Beliebt, belächelt und bislang unbebaut: Hat es das gallische 60-Seelen-karlhelga-Dorf mitten im Stadtteil Plagwitz trotz der Verdrängungsversuche von CG-Cäsar geschafft? Darüber wollen wir berichten – mit einem kleinen Rückblick, einem Update zur aktuellen Situation und einem Ausblick auf das Jahr 2026.

Seit über fünf Jahren befindet sich der karlhelga-Wagenplatz im Spannungsfeld zwischen Spekulation und Gemeinwohl. Zunächst erschien der Erhalt des Freiraums aussichtslos. Das David-gegen-Goliath-Gefühl gipfelte in der Einschätzung der Immobiliengesellschaft CG, der Geländewert habe sich innerhalb nur eines Jahres nach Erwerb um das Zehnfache auf 10 bis 11 Millionen Euro gesteigert.

Doch dank breiter Unterstützung aus Nachbarschaft, Kultur, Handwerk, Naturschutz und in Zusammenarbeit mit der Stadtpolitik gelang es bis heute, den Freiraum zu erhalten – für zahlreiche Veranstaltungen sowie als Wohnraum für Mensch und Natur.

Die gute Vernetzung und breite Solidarität zeigten Wirkung: Die Kampagne rund um karlhelga brachte 2023 die bis heute erfolgreichste Online-Petition Leipzigs hervor. Mit der Forderung nach einer Anpassung an den Klimanotstand wurde als entscheidendes Ergebnis ein fairer Aufstellungsbeschluss im Stadtrat erreicht.

Dieser setzt eine Einigung zwischen Nutzer*innen, Stadtklima und Eigentümer für jegliche Bauvorhaben auf der Fläche voraus. Ein Novum – denn damit müssen soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte gleichwertig berücksichtigt werden, ganz im Sinne resilienter, zukunftsfähiger Stadtentwicklung.

Ein weiterer Erfolg auf dem Weg in Richtung Einigung mittels Kooperationsprozess und Dialogen war das Baumgutachten für die über 700 schützenswerten Bäume auf der Fläche, laut Leipziger Baumschutzgesetz.

Im Oktober letzten Jahres erwähnte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) den Wagenplatz mit seinen geschützten Arten als wichtiges Biotopmosaik und bekräftigt damit einmal mehr, wie wichtig urbane Biodiversität und Artenschutz für das Klima und damit für die Lebensqualität sind.

2024 reichte der gemeinnützige karlhelga-Verein als nächsten Schritt im Verhandlungsprozess ein Kaufangebot ein. Außerdem wurde mit dem Sammeln von Direktkrediten zur Finanzierung begonnen, um die Fläche zurückzukaufen und damit den Freiraum langfristig für alle zu sichern.

Die Situation ist aktuell besonders brisant: Seit der Insolvenz der CG laufen komplexe Gläubigerverhandlungen, bei denen es um Millionenbeträge geht. Karlhelga ist Teil eines größeren Spekulationskomplexes. Damit gewinnt der Fall über Leipzig hinaus an Bedeutung und wirft die Frage auf, wie mit Grund und Boden in Zeiten von Klima- und Wohnraumkrise umgegangen wird.

Anders gefragt: Wie lange duldet die Bevölkerung neoliberale Praktiken, durch welche einige Wenige auf Kosten der Mehrheit Profit machen, während die Verluste geteilt werden?

Wobei die freie Markt- und Finanzwirtschaft, ja qua ihrer Definition frei von menschlichem Gewissen sowie regional-sozial oder ökologischer Verantwortung ist. Gewinne nicht nur der Aktiengeschäfte im Immobilienbereich werden privatisiert, während die Kommune die Auswirkungen trägt.

Selbst wenn Menschen verdrängt, entmietet oder wohnungslos werden, gilt hierzulande der Schutz von Eigentum mehr als ein sicheres Zuhause für jeden und wird sogar noch öffentlich finanziert.

Karlhelga ist dabei weit mehr als ein Wohnort. Der Wagenplatz ist ein lebendiger Freiraum für das Viertel mit ehrenamtlicher Kulturarbeit, Konzerten, Proberäumen, „Essen für alle“ sowie einem gelebten ökologischen und sozialen Experimentierfeld.

Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen, Berufen und Herkünften erproben hier gemeinsam nachhaltige Lösungen und prüfen sie auf ihre Zukunftsfähigkeit.

Das Jahr 2026 zeichnet sich als Zielgerade ab, mit dem klaren Ziel, die Fläche Ende des Jahres zurückzukaufen und den Freiraum dauerhaft für alle zu sichern. Dafür werden weiterhin Spenden und Direktkredite benötigt. Mittlerweile liegen Zusagen vom großen BewohnerInnen- und Unterstützernetzwerk in Millionenhöhe vor.

Wer etwas Geld auf dem Konto liegen hat und sich vorstellen kann, eine Summe X für einen bestimmten Zeitraum zu leihen, kann dazu beitragen, ein Stück Stadt vor weiterer Spekulation zu bewahren.

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