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„Ich hatte Platzangst und Luftnot unterm Helm.“ Anne Lobenstein kämpft nach Corona-Erkrankung noch immer mit den Folgen

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    Anne Lobenstein ist 25 Jahre jung und von Kindesbeinen an sportlich aktiv. Als ambitionierte Kugelstoßerin war sie bei der SG Motor Gohlis-Nord erfolgreich und wechselte im Jahr 2013 zum Bobsport. Dort wurde sie schnell Teil des Nationalkaders und absolvierte am vergangenen Wochenende in St. Moritz (Schweiz) bereits ihre dritte Junioren-Weltmeisterschaft. Zudem ist sie beruflich als Landespolizistin tätig. Es darf bei ihr daher getrost von einem überdurchschnittlich hohen Fitnesszustand und einem robusten Immunsystem ausgegangen werden.

    Das Thema Corona hat auch Lobenstein nie unterschätzt, doch dass diese Krankheit plötzlich so nachhaltig an ihr selbst rütteln würde, hätte die Leistungssportlerin dann doch nicht für möglich gehalten.„Wir haben fahrerisch einen großen Sprung gemacht und hatten uns daher von der Saison viel erhofft“, blickt Anne Lobenstein im Interview mit der „Leipziger Zeitung (LZ)“ auf den Beginn ihres Wettkampfjahres zurück. Am 6. Dezember stieg sie mit ihrem Zweierbob beim ersten Europa-Cup-Rennen in Winterberg mit einem 7. Platz ein. Danach ging die Reise nach Lettland, wo in Sigulda am 19. Dezember der zweite Europa-Cup auf dem Programm stand.

    Eigentlich wollte die deutsche Nationalmannschaft zehn Tage vor Ort sein – doch diesem Plan machte Corona einen Strich durch die Rechnung. Denn als durch das deutsche Gesundheitsamt bekannt wurde, dass sich im Team eine Kontaktperson 1 befand, trat der deutsche Bob-Tross nach nur fünf Tagen in Lettland geschlossen die Heimreise an. „Das war rückblickend die absolut richtige Entscheidung“, sagt Lobenstein, bei der sich wenig später erste Symptome bemerkbar machten. „Ich war dann einen Tag wieder zurück in Deutschland und da ging es auch bei mir los.“

    „Das Thema Corona hatten wir natürlich immer im Hinterkopf. Aber ich habe gedacht, ich bin jung und sportlich – und falls ich es mal kriege, wird es eher wie eine Grippe werden“, gesteht die jetzige Oberhoferin. Nun war sie tatsächlich selbst betroffen, und wie sich die Krankheit bei ihr bemerkbar machte, beschreibt Lobenstein folgendermaßen:

    „Es hat bei mir mit Husten angefangen, ging dann weiter mit ein paar Tagen hohem Fieber. Ich habe nichts mehr gerochen und nichts mehr geschmeckt. Ich lag eigentlich nur noch im Bett – habe mich von Sofa zu Bett geschleppt und wieder zurück. Dazu kam, dass ich ganz schwer Luft gekriegt habe. Es ging also quasi gar nichts. Da ist mir auf meinem Sofa bewusst geworden, warum das viele ältere Leute vielleicht nicht überleben.“

    Mental zusätzlich belastend war, dass die 25-Jährige die Feiertage nicht wie erhofft im Kreise ihrer Familie verbringen konnte. „Weihnachten und Silvester habe ich krank und alleine in Quarantäne verbracht. Aber glücklicherweise haben meine Familie und Freunde mich mit Essen und natürlich Geschenken versorgt und sie mir vor der Haustür abgestellt.“

    Die neue „Leipziger Zeitung (LZ)“, VÖ 29.01.2021

    Doch selbst als die akuten Krankheitssymptome schließlich abgeklungen waren, ging das Leben für die Bobpilotin längst noch nicht so weiter wie zuvor. „Als ich nach der Quarantäne langsam wieder raus durfte, war für mich auch wirklich nicht mehr als ein Spaziergang möglich. Denn schon dabei war mein Puls im Cardio-Bereich. Ich habe auch bis heute noch sehr mit der Luft zu kämpfen. Wenn ich z. B. wie hier (St. Moritz / d. Red.) in den Bergen ein bisschen spazieren gehe oder zur Bahn laufe, muss ich viele Pausen einbauen. Das finde ich erstaunlich, weil ich ja doch ein junger Mensch bin, der davon ausgeht, fitter zu sein als der Durchschnitt der Gesellschaft.“

    Am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig hat Anne Lobenstein dann eine Nachuntersuchung durchführen lassen. „Grundsätzlich passte das schon alles“, sagt sie, „aber man sah auch die Auswirkungen des Coronavirus – vor allem in der Lungenkapazität. Da wir auch in den letzten Jahren schon Lungentests gemacht hatten, hatten wir diese Werte jetzt zum Vergleich zur Verfügung. Es kam dabei heraus, dass ich an der Grenze dessen bin, was man als sporttauglich bewertet. Ich war vorher bei rund 120 Prozent Lungenkapazität und bin jetzt bei knapp 80 Prozent! Das ist schon erschreckend.“

    Dennoch versuchte sich Lobenstein, wieder auf ihren Sport zu konzentrieren. Nachdem sie krankheitsbedingt noch auf den dritten Europa-Cup am 8. Januar in Altenberg verzichten musste, wagte sie eine Woche später zum vierten EC ihr Comeback. „Ich bin in Innsbruck wieder eingestiegen und dort Zweite geworden. Aufgrund dieser Situation habe ich entschieden, dass ich es bei der Junioren-WM versuchen werde. Wir haben dann von Tag zu Tag geschaut, ob es gesundheitlich geht, mit der Höhenluft und weil die Nachwirkungen von der Corona-Infektion noch enorm waren.“ Der Austragungsort St. Moritz liegt auf einer Höhe von über 1.800 Metern. Da wird die Luft beim Sporttreiben schon merklich dünner, was besonders angegriffene Atemwege vor große Herausforderungen stellt.

    „Die Ärzte und Physiotherapeuten haben mir sehr dabei geholfen, dass alle Muskulaturstränge und das Zwerchfell offen bleiben, damit ich einigermaßen atmen konnte. Wir hatten auch immer einen Arzt dabei, vor allem im Zielbereich“, beschreibt die Bobpilotin die getroffenen Maßnahmen – und ist nicht nur dafür dankbar. „Auch meine beiden Bremserinnen, die ich in den letzten beiden Wochen dabei hatte, haben mir wirklich sehr viel Arbeit abgenommen und mich wahnsinnig unterstützt. Davor habe ich großen Respekt. Es war für mich auch eine komische Situation, weil ich sonst sehr viel mache – und jetzt mal bewusst Sachen abgeben zu müssen, fiel mir gar nicht so leicht. Aber es ging nicht anders.“

    Unter den gegebenen Umständen war der bei dieser JWM erzielte 6. Platz wirklich respektabel – denn die Höhenluft machte ihr mächtig zu schaffen: „Ich hatte beim Bobfahren manchmal so eine Art Platzangst und Luftnot unterm Helm. Vor allem am Anfang, wo die Höhenluft neu dazukam, wollte ich mir manchmal den Helm einfach vom Kopf reißen. Wir haben aber gut gekämpft und das Beste herausgeholt. Vor allem waren wir froh, dass wir überhaupt starten konnten.“

    Ob Anne Lobenstein in dieser Saison noch bei der Deutschen Junioren-Meisterschaft in Winterberg (14.02.) und dem Europa-Cup am Königssee (21.02.) startet, wird kurzfristig entschieden werden müssen. Sie hofft, sich bald „aus dem tiefen Corona-Tal“ herausgekämpft zu haben, um dann in der nächsten Saison wieder richtig anzugreifen. Für die dann 26-Jährige beginnt damit auch ein neuer sportlicher Abschnitt, denn die Juniorinnen-Zeit ist dann vorbei und sie geht bei den „Erwachsenen“ an den Start, wo sie zunächst weiter reifen und sich im Schatten der großen Namen weiterentwickeln will.

    „Ich hatte Platzangst und Luftnot unterm Helm. – Anne Lobenstein kämpft nach Corona-Erkrankung noch immer mit den Folgen“ erschien erstmals am 29. Januar 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 87 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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