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Verkehrsdezernat erklärt der AfD, warum Grüne Wellen in richtigen Städten nicht funktionieren

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    2019 hat die AfD-Fraktion im Leipziger Stadtrat es schon einmal versucht – damals erst einmal nur mit einem Antrag zu einer „Grünen Welle“ auf der Prager Straße, auf den Leipzigs Verkehrsplaner schon bedauernd antworteten, sie würden den Autofahrern – nicht nur den blauen – dort nur zu gern ein Durchfahren ohne Bremsen organisieren – wenn da nur nicht die ganzen kreuzenden Hauptverkehrsstraßen wären. Nun gibt es das zweite Päckchen Bedauern für die blaue Autofahrerfraktion.

    Die hatte jetzt beantragt: „Die Stadt Leipzig prüft die Möglichkeit der Verkehrsbeschleunigung auf Leipzigs Hauptverkehrsachsen stadtein- und -auswärtig durch Einstellung der Ampelschaltungen auf eine ,Grüne Welle‘ für alle Verkehrsarten, einschließlich für Kraftfahrzeuge.“ Unter den Antragspunkten stand dann auch noch ein Extra-Hinweis auf die Straßenbahnen: „Die Stadt Leipzig prüft, wie die Beschleunigung des Straßenbahnverkehrs mit einer Beschleunigung des Kfz-Verkehrs verbunden werden kann (Ampelschaltungen/Kopplung).“Deutlicher kann man als Fraktion gar nicht zeigen, dass man vom Straßenbahnfahren so gar keine Ahnung hat. Und das, obwohl das Verkehrsdezernat schon darauf hingewiesen hatte, dass Straßenbahnen öfter mal halten müssen, damit Fahrgäste ein- und aussteigen können. Eigentlich ein Punkt, der deutlich macht, wie unterschiedlich die Sicht verschiedener Verkehrsteilnehmer eigentlich auf das doch sehr komplexe Thema „schnelles Vorankommen in der Stadt“ ist.

    Der AfD-Antrag von 2019 blieb logischerweise erfolglos, weil die Leipziger Verkehrsplaner genau das, was die AfD beantragt hatte, seit Jahren versuchen – und damit großflächig scheitern.

    Denn im Grunde steht nichts anderes in der Stellungnahme aus dem Verkehrs- und Tiefbauamt, wo ein Sachbearbeiter wahrscheinlich nur noch den Kopf geschüttelt hat über die Realitätsfremdheit in der blauen Fraktion. Denn die hatte vollmundig festgestellt: „So stellte die AfD-Stadtratsfraktion am 25.10.2019 den Antrag, eine ,Grüne Welle‘ auf der Prager Straße zu prüfen. Innerhalb der Beratungsphase in den Gremien des Stadtrates wurde durch die Stadtverwaltung kurzfristig für Abhilfe gesorgt und dort weitgehend eine ,Grüne Welle‘ eingerichtet.“

    Nein, nicht wirklich. Oder mit den Worten aus dem Verkehrs- und Tiefbauamt: „Hinsichtlich des erwähnten Antrags vom 25.10.2019 (,Grüne Welle‘ auf der Prager Straße) ist darauf hinzuweisen, dass weder innerhalb der Beratungsphase in den Gremien noch im Anschluss Änderungen an der Koordinierung im Zuge der Prager Straße vorgenommen worden sind.“

    „Grüne Wellen“ sind natürlich der feuchte Traum aller Autofahrer: Einfach immer geradeaus fahren und alle Ampeln stehen auf Grün. Ein Traum, den in Leipzig auch schon andere Fraktionen träumten, weil sie felsenfest der Überzeugung waren, so lasse sich zügiger Verkehr mit weniger Schadstoffausstoß organisieren.

    Aber die Auskunft des Verkehrs- und Tiefbauamtes bestätigt im Grunde, dass sich so etwas in einer Großstadt mit hunderten Kreuzungen und unterschiedlichsten Verkehrsarten nicht umsetzen lässt. Es gibt nämlich noch mehr Gründe, warum eine „Grüne Welle“ scheitern muss oder bestenfalls immer nur ein paar Kraftfahrer eine erleben, während hinter ihnen schon genau das anfängt, was den Verkehr in einer Großstadt so chaotisch macht.

    Das Verkehrs- und Tiefbauamt dazu: „Grundsätzlich sind bei jeglicher Planung von Lichtsignalanlagen die gewünschten Koordinierungsbeziehungen Untersuchungsgegenstand, jedoch sind diese nicht immer realisierbar. Eine ideale Koordinierung kann nur bei idealen Knotenpunktabständen und einer einheitlichen Umlaufzeit der einzelnen LSA erzielt werden. Dieser Abstand beträgt bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h und einer Umlaufzeit der Lichtsignalanlagen von 90 s etwa 625 m.“

    Doch weder fahren alle Kraftfahrer auf den Hauptstraßen ihre ideale 50 noch sind die großen Kreuzungen im Idealabstand von 625 Meter voneinander zu finden. So etwas könnte man bestenfalls in einer völlig neu geplanten Stadt am Reißbrett realisieren, aber nicht in einer gewachsenen Stadt wie Leipzig.

    „Bei abweichenden Knotenpunktabständen ist zumindest eine Fahrtrichtung in der Koordinierung beeinträchtigt“, geht das Verkehrs- und Tiefbauamt auf diese tägliche Kollision der Vision mit der Wirklichkeit ein. „Wenn die übrigen, d. h. nicht koordinierten Signalphasen einen nur geringen Zeitbedarf aufweisen, also an kleineren Knotenpunkten, können ungünstige Abstände in bestimmten Grenzen recht gut ausgeglichen werden. An größeren Knotenpunkten sind Koordinierungsbrüche aber oftmals nicht vermeidbar.“

    Und da hat der Liebhaber des flotten Fahrens auch die Stoßzeiten im Verkehr nicht mitbedacht, wie das Verkehrs- und Tiefbauamt betont: „Aus Gründen der Leistungsfähigkeit müssen je nach Tageszeit oft unterschiedliche Umlaufzeiten zur Anwendung kommen, sodass die Qualität der Koordinierung auch tageszeitlich schwanken kann. Weitere Einflussfaktoren sind der Freigabebedarf der Nebenrichtungen und des ÖPNV, die Einhaltung bestimmter maximaler Wartezeiten oder die Gewährleistung einer vollständigen Querung der Straße für den Fußgängerverkehr.“

    Ach ja – die zu Fuß laufenden Zweibeiner gibt es ja auch noch.

    Und manchmal wollen die ja gern noch vor der nächsten Grünphase zu ihrer Straßenbahn, die meist ihre Haltestelle vor der Kreuzung hat. Nächstes Problem also: „Zusätzlich ist zu beachten, dass sich Kfz-Koordinierung und Beschleunigung des öffentlichen Personennahverkehrs aufgrund der unterschiedlichen Reisegeschwindigkeit (z. B. durch Haltestellenaufenthalte bedingt) dem Grunde nach gegenseitig ausschließen, sodass manche Schaltungen eher auf Straßenbahn und Bus abgestimmt sein können, als eine perfekte Kfz-Koordinierung zu gewährleisten.“

    Und dann gibt es Stoßzeiten im Verkehr, da ist mit starren Taktungen das Chaos programmiert. Da müssen Ampelphasen oft deutlich verlängert werden, damit die nachdrängenden Kraftfahrzeuge überhaupt einigermaßen schnell durchgeschleust werden können: „Zur Reduzierung von Wartezeiten für alle Verkehrsteilnehmer und bei komplizierten Knotenpunkten müssen einzelne Lichtsignalanlagen auch vollverkehrsabhängig mit variabler Umlaufzeit betrieben werden. In solchen Fällen ist dann überhaupt keine Koordinierung möglich.“

    Weshalb Leipzigs Verkehrsplaner ja daran arbeiten, die ganzen Verkehrssteuerungen zu digitalisieren und künftig computergestützt zu koordinieren. Mit starren Phasen-Regelungen ist da einfach nichts zu machen.

    Auch wenn die Planer dem innigen Wunsch der AfD-Fraktion nur zu gern entsprechen würden, aber nicht ganz so scheuklappenmäßig wie die Herren Autofahrer in Blau.

    „Aus oben genannten Gründen versteht die Verwaltung den Antrag als Auftrag, auch bei künftigen Planungen die Belange der einzelnen Verkehrsteilnehmer im Sinne der durch den Stadtrat beschlossenen Mobilitätsstrategie 2030 sowie des Stadtentwicklungsplanes Verkehr und öffentlicher Raum sorgfältig gegeneinander abzuwägen“, betont das Verkehrsdezernat nämlich.

    Was schon ein kleiner freundlicher Stupser ist und ein ganz amtlicher Hinweis darauf, dass die Zeiten, als in Leipzig nur ans Auto gedacht wurde bei Verkehrsplanungen, eigentlich vorbei sind. Nämlich seit der Stadtrat das Nachhaltigkeitsszenario für die Leipziger Verkehrspolitik beschlossen hat.

    Leipzig ist keine Idealstadt, wie sie hinter der Idee der „Grünen Welle“ steckt. Das wird nur bedauern, wer wirklich immer sofort überall schnellstens hinkommen will. Dafür ist Leipzig eine reale Stadt, in der sich die Bürger alle völlig unterschiedlich, also ziemlich chaotisch fortbewegen.

    Was sich künftig vielleicht erst lösen lässt, wenn man das Autofahren komplett einer mit der Verkehrssteuerung vernetzen Künstlichen Intelligenz überlässt. Vielleicht „flutscht“ es dann ja sogar, weil das chaotischste aller Elemente endlich ausgeschaltet ist: der von allem Möglichen permanent abgelenkte Autofahrer.

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    1 KOMMENTAR

    1. „„Grüne Wellen“ sind natürlich der feuchte Traum aller Autofahrer […]“

      …während der Fußgänger sich natürlich nicht darauf einen abwichsen wird, in einem Zug über die geteilte, doppelt beampelte Straße zu kommen. Der bleibt sehr gern in der Mitte stehen und wartet auf sein zweites grün.
      Und auch der durchschnittliche Radfahrer bremst ganz ohne dicke Eier brav an jeder roten Ampel der Karli, wie man das an jedem einzelnen Tag beobachten kann. Ich bin jetzt einfach mal im Duktus der Erotik geblieben, einfach um das alte und weiße noch mal herauszukramen…

      Jeder der / die unterwegs ist möchte gern schnell voran kommen. Und während sich die ganzen Dinge aus dem Amt wie ein einziger Verhinderungshaufen anhören, fällt mir mal wieder was aus Dresden ein:

      – digitales Forschungsprojekt grüne Welle für Straßenbahnen und Busse auf der Nord-Süd-Achse über den Pirnaischen Platz
      http://www.dvb.de/~/media/files/die-dvb/dvb-broschuere-neue-ampelschaltung.pdf

      – Grüne Welle der Radfahrer
      https://www.adfc-dresden.de/index.php/neuigkeiten/2437-dresden-bekommt-erste-gruene-welle-fuer-den-radverkehr

      – Grüne Welle Zellescher Weg für Autofahrer
      https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2001/11/c_2797.php

      – dynamische grüne Welle für den Autoverkehr nach Süden stadtauswärts
      https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2020/12/pm_029.php

      Natürlich hilft es, wenn alles rollen kann. Nicht überall, nicht völlig gleichberechtigt und auch nicht gleich komplett miteinander vermascht. Aber im Gegensatz zu solchem Quatsch wie auf dem Leipziger Floßplatz, wo die Ampel weder bedarfsgerecht für Fußgänger reagiert, da sie offensichtlich nur ihrem einprogrammierten Takt folgt und nicht der Bedarfstaste der Fußgänger, noch den Autoverkehr sinnvoll steuert und damit die Emissionen noch verstärkt, die dort gemessen werden, kann man mit sinnvollen Steuerungen viel erreichen. Natürlich konnte die Strecke „neues Rathaus-Floßplatz-Pferderennbahn“ eine grüne Welle erhalten (und zwei weitere Blitzer, inkl. Motorradblitzer). Was, außer Politik, spricht dagegen?

      Ja, nicht jeder hält sich an solche Steuerungssysteme. Es gab in Göttingen, früher auch in Dresden, bestimmte Straßen mit Anzeigen zur Geschwindigkeitssteuerung. Da stand dann, dass man mit Tempo 30, 40 oder 50 an der nächsten Ampel bei grün ankommt. Natürlich gibt mancher dennoch zu viel Gas und bringt das System aus der Ordnung. Aber genau wie digitale Zeitanzeigen bis zum nächsten Grün für Fußgänger und auch Autofahrer wächst doch Verständnis für das System. Die LVB haben teilweise schon solche Anzeigen, damit die Türen rechtzeitig geschlossen sind wenn es „Fahrt frei“ für die Bahn gibt.

      Vermutlich kam der Antrag einfach von der falschen Partei, als dass es sich lohnen würde darüber nachzudenken.

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