Am 23. März 2026 war es wieder so weit: Es war Protesttag der Apotheken. Auch in Leipzig standen an einigen Apotheken Menschen vor verschlossenen Türen, in anderen Apotheken wurde zwar gearbeitet, aber auf den Protest aufmerksam gemacht. So auch in der Apotheke am Ratzelbogen in Leipzig-Grünau: Dort waren zwei der drei Kassenplätze mit Flatterband abgesperrt. Die Patienten wurden nur an einem Platz bedient. Das sollte auf die Probleme hinweisen, die nicht immer zu Schließungen, aber vielleicht zu Einschränkungen führen können.
Bereits im November 2023 kontaktierte ich die damalige Inhaberin Friederike Müller und Dr. Kathrin Quellmalz vom Sächsischen Apothekerverband und schrieb über deren Schilderungen der Probleme in der Apothekenbranche. Was lag also näher, als erneut in der Apotheke am Ratzelbogen nachzufragen? Friederike Müller ist im wohlverdienten Ruhestand, und seit 2025 hat Carlos Karmauß die Apotheke übernommen. Er war zu einem Gespräch bereit.
Herr Karmauß, vielen Dank für Ihre Gesprächsbereitschaft. Sie haben die Apotheke am Ratzelbogen im Juli 2025 übernommen. Da erhebt sich die Frage: Wenn ein junger Mensch wie Sie eine Apotheke übernimmt, dann kann es mit dem Apothekensterben nicht so schlimm sein – oder täuscht das?
Ich fange mal so an: Ich glaube an die Apotheke vor Ort und bin ein absoluter Verfechter der kleinen bis großen Apotheken und vor allen Dingen der apothekergeführten Apotheken in Deutschland. Sonst hätte ich mich nicht selbstständig gemacht. Aktuell, glaube ich, sind die Gründe fürs Apothekensterben letztlich politische Entscheidungen und Versprechungen, die nicht gehalten oder immer weiter nach hinten verschoben werden. Dass mich das nicht davon abgehalten hat, mich selbstständig zu machen, liegt zum einen daran: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Zum anderen habe ich eine Apotheke gefunden, bei der ich gesagt habe, ich sehe Potenzial. Ich vertraue darauf, dass ich mit dem Team in die Zukunft gehen kann und wir uns auch in diesen politisch unsicheren Zeiten ein stabiles Standbein schaffen können. Viele Apotheker, gerade auf dem Land, haben leider dieses Glück nicht und suchen teilweise händeringend nach Menschen, die diese übernehmen würden. Bedauerlicherweise findet sich oft niemand, weil es sich finanziell einfach nicht mehr rentiert – beispielsweise durch das Fixum, welches immer noch nicht erhöht wurde.
Sie haben ja meinen Artikel von 2023 gelesen. Wenn man den jetzigen Protestaufruf liest, dann entsteht der Eindruck, es hätte sich kaum etwas geändert seitdem. Ist das so der Fall?
Es hat sich insofern etwas verbessert, was die Nullretaxationen angeht. Also wir laufen nicht mehr ganz so schnell Gefahr, gar kein Geld für Medikamente zu bekommen. Was sich nicht geändert hat, ist immer noch das Fixum. Das beträgt immer noch 8,35 Euro, die wir auf den Apothekeneinkaufspreis draufschlagen, um unsere Kosten zu decken und noch einen Gewinn zu erwirtschaften. Was man, glaube ich, auch nicht vergessen darf, ist, dass die Ministerin jetzt sagt, wir sollen neue Aufgaben übernehmen. Wir sollen noch mehr impfen, wir sollen noch mehr Leistungen anbieten und dergleichen. Das ist alles schön und gut, aber erst einmal muss ich ja mit meinen beiden Beinen auf den Boden kommen. Und erst, wenn die Apotheke einen stabilen Stand hat und Geld für Investitionen da ist, dann kann man sagen: Okay, ich baue etwas zusätzlich auf. Es ist schön, wenn ich immer mehr anbieten darf, aber ich muss auch Kapazitäten haben, das zu tun. Durch die aktuelle Gestaltung des Arzneimittelpreises und auch durch die Bürokratie, die uns immer noch maßgeblich verfolgt, ist es für einige Apotheken nicht umsetzbar.

Nur, damit man es richtig versteht: Das Fixum von 8,35 Euro pro Packung wurde seit 2014 nicht erhöht, obwohl die Personalkosten, Energiepreise, Mieten und anderes in dieser Zeit teils extrem gestiegen sind?
2013 wurde es das letzte Mal angepasst, da wurde es um ganze 25 Cent erhöht. Seitdem ist es stagnierend. Es ist ja nun mal so, dass wir einen Großteil des Umsatzes mit verschreibungspflichtigen Medikamenten machen, und da ist der Preis unveränderlich. Wir sind an die gesetzlichen Gegebenheiten gebunden. Man kann nichts aufschlagen, keinen Rabatt geben oder Ähnliches. Wir müssen diesen Preis nehmen und davon natürlich sämtliche Kosten bezahlen, die in den letzten Jahren maßgeblich gestiegen sind – letztlich auch die Mitarbeiter, die einen fairen Lohn verdienen.
Sie sollen immer mehr tun. Zur Corona-Zeit sollten Sie testen, jetzt sollen Sie gegen Corona und Grippe impfen. Sie sollen Blutdruck messen und andere für Apotheken untypische Leistungen erbringen. Gerade beim Impfen – es darf ja nicht jeder impfen – brauchen Sie dafür qualifiziertes Personal. Wird denn der erhöhte Aufwand wenigstens entsprechend vergütet?
Wenn ich Impfungen anbiete, brauche ich einen Raum, den ich entsprechend behördlichen Anforderungen einrichten muss, beispielsweise mit einer Liege für den Patienten. Das ist bei unseren räumlichen Gegebenheiten schon schwierig. Impfen dürfen nur Apotheker. Das heißt, ich muss einen Apotheker abstellen. Der muss eine Fortbildung machen, damit ich das überhaupt anbieten und abrechnen kann. Wenn ich rechne: Ich brauche einen Raum, ich muss den Apotheker für die Zeit bezahlen, in der er in diesem Raum steht – dann ist es am Ende eine Milchmädchenrechnung. Es müssten so und so viele Patienten kommen, damit es sich überhaupt lohnt, das zu machen.
Gerade bei diesen pharmazeutischen Dienstleistungen ist es allgemein problematisch: Bewerbe ich die Leistungen öffentlich stark, brauche ich auch mehr Personal und Zeit. Ich habe aber aktuell nicht so viel Zeit und nicht so viel Personal. Das heißt: Ich kann es nicht bewerben – aber dann rechnet es sich auch nicht. Es gab vor kurzem eine Studie, die zu dem ernüchternden Ergebnis kam, dass es meist nur mit Glück kostendeckend ist und ganz oft ein Geschäft ist, bei dem man noch zubuttern muss.
Es gibt in der Branche, nach meiner Kenntnis, zwei bedenkliche Entwicklungen. Das ist zum einen der Aufkauf von Apotheken durch Investoren, damit verbunden eine Bildung von Ketten, zum anderen die Versandapotheken. Wie sehen Sie das?
Die Ketten, das ist in der Regel ein Franchise, also es ist immer noch ein eigenständiger Apotheker dahinter. Über die Kette laufen der Name, die Werbung und dergleichen. Er bleibt aber in seiner Entscheidung Einzelkaufmann. Ich finde diese Ketten insofern nicht so schlimm, wenn sie den eigentlichen Grund für die Existenz von Apotheken, nämlich vor allem die Beratungspflicht und den Umstand, dass Medikamente nicht in der Drogerie verkauft werden, berücksichtigen.
Beim Versandhandel stört mich, dass die Beratung fehlt, was bei den Online-Shops nun mal der Fall ist. Wie meine Vorgängerin Frau Müller schon vor über zwei Jahren sagte: Wenn bei der Online-Apotheke etwas nicht lieferbar ist, dann ist es nicht lieferbar. Ich vor Ort kann gucken, ich kann mich kümmern, ich kann schauen. Ich habe tatsächlich relativ viele Patienten, die hierher kommen, sich beraten lassen, teilweise wirklich 10, 20 Minuten einen meiner Mitarbeiter beschäftigen – um danach online zu kaufen. Das finde ich sehr frech. Man braucht die Vor-Ort-Apotheke immer dann, wenn man nicht weiß, was man braucht. Gibt es vielleicht andere, bessere Produkte? Diese Beratung bietet eine Online-Apotheke einfach nicht.
Nochmal zum Apotheker-Protest. Was sind die grundlegenden Forderungen der Apotheker?
Zum einen natürlich das schon anfangs besprochene Fixum. Das muss von 8,35 Euro auf 9,50 Euro hochgesetzt werden. Das ist auch im Koalitionsvertrag festgeschrieben, allerdings warten wir seitdem darauf, dass Gesundheitsministerin Warken das ändert beziehungsweise einbringt. Bis jetzt hieß es immer: kein Geld.
Punkt 2 ist: Es gibt seit Dezember letzten Jahres den Apotheken-Reform-Entwurf, der jetzt durch die Gremien geht. Dort ist die Rede davon, dass PTAs Apotheker vertreten dürfen. Da bin auch ich aus mehreren Gründen vehement dagegen. Nicht, dass ich meinen pharmazeutisch-technischen Assistenten nicht vertraue, sondern es ist eine Frage der Haftung, des Gehalts und der Kompetenz. Ich als Apotheker habe ein vierjähriges Studium gemacht und habe drei Staatsexamina abgelegt – das war nicht aus Jux und Dollerei. Nur so lernt man das Fach von der Pike auf. Deswegen hat ein Apotheker ein höheres Gehalt als eine pharmazeutisch-technische Assistentin und auch eine andere Art der Haftung. Wenn eine PTA ganz allein dasteht, stellt sich mir die Frage, wie sie dann vergütet werden soll. Zweitens: Wer übernimmt die Haftung, wenn etwas schiefgeht? Was ist, wenn Fragen aufkommen, die sie einfach nicht beantworten kann, weil sie das nicht gelernt hat, weil das nur im Studium behandelt wird? Will ich das wirklich meinen PTAs antun? Das ist auch die Stellung von ABDA und des Bundesverbandes PTA (BVpta).
Wenn ich es richtig sehe, wäre das für Sie quasi so ein Missbrauch der PTAs. Man würde ihnen die Verantwortung, die Haftung aufbürden, für die sie gar nicht ausgebildet sind und bezahlt werden. Ist es also letztlich einfach nur ein Kostensparen?
Genau. Und der dritte Punkt, warum wir protestieren, ist natürlich, dass die Politik endlich erkennt, dass das Apothekensterben immer weiter voranschreitet und gerade im ländlichen Raum dringend etwas getan werden muss, um es aufzuhalten.
Sehen Sie dort einen Zusammenhang mit dem bekannten Sterben der Hausarztpraxen? Wenn die Menschen in die Kreisstadt zum Arzt müssen, dann ist für mich anzunehmen, dass sie dann auch gleich dort ihre Medikamente holen.
Ja, und außerdem – was man auch auf dem Land nicht vergessen darf –: Die Leute werden älter. Das betrifft nicht nur die Patienten, das betrifft auch das Personal. Und auf dem Land dann neue Leute zu gewinnen, die bereit sind, dort zu arbeiten oder dorthin zu ziehen, ist schwierig. Wenn die Apotheke dann nicht genug Geld in der Kasse hat, um neues Personal anzuziehen – also um zu sagen: Ich biete dir eine übertarifliche Bezahlung, ich biete dir einen Zuschuss für den Kindergarten oder so –, dann sieht es mau aus auf dem Land.
Zumal es sein kann, dass der Kindergarten mangels Kindern auch schon geschlossen ist.
Es ist schwierig, und ich würde mir wünschen, dass die Politik zumindest dieses Problem sieht und vor allen Dingen, dass sie das anders löst, als die PTA als Vertretung für Apotheker einzusetzen. Es braucht Alternativen und Ideen.
Was würden Sie als Schlusswort noch sagen wollen?
Wie anfangs gesagt: Für mich ist und bleibt die Apotheke vor Ort ein wichtiges Standbein des Gesundheitssystems. Ich weiß, dass gerade junge Leute vieles online erledigen und nicht unbedingt den direkten Kontakt brauchen – da reicht’s, wenn der Postbote klingelt. Aber ich bitte jeden: Vergessen Sie nicht, dass gerade die Vor-Ort-Apotheke die Anlaufstelle ist, wenn ich nicht weiß, was ich nehmen soll oder ob ich damit besser zum Arzt gehen sollte. Es sind – ich glaube – in den deutschen Apotheken etwa 160.000 Menschen beschäftigt, und die wollen, wie jeder andere auch, bezahlt werden. Das ist natürlich etwas teurer als der Online-Handel, in vielen Fällen sind wir aber nicht viel teurer. Das muss man auch mal sagen.
Herr Karmauß, ich danke Ihnen für das Gespräch und hoffe, wir sprechen in zwei Jahren nicht wieder über die gleichen Probleme.
Das Gespräch wurde vom Autor gekürzt. Einige Details sind bereits im Artikel von November 2023 ausführlich behandelt worden und dort nachzulesen.
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