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Trainer Miroslav Jagatic hat mit seiner BSG Chemie noch viel vor: „Entweder richtig oder gar nicht!“

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 82, seit 28. August im HandelDa staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. Nach zwei Spieltagen der neuen Saison hält die Tabelle der Regionalliga Nordost einige Überraschungen bereit. Denn während Aufstiegskandidaten wie Energie Cottbus oder auch der BFC Dynamo mit null Punkten einen klassischen Fehlstart hinlegten, ließ z. B. der Bischofswerdaer FV, der letztes Spieljahr wohl nur durch den Saisonabbruch einem Abstieg entgangen ist, mit zwei Siegen zum Auftakt aufhorchen.

    Doch ganz oben auf Platz 1 steht aktuell (*) eine Leipziger Mannschaft. Und auch das ist eine dicke Überraschung, denn es ist nicht Vorjahressieger Lok sondern die BSG Chemie. Die Grün-Weißen besiegten den BFC sowie Tennis Borussia jeweils mit 3:1.

    „Mit den beiden Siegen hat keiner gerechnet, aber wir sind bodenständig und bleiben immer auf dem Teppich“, kommentiert Chemie-Trainer Miroslav Jagatic gegenüber der LEIPZIGER ZEITUNG (LZ) diesen Traumstart. „Aber wir haben darauf hingearbeitet. Es hat funktioniert, und wir müssen jetzt diesen Schwung mitnehmen, damit es auch weiterhin funktioniert. Wir sollten nicht auf andere Vereine schauen, wir müssen auf uns schauen. Deshalb interessiert mich die Tabelle auch nicht. Wir müssen jedes Spiel gleich angehen und unsere Punkte holen. Das wird hart genug. Wir haben jetzt sechs Punkte geholt für den Klassenerhalt – und nichts anderes zählt. Die anderen Vereine werden natürlich ihre Scouts rausschicken, werden uns analysieren. Deshalb musst du jetzt diese Überraschungsmomente mitnehmen.“

    Jagatic hatte die BSG Chemie Anfang 2019 als Trainer übernommen, hat diese erst in die Regionalliga geführt und dort den Klassenerhalt geschafft. Während dieser Zeit pendelte der Berliner ständig zwischen der Hauptstadt und Leipzig hin und her. Das hat sich nun geändert, denn der 44-Jährige ist mit seiner Frau und den vier Kindern in diesem Sommer komplett nach Leipzig umgezogen. „Die Überzeugung hat den Ausschlag gegeben“, erklärt Jagatic diesen Schritt. „Ich bin überzeugt vom Verein und davon, was man hier erreichen kann. Das ganze Umfeld hat gepasst, und ich habe hier viele Freunde. Deshalb haben wir diesen Schritt gewagt. So habe ich jetzt nicht mehr diese langen Wege und bin schneller an der Mannschaft dran.“

    Chemie-Trainer Miroslav Jagatic. Foto: Jan Kaefer
    Chemie-Trainer Miroslav Jagatic. Foto: Jan Kaefer

    Zudem symbolisiere dieser Umzug einen seiner Grundsätze: „Ich denke: Entweder richtig oder gar nicht! Wir wollen das hier richtig und mit vollem Elan angehen. Es ist mir eine Herzenssache geworden, ich identifiziere mich mit dem Verein. Es passt alles. Wenn man sieht, wie die Leute in Aufsichtsrat, Vorstand und alle Ehrenamtlichen im Hintergrund hier rudern, möchte man einfach mitwirken. Ich denke, dass sehr viel Potenzial vorhanden ist und man hier in der Zukunft etwas aufbauen kann.“

    Als im Frühjahr coronabedingt der vorzeitige Saisonabbruch diskutiert wurde, standen die Grün-Weißen bereits sicher über dem Strich, der den Klassenerhalt bedeutet. „Aus sportlicher Sicht haben wir uns daher keine Gedanken machen müssen“, so Jagatic. „Egal, was für eine Regelung getroffen worden wäre, wir wären in der Klasse geblieben. Dementsprechend waren wir relativ entspannt. Es ging nur darum, wann wir endlich planen können und wie die Sponsoren mit aus dieser Krise herauskommen. Dann kam die große Spendenaktion unserer Fans. So sind wir alle am Leben geblieben, und wir konnten wieder planen.“ Ein positiver Nebeneffekt dieser langen sportlichen Zwangspause war es allerdings, dass für die Kaderplanung diesmal mehr Zeit zur Verfügung stand als sonst üblich.

    „Als klar war, dass es diesmal mehr Spiele werden, wussten wir, du brauchst auch etwas in der Breite. Wir haben 20 Mannschaften in der Liga und müssen nun sehen, wie wir die Zeit gut überstehen. Viele unserer Spieler sind berufstätig oder studieren. Daher ist unsere Kadergröße praktisch genau so geblieben wie vorher. Für jeden Spieler, bei dem klar war, dass es bei uns nicht weitergeht, mussten wir uns punktuell und zielgerichtet verstärken. Das haben wir getan, und ich glaube, das ist das richtige Zeichen, denn die Saison wird lang und jeder Spieler wird gebraucht.“ Unter anderem im neuen Chemie-Team dabei sind mit Stephane Mvibudulu und Pascal Pannier auch zwei Akteure, die im letzten Jahr noch für den 1. FC Lok auf dem Platz standen.

    „Die Gemeinschaft ist für uns sehr wichtig. Deshalb haben wir explizit darauf geschaut, dass die Jungs nicht nur Fußball spielen können, sondern auch vom Charakter her passen“, beschreibt Miroslav Jagatic seine Auswahlkriterien für die Kaderzusammenstellung. „Wir hätten auch andere Spieler haben können, die uns von der Qualität her weiter nach vorne gebracht hätten, aber die haben leider vom Charakter her nicht zu uns gepasst. Das ist wie in einer Beziehung, manchmal passt es, und manchmal passt es nicht. Entweder du gibst richtig Gas oder lässt es sein. Wenn du nur mit halber Kraft ankommst, werden wir unsere Ziele hier nicht erreichen. Ich sage immer: Wir müssen in jedem Spiel alles raushauen, was an dem Tag machbar ist.“

    Dass er trotz des positiven Saisonstarts mit seinen Leutzschern auch diesmal vor allem um den Klassenerhalt spielt, ist dem Coach klar. Aber bei allem, was er tut, geht sein Blick auch über den Saison-Tellerrand hinaus. „Wir haben in die Zukunft investiert, und das sollte auch der Weg sein“, ist Jagatic überzeugt. „Wir wollen nicht nur ein, zwei Saisons weit denken. Man sieht, dass es mehr und mehr zu jungen Spielern hingeht, die aber Schritt für Schritt an die Regionalliga herangeführt werden müssen.

    Diese Zeit werden sie hier im Verein auch bekommen. In zwei, drei Jahren hat die Mannschaft vielleicht ein neues Gesicht und Chemie Leipzig ist nicht mehr aus der Regionalliga wegzudenken. Dann hätte man vielleicht fünf, sechs, sieben Jahre Ruhe, weil man eben noch junge Spieler hat. Dann kann man sich auf gewissen Positionen mit zwei, drei Leuten verstärken und weiterhin diesen Teamspirit aufrechterhalten.“

    Doch es geht nicht nur darum, dass sich die Spieler weiterentwickeln. Coach Jagatic nimmt diese Aufbruchsstimmung im gesamten Verein wahr. „Wir entwickeln uns hier alle behutsam Schritt für Schritt. Man hat aus der Vergangenheit gelernt. Wir stecken unsere Köpfe zusammen, jeder gibt dem anderen Tipps, und mittlerweile fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen. So muss es auch sein. Keine übertriebenen Sachen, wir werden nicht über unsere Verhältnisse leben. Du bemerkst einfach auch dieses gesunde Vereinsleben. Da sind wir alle auf Augenhöhe. Es gibt keinen, der abhebt oder den anderen nicht beachtet. Einer ist für den anderen da. Wenn du Ideen hast, die gerade nicht machbar sind, arbeiten wir darauf hin, wann und wie wir sie realisieren können.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 82, Ausgabe August 2020. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 82, Ausgabe August 2020. Foto: Screen LZ

    Das ist eine ganz wichtige Kommunikation, die zwischen uns allen herrscht. Ich hoffe, dass wir auch weiterhin so arbeiten können und alle an einem Strang ziehen.“ Dieses gemeinsame Streben, so der Traum von Miroslav Jagatic, soll die BSG Chemie perspektivisch auch wieder in höhere Sphären führen: „Wir sind zwar immer noch ein Amateurverein, aber es wird immer professioneller und entwickelt sich immer mehr. Klar wird es in der Zukunft auch Situationen geben, wo es holpert. Aber wichtig ist, dass man in ein paar Jahren gewisse Ziele erreicht. Es ist zwar noch in weiter Ferne, aber ich würde mich freuen, wenn der Verein in sechs oder sieben Jahren in der 3. Liga spielt.“

    Am Sprung in diese 3. Liga ist der 1. FC Lok gerade erst denkbar knapp gescheitert. Daher stehen auch für diese Saison wieder zwei spannende Ortsderbys an. Auf der Trainerbank der Probstheidaer wird dabei ein alter Bekannter von Miroslav Jagatic sitzen. „Ich kenne Almedin Civa aus Berliner Zeiten sehr gut. Er war ein guter Fußballer, und ich weiß, dass er ein sehr guter Trainer ist. Wir haben Respekt voreinander, und so sollte es auch sein. Unsere Wurzeln sind beide in Bosnien-Herzegowina, und wir wissen, wie der jeweils andere tickt. Er will gewinnen, und ich will gewinnen.

    Von mir wird es nie eine Provokation gegenüber Lok geben, weil sich das einfach nicht gehört. Alleine schon aus dem gegenseitigen sportlichen Respekt dem Trainer und dem Vorstand gegenüber. Außerdem habe ich auch eine Vorbildfunktion gegenüber unseren Kindern. Die Wahrheit liegt immer auf dem Platz und nirgendwo anders!“ Starke Worte, die nicht dick genug unterstrichen werden können. Bis es zum ersten Derby kommt, gehen aber noch ein paar Monate ins Land. Die Begegnung ist am vorletzten Spieltag der Hinrunde aktuell auf den 13. Dezember datiert.

    (*) Anmerkung der Redaktion: Zum Zeitpunkt der Online-Veröffentlichung waren bereits vier Regionalliga-Spieltage vorbei. Die BSG Chemie hat auf die beiden erwähnten Auftaktsiege nun gegen Hertha BSC II (1:1) und beim SV Lichtenberg (0:0) zwei Unentschieden folgen lassen und liegt aktuell (4. September) mit 8 Punkten auf dem 4. Tabellenplatz.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 82: Große Anspannung und Bewegte Bürger

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