten Gebäudes in Taucha. Der etwa 1940/41 errichtete Klinkerbau in der Graßdorfer Straße 13 ist vom Abriss bedroht, da der städtische Unternehmensverband WOTa für ein noch zu errichtendes moderneres Ärztehaus Parkplätze schaffen will.

Bis zum 17. Dezember läuft aktuell das öffentliche Beteiligungsverfahren für den Bebauungsplan.

„Dieser erzwingt formal nicht den Abriss, gibt aber angesichts der fortgeschrittenen Pläne für die zukünftige Bebauung eine gewisse Richtung vor“, erläutert Klaus-Dieter Jacob von SAfT e. V.

Das Ziel von SAfT e. V. ist der Erhalt der historischen Bausubstanz. Aktuell steht das Gebäude nicht unter Denkmalschutz. Eine Begehung der zuständigen Denkmalschutzbehörde wurde aber für Dezember angekündigt.

Zwangsarbeit auch bei der HASAG in Taucha

Nach aktuellem Stand der Forschung von Dr. Martin Clemens Winter, der zur Geschichte der HASAG forscht, handelte es sich bei dem ehemaligen HASAG-Gebäude in der Graßdorfer Straße 13 nicht um das zentrale Verwaltungsgebäude des Tauchaer HASAG-Werkes, wie zunächst angenommen wurde. Historische Pläne und anderer Quellen legen nahe, dass es sich um die Betriebsküche und das „Gefolgschaftshaus“ des Betriebes handelte.

In Taucha beschäftigte die HASAG tausende Zwangsarbeiter/-innen, darunter Kriegsgefangene, sogenannte „zivile Zwangsarbeiter/-innen“ und KZ-Inhaftierte aus dem Tauchaer Außenlager des KZ-Buchenwald in der Rüstungsproduktion.

Der Offenen Brief zum Erhalt des Gebäudes hat der Verein jetzt überarbeitet und an die neuen Erkenntnisse entsprechend angepasst.

Der Offene Brief.

Im Offenen Brief von SAfT e. V. wird die historische Bedeutung des Gebäudes betont, dort heißt es nun: „Es ist ein Ort, an dem die nationalsozialistische Vergemeinschaftung der Arbeiter/-innen aufgrund antisemitischer und rassistischer Kategorisierungen praktiziert wurde. Auf einem historischen Foto ist zu sehen, dass an der Gebäudefassade des ehemaligen ‚Gefolgschaftshauses‘ die Parole ‚Durch totalen Arbeitseinsatz zum totalen Sieg über den Bolschewismus‘ auf einem Schild angebracht war. Auch dies spricht für eine zentrale, auch ideologische Funktion des Gebäudes im Kontext des gesamten Tauchaer HASAG-Werkes.“

Dieser authentische Ort muss nach Ansicht der Aktiven von SAfT e.V. erhalten bleiben und Teil des lokalen Gedenkens und Erinnerns an die Verbrechen und Opfer des Nationalsozialismus werden.

Klaus-Dieter Jacob, Vorstand von SAfT e.V., freut sich über die zahlreichen Unterzeichner/-innen, die in kurzer Zeit für die öffentliche Unterstützung des Offenen Briefes gewonnen werden konnten: „Wir freuen uns sehr, dass neben vielen Initiativen aus Sachsen, welche sich selbst mit dem lokalen Gedenken und Erinnern an die nationalsozialistische Vergangenheit beschäftigen, auch der Heimatverein Taucha e.V. und die Klima-Initiative Taucha unser Anliegen teilen.“

Des Weiteren unterstützen auch verschiedene Professor/-innen aus dem Bereich Architektur und Denkmalpflege den Offenen Brief sowie der Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain und Prof. Dr. Jens-Christian Wagner von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Enttäuscht zeigen sich die Initiator/-innen darüber, dass es bislang keine öffentliche Reaktion aus der Tauchaer Stadtverwaltung und der lokalen Politik gab.

Auch aus ökologischen Gründen: Erhalt vor Neubau

Auch aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen hält die Initiative den Abriss eines intakten Gebäudes für nicht tragbar. Sollte es zukünftig ein Nutzungskonzept für das Gebäude brauchen, will SAfT e. V. gemeinsam mit lokalen Partner/-innen einen festen Ort für Soziokultur, zivilgesellschaftliche Initiativen und Vereine etablieren. So ein Ort wurde im Januar 2020 veröffentlichten im Positionspapier „Ein solidarisches und demokratisches Gemeinwesen gestalten“ vom Runden Tisch Taucha gefordert.

Den Offenen Brief sowie eine Liste aller Initiativen und Einzelpersonen, die ihn öffentlich unterstützen, findet man auch auf der Homepage des Saft e. V.

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