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Schillerndes Dunkel zur Buchmesse 2011: Herausgeber Alexander Nym im L-IZ-Interview

Daniel Thalheim
Alexander Nym ist der Herausgeber von "Schillerndes Dunkel" - hier bei der Präsentation beim 19. WGT 2010 in den Räumen des Ploettner Verlags.
Alexander Nym ist der Herausgeber von "Schillerndes Dunkel" - hier bei der Präsentation beim 19. WGT 2010 in den Räumen des Ploettner Verlags.
Foto: Daniel Thalheim
2010 erschien zum 19. Wave Gotik Treffen "Schillerndes Dunkel". Es soll das neue Standardwerk sein, das die schwarze Szene von seinen Anfängen in allen Facetten beleuchten soll. Nun naht der zweite Klotz. "Shimmering Darkness" dürfte ab Herbst nicht nur für die englischen Leser interessant sein, verspricht die englischsprachige Zweitausgabe viel Neues. Alexander Nym erzählt.

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Als wir uns das letzte Mal über "Schillerndes Dunkel" getroffen hatten war es das 19. WGT in den Räumen des Ploettner Verlags. Damals ging's um die deutsche Ausgabe, nun eine englische, die zur Frankfurter Buchmesse im Herbst erscheinen soll... für die kräftig die Werbetrommel gerührt wird. Warum macht man das?

Es geht derzeit primär darum, Nachfrage zu generieren und Netzwerke für den Vertrieb aufzubauen. Es gab schon vor Monaten auf Band-Homepages inoffizielle Ankündigungen von Leuten, die beim Buch mitgewirkt haben, die natürlich wild darauf sind, dass "Schillerndes Dunkel" auf englisch erscheint. Es haben viele Engländer und Amerikaner zum Entstehen dieses Buches beigetragen, da ist es nur folgerichtig, dass es nun auch in englischer Sprache erscheint.

Die Herausgabe ist ein umfangreiches Unterfangen, weil es auch vom inhaltlichen her sozusagen remixt wird. Es kommen ein paar neue Beiträge rein, ein paar andere Sachen, die für die anglo-amerikanische Welt nicht so interessant sind, lassen wir raus. "Shimmering Darkness" wird nicht ein komplett neues Buch, aber substantiell anders als die deutsche Ausgabe.

Alexander Nym.
Alexander Nym.
Foto: Daniel Thalheim
Was wird neues zu lesen sein?

Ich greife zwei Beispiele raus: Eines ist Kirsten Borchardt, die früher fürs Zillo geschrieben hat und eigentlich die Koryphäe in Deutschland ist, wenn es um Gothic Rock und Alternativ-Musik geht, auch für den Hannibalverlag arbeitet und eine Monographie über die Einstürzenden Neubauten veröffentlicht hat. Sie hätte schon für die deutsche Ausgabe einen Artikel über Gothic Rock beisteuern sollen, woraus seinerzeit leider nichts geworden ist. Sie hat sich aber gefreut, nochmals die Gelegenheit zu bekommen, für die englische Ausgabe etwas zu schreiben. Dann werden wir von Darryl Hell alias DJ Hell aus New York etwas dabei haben, der als "culture artivist" unterwegs ist. Er hat auch mit Death In June zusammen gearbeitet (über die im Sommer die erste ausführliche Band-Biographie im Plöttner-Verlag erscheinen wird, Anm. d. Red.).

Vor diesem Hintergrund hat er einiges interessantes und aufrüttelndes zu erzählen, was sich in der Death In June-Rezeption in den Vereinigten Staaten so abspielt. Ein Kapitel des Buches behandelt ja Okkultismus, Satanismus und den Neo-Nazi-Diskurs. Das wird also sehr spannend, weil Hell als Afro-Amerikaner Death In June aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet und die durchaus umstrittene Band auch über die politischen Dimensionen beleuchtet. Dann haben wir Steve Severin von Siouxise and the Banshees. Er erzählt aus der "formativen Ära" heraus, wo sich die verschiedenen "schwarzen" Stilrichtungen aus dem Post-Punk heraus entwickelten. Er erzählt, welche inhaltlichen und ästhetischen Einflüsse zur Herausbildung dieser Düster-Ästhetik, wenn man so will, geführt hat. Jemand von Test Dept. wird etwas über Kunst, Performance und Ästhetik der zweiten Industrial-Generation der Achtziger Jahre schreiben. Die waren damals sehr politisch aktiv mit Gewerkschaften, Arbeiterbewegungen, ... Ich bin sehr gespannt drauf, weil in England die Spannungen zwischen den gesellschaftlichen Klassen viel präsenter gewesen sind als hierzulande.

Man denke an die "Thatcher"-Ära...

Das war ein Katalysator für die ganze Underground-Bewegung.

So ähnlich wie jetzt unter Merkel...

Definitiv, es kommt alles wieder. Hat man wirtschaftliche Krisen, kommt es zur Zuspitzung und extremen Positionen innerhalb der Gesellschaft. Jetzt natürlich exponiert durch die Diskussionen in und durch die digitalen Medien, die eine wichtige Rolle bei der politischen Berichterstattung spielen. Neulich hat jemand bei Facebook die Guttenberg-Affäre als Aufstand der Intelligenten bezeichnet (Lacht)... Das war sehr treffend formuliert. Wenn man betrachtet, dass es Menschen gibt, die der aufgeblasenen Mediensache auch noch glauben, von wegen "Gutti, der Lichtbringer", als sei es okay, dass jemand von der Aristokratie Murks macht, weil für die andere andere Gesetze gelten, ... wenn man so etwas liest, denkt man, wir befänden uns im 19. Jahrhundert.

Jetzt sind wir von Thatcher zu Gutti gekommen. Für Engländer ist das wohl nicht sehr interessant. Was ist an "Shimmering Darkness" nicht so interessant gewesen, was in der deutschen Ausgabe aber steht?

Wir haben einen sehr schönen Beitrag in der deutschen Ausgabe, der Texte von deutschen Bands analysiert, sie auf Intertextualität abklopft und literaturgeschichtlich verortet. Das ist für ein englischsprachiges Publikum aus unserer Sicht nicht so relevant, was Das Ich, Goethes Erben und Rammstein erzählen. Wir hatten bei der deutschsprachigen Ausgabe schon extreme Platzprobleme, von daher müssen wir gucken, was wir an neuem Material dazu nehmen. Wir können schauen, dass wir noch ein paar nicht fürs englischsprachige Publikum relevante Artikel herausnehmen, aber insgesamt wird "Shimmering Darkness" wohl noch ein paar Seiten dicker als die die deutsche Version werden.

"Schillerndes Dunkel".
"Schillerndes Dunkel".
Bild: Ploettner Verlag
Wird das auch so aussehen wie die deutsche Ausgabe?

Weil der englische Markt grundsätzlich anders strukturiert ist, sind Musikbücher, die nicht von speziellen Bands handeln, selten. Zusätzlich zur Edelausgabe wie sie die Deutschen kennen, wird es eine Softcover-Ausgabe geben. Die ist primär an die Laufkundschaft in Platten- und Bücherläden bestimmt.

Gibt es texttechnisch Favoriten für Dich?

Das wäre jetzt gemein, welche heraus zu picken. Aber ich kann erzählen, was das Publikum bei Lesungen gerne mag. Das ist der Text von Myk Jung, der fürs "Gothic Magazin" brillante Kolumnen produziert, selber auch schriftstellerisch tätig ist und mit uns zur Leipziger Buchmesse einige Lesungen bestreitet. "Das Diktat der Langeweile" ist ein herrlich bissig-ironischer, aber auch selbstkritischer und lustiger Text, auch über aktuelle Entwicklungen innerhalb der Szene. Da bleibt kein Auge trocken.

Wie sind die Reaktionen gewesen bei den bisherigen Lesungen - war man kritisch, voller Lobes...?

Es ist mein persönliches Anliegen, nach Buchpräsentationen und Lesungen mit dem Publikum in diskursiven Austausch zu treten. Wobei es interessant ist, zu beobachten, dass es eher die Leute sind, die mit der Szene direkt gar nicht so viel zu tun haben, die aus Neugier und Interesse zu den Veranstaltungen kommen, auch Fragen stellen. Wenn man Schwarzkittel-Publikum hat, die halten merkwürdigerweise die Klappe nach den Lesungen. Da kommt nix. Oder nur wenig, und eher selten.

Wieso ist das so?

Ich habe den Eindruck, dass man sich nicht die Blöße geben will. Frei nach dem Motto, wenn man so aussieht als wäre man Bestandteil der Szene, dann ist es wohl nicht so cool, wenn man durch Nachfragen den Anschein erweckt, man wisse nicht alles. Das ist natürlich Blödsinn, denn wer blickt schon komplett durch? Es hat keiner den kompletten Überblick. Wenn man junge Leute dabei hat, die trauen sich nicht so recht, über ihren Schatten zu springen. Mit den älteren Semestern, die aus ihren Erfahrungen erzählen können, ist es leichter ins Gespräch zu kommen.

Das wird auch zur Leipziger Buchmesse so sein?

Na ich hoffe doch!

Wann und wo wirst Du zu sehen sein?

Am Freitag gibt's erstmal einen Vortrag über das serbische Avantgarde-Projekt "Autopsia" von meinem lieben Freund und Kollegen, dem Londoner Kulturtheoretiker Alexei Monroe (dessen Buch über Laibach und die "Neue Slowenische Kunst" Ploettner auch auf deutsch veröffentlichen werden, Anm. d. Red.); das findet am Freitag um halb vier im Zeitgeschichtlichen Forum statt und dürfte sehr faszinierend werden.

Abends ab 20 Uhr gibt's dann in "Des Geiger's Rätsel" Lesungen und Gespräche rund ums "Schillernde Dunkel" mit einer illustren Palette an Gästen: Der Fetisch-Fotograf Holger Karas, der Pressesprecher des WGT Cornelius Brach, die erwähnten Dr. Monroe und Myk Jung sowie das Szene-Urgestein Klaus Märkert werden im Lauf des Abends zu einem gemütlichen Stelldichein zusammen finden, und der japanische Musiker Kenji Konishi wird etwas Musik auflegen.

Am Samstag ab 16 Uhr werden Autoren von Edition PaperOne zusammen mit Klaus, Myk und mir im "Dark Flower" zu hören sein, und zum Abschluss wiederholen wir das Ganze dann am Sonntag im "Geiger's Rätsel" ab 17 Uhr, für alle, die am Vortag nicht konnten und umgekehrt. Es wird also dunkel zur Buchmesse in Leipzig!

Dann bis zu einer der Veranstaltungen und viel Erfolg!


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