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Jüngere Leipziger steigen lieber aufs Rad als in die teure Straßenbahn

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    Leipzig ist in Bewegung, stärker, als es sich die Verwaltung ausmalt. Und vor allem: Es steigt um. Das zeigen auch die Aussagen zur Fahrradnutzung in der „Bürgerumfrage 2015“: Immer mehr Leipziger steigen aufs Fahrrad um. Und vor allem die Jüngeren nutzen das Fahrrad, wo immer sie können. Die flache Landschaft macht Leipzig zur Fahrradstadt. Nur die Politik kleckert hinterher.

    Was sich in den nach wie vor nur mittelmäßigen Werten bei der Einschätzung der Radverkehrsanlagen zeigt. Es gibt Ortsteile, da sind die Bewohner überdurchschnittlich zufrieden – wie in Grünau-Nord und Eutritzsch mit 69 Prozent – was wahrscheinlich nur die Eutritzscher verstehen, für Durchfahrende ist Eutritzsch ein genauso desolates Pflaster wie Gohlis oder Leutzsch. In Leutzsch attestieren nur 27 Prozent der Befragten den Radanlagen einen guten Zustand.

    Zufriedenheit mit den Radanlagen in den Leipziger Ortsteilen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2015
    Zufriedenheit mit den Radanlagen in den Leipziger Ortsteilen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2015

    Die Leipziger Statistiker haben sogar eine Karte gemalt, die das Rauf und Runter der Zufriedenheit in den Ortsteilen abbildet. Aber zur Wahrheit gehört wohl auch, dass viele junge Menschen aufs Rad steigen, weil sinnvolle Verkehrsalternativen fehlen. So ist der Anteil der Schüler und Studenten, die lieber mit dem Rad zur Ausbildungsstätte fahren, von 45 und 46 Prozent in den Jahren 2011 und 2013 auf 58 Prozent hochgeschnellt. Eigentlich eine klare Botschaft: Man verzichtet zwar aufs Auto, ist aber auch nicht mehr bereit, die überhöhten Tarife der LVB zu zahlen. Und da die Stadt zumindest fleißig dabei ist, überall Fahrradbügel aufzustellen, fährt man eben überall, wo es möglich ist, mit dem Rad. Sehr zum Ärger der alten Autofahrer.

    Aber was vor zwei, drei Jahren noch wie ein Konflikt aussah, der jetzt erst richtig in die Gänge kommt, wirkt zunehmend wie ein Rückzugsgefecht: Die jungen Radfahrer sind auf dem Vormarsch. Der Ärger der Alten wetterleuchtet zwar bis in den konservativen Stadtrat hinein, kann die Veränderung aber nicht aufhalten.

    Und es sind nicht nur die ganz jungen Leute, die das Fahrrad als echte Alternative im Stadtverkehr für sich entdeckt haben. In der gesamten Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen ist der Wert der täglichen Fahrradnutzung von 23 Prozent in den Jahren 2011 und 2013 auf 33 Prozent hochgeschnellt. Die LVB müssen sich also nicht wundern, wo ihr Fahrgastzuwachs bleibt: Er rollt auf dem Rad neben der Bahn her. Oder vorneweg, weil die Straßenbahnen zunehmend hinter Schlangen von Linksabbiegern an den Ampeln festhängen.

    Da ist dann die Frage nach der Nutzung des ÖPNV für die Fahrradmitnahme eher ein Feigenblatt – denn kostenlos mitnehmen dürfen es ja nur Studierende. Alle anderen müssen ein extra(teures) Ticket lösen. Deswegen nimmt auch kaum einer sein Rad mit in die Straßenbahn. Der Anteil stagniert seit Jahren bei 3 Prozent, die es „mehrmals pro Monat“ mit in den ÖPNV nehmen – und da sind die Zahlen der S-Bahn-Nutzung mit dabei. Leipzigs Straßenbahnen sind nicht auf Fahrradmitnahme eingerichtet. Immer öfter reichen sie nicht mal aus, um alle Kinderwagen mitzunehmen. Wonach übrigens nicht gefragt wurde. Was schon auffällt.

    Und natürlich wollten die Statistiker auch wissen, wo denn nun die emsigen Radfahrer alle wohnen. Klares Ergebnis: nicht am Stadtrand. Es ist die kompakte Innenstadt, wo über 25 Prozent der Befragten das Fahrrad (fast) täglich nutzen. Am Stadtrand sind es oft weniger als 5 Prozent.

    Aber zu den Rentnern und ihrer zunehmenden Automobilisierung haben wir ja schon geschrieben. Sie gehören – neben den 50- bis 64-Jährigen – zu den Bevölkerungsgruppen, wo der Anteil der eifrigen Radfahrer stagniert bzw. leicht zurückging. Was natürlich die Generationenkonflikte auf der Straße verschärft. Aber daran haben die mobilen Leipziger keine Schuld, sondern die Tatsache, dass viele Teile des Radnetzes schlicht nicht barrierefrei und sicher sind. In Sachen Fahrrad ist Leipzig – trotz idealer Voraussetzungen – eine Stadt mit riesigem Nachholbedarf.

    Entsprechend müßig ist die Frage, ob im Ortsteil in letzter Zeit genügend für den Radverkehr getan wurde. In der Frage schon steckt die ganze Leipziger Flickschusterei. Wenn nicht mal die großen, stadtübergreifenden Strukturen wirklich aufnahmefähig und übergreifend sind – was sollen da die ganzen Einzelstücke bewirken, die irgendwo am Stadtrand gebaut wurden, außer eine punktuelle Entlastung, die die Schwelle für das Gesamtsystem nicht senkt?

    Aber ein Verdacht drängt sich auf: Kann es sein, dass das Radfahren auch etwas mit Gesundheit und Übergewicht zu tun hat?

    Dazu kommen wir gleich.

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    2 KOMMENTARE

    1. Als jemand, der berufsbedingt auf das Auto angewiesen ist, bin über jeden einzelnen Menschen froh, der für die innerstädtische Fortbewegung die Straßenbahn, das Fahrrad oder die eigenen Füße nutzt. Zu Hauptverkehrszeiten benötige ich jetzt schon manchmal 20 Minuten und mehr, um überhaupt aus meinem Viertel herauszukommen und die Tendenz sieht eher nach einer weiteren Verschlechterung aus.
      Es sollte doch jedem bewusst sein, dass der innerstädtische Raum für den Kraftfahrzeugverkehr begrenzt, wenn nicht sogar schon voll ausgereizt ist. Mir ist es, um es mal polemisch auszudrücken, unbegreiflich, wie man ernsthaft daran interessiert sein kann, hier verkehrspolitisch Stuttgarter Verhältnisse zu schaffen.
      Daher muss zwingend ein zukunftsfähiges Verkehrskonzept her, welches das anhaltende Bevölkerungswachstum berücksichtigt und das Funktionieren des überregionalen Transitverkehrs sowie des innerstädtischen Verkehrs garantiert. Dazu gehören nun einmal zwingend die Stärkung der Infrastruktur für Fahrradfahrer und eine entsprechende Förderung und ein Ausbau des ÖPNV, nicht nur innerstädtisch, sondern auch in der Metropolregion Halle-Leipzig. Den Zuzug infrastrukturell allein mit einem unzureichend Ausbau von Parkmöglichkeiten für Kfz abfangen zu wollen, ist mehr als blauäugig.

    2. Im ganzen Gefecht sollte die Stadt noch froh sein, dass jene Wechsler, denen der ÖPNV nachweisbar zu unattraktiv erscheint, zu ökologischen Radlern geworden sind und nicht zu noch mehr Autofahrern! Dann würde der Modal Split noch schlimmer ausfallen… Bemerkenswert: die CDU als verlängerter Arm der Wirtschaftslobby ningelt rum, dass Parkplätze für Radbügel geopfert werden!

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